Kind und Karriere

Bei diesem Grünen-Ehepaar gibt's keine Elternzeit

Die Grünen Kerstin Andreae und Volker Ratzmann haben zwei Kinder, jetzt kommt das dritte. Ein Gespräch darüber, wie Politiker Beruf und Familie vereinbaren.

Foto: Dominik Butzmann / Dominik Butzmann/www.dbutzmann.de

Nicht nur Familienministerin Kristina Schröder (CDU) ist schwanger. Auch Kerstin Andreae, 42, wirtschaftspolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, erwartet ein Kind, das Ende Mai zur Welt kommen soll. Auch Andreae ist mit einem Politiker verheiratet, mit Volker Ratzmann, 50, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, dem bis September ein anstrengender und für die Grünen wichtiger Wahlkampf ins Haus steht. Zur Familie gehören bereits zwei Kinder, ein zehnjähriger Junge und ein knapp zweijähriges Mädchen.

Morgenpost Online: Frau Andreae, Herr Ratzmann, wird's ein Junge oder ein Mädchen?

Kerstin Andreae: Erst hieß es, es wäre ein Mädchen, jetzt wird es wohl doch ein Junge. Vor der Geburt meines ersten Sohnes deutete auch alles auf ein Mädchen hin, und dann war's ein Junge. Also warten wir's einfach ab.

Morgenpost Online: Wie wollen Sie sich die Betreuung aufteilen?

Andreae: Da ich ja für die erste Ernährung zuständig bin, werde ich natürlich zu Anfang daheim bleiben, schon wegen des Mutterschutzes. Nach der Sommerpause werden wir dann sehen, wer wann Zeit hat, und uns die Aufgaben teilen.

Morgenpost Online: Keine Elternzeit?

Volker Ratzmann: Wir haben beide ein Mandat. Da gibt es die klassische Elternzeit nicht. Wir haben uns bewusst entschieden, die Kinder gemeinsam großzuziehen und uns die Aufgaben so zu teilen, dass jeder seine beruflichen Anforderungen erfüllen kann. Als Kerstin 2009 den Bundestagswahlkampf zu bestreiten hatte, bin ich kürzergetreten; dieses Mal habe ich in Berlin Wahlkampf, sodass sie sich mehr um die Kinder kümmern wird.

Morgenpost Online: Wie hat es bisher mit Politik und Familie geklappt?

Andreae: Gut. Wir haben in unseren Berufen den großen Vorteil, dass wir letztlich selbst entscheiden, wie wir uns die Zeit einteilen. Eine Bäckerei-Angestellte könnte das so sicherlich nicht.

Ratzmann: Und wir können uns zum Glück neben den klassischen Betreuungseinrichtungen eine Kinderfrau leisten, was die meisten anderen Paare nicht können. Wir haben keinen Grund, besonders zu klagen.

Morgenpost Online: Aber ein bisschen?

Andreae: Es ist durchaus ein Nachteil, dass sich politische Arbeit oft am Abend oder am Wochenende abspielt, sodass die in der ganzen Familie gemeinsam verbrachte Zeit knapp ist und man sehr flexibel sein muss.

Morgenpost Online: Haben Sie Zugriff auf den Kalender des jeweils anderen?

Andreae: Ich habe Zugriff auf seinen. Komischerweise er nicht auf meinen.

Ratzmann: Du weißt halt nicht, was ich für einen Deal mit deiner Büroleiterin habe. Dies ist aber ein wichtiger Punkt: Wir benötigen Leute, denen wir erlauben, in unser Privatleben zu gucken, genau zu wissen, wann unsere Tochter aus der Kita abgeholt werden muss, und sich auch mit dem jeweils anderen Büro abzusprechen. Wir müssen unser Familienleben für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter transparent machen, was uns aber leicht fällt, weil wir uns auf sie absolut verlassen können.

Morgenpost Online: Müssen Sie vom Büro auch mal an Termine der Kinder erinnert werden?

Ratzmann: Nein, familiäre Termine behalte ich besser als politische, was wohl daran liegt, dass man die familiären nicht verschieben kann. Wofür übrigens alle Verständnis haben. Wir müssen in unseren Fraktionen nicht darum kämpfen, uns um die Kinder zu kümmern.

Andreae: So einfach ist das auch nicht.

Ratzmann: Bei uns Berliner Grünen schon.

Andreae: Trotzdem darf man sich das nicht zu harmonisch vorstellen. Zwar würde mir niemand mein Fehlen in einem Gremium aufgrund familiärer Pflichten vorwerfen, aber der Termin findet natürlich dennoch statt. Insofern: Die Nicht-Teilnahme wird akzeptiert, aber es ist schwierig für mich zu sagen, dass meine Anwesenheit bei einem Termin so wichtig sei, dass wir ihn verschieben müssen.

Ratzmann: Hin und wieder habe ich die Kleine aber auch mal mitnehmen können. Sie hat bereits einige Büros von sehr wichtigen Leuten verwüstet. Wenn ich jedoch absagen muss, habe ich nicht das Gefühl, dass darunter die Wertschätzung meiner Arbeit leidet. Niemand sägt an meinem Stuhl, weil ich unsere Tochter betreuen muss.

Andreae: Ich glaube aber, dass das eine Besonderheit bei uns Grünen ist. Wenn SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles sagt, dass ihr Job „Begehrlichkeiten weckt“ und sie deshalb nach der Geburt ihres Kindes recht rasch wieder in den Betrieb müsse, dann ist da ja was Wahres dran. Frauen haben durchaus Grund zur Sorge, dass eine Babypause von anderen genutzt wird, um sich Zuständigkeiten zu krallen. Ich will nicht behaupten, dass es so etwas bei uns Grünen überhaupt nicht geben könnte, aber mir scheint, dass die Rücksichtnahme doch größer ist als in anderen Parteien.

Morgenpost Online: Und wenn ein Kind mal krank ist?

Ratzmann: Großalarm.

Andreae: Gott sei Dank akzeptieren die Kinder da auch die Kinderfrau. Aber klar, wir müssen wie alle anderen Eltern auch schon mal schnell nach Hause und Termine absagen.

Ratzmann: In der Großstadt ist man schnell zu Hause. In einem Flächenland ist das für Politiker viel schwieriger als hier.

Andreae: Vorausgesetzt, die S-Bahn fährt.

Ratzmann: (lacht) Deshalb kämpfen wir Grünen hier ja so sehr gegen das S-Bahn-Chaos.

Andreae: Mein Wahlkreis ist allerdings in Freiburg, außerhalb der Sitzungswochen bin ich immer wieder für ein paar Tage sehr weit weg. Da muss Volker die Sachen allein regeln.

Morgenpost Online: Können Kinder den Dauerstress reduzieren, dem Politiker ausgesetzt sind?

Andreae: Ich habe 2009 Wahlkampf mit der Kleinen gemacht, das war sehr entspannend, weil ich alle drei Stunde stillen und Pause machen musste, ohne Handy oder Laptop. Einfach nur in einem ruhigen Raum sitzen, stillen und dem Kind zugucken.

Morgenpost Online: Wie ist das jetzt zu Hause: Reden Sie da weniger über Politik, weil die Kinder dabei sind?

Andreae: Sicher, vor allem dann, wenn mein Sohn da ist. Da gibt es andere Themen als Merkel oder Wowereit.

Ratzmann: Aber das wollten wir auch gar nicht. Wenn die Kinder am Tisch sitzen, will man sich doch mit denen beschäftigen, nicht mit Strategiepapieren.

Morgenpost Online: Von meiner Frau soll ich Sie fragen, ob es bei Ihnen Geschlechterunterschiede beim Verhältnis von Beruf und Familienleben gibt. Meine Frau glaubt zu wissen, dass Männer während der Kinderbetreuung immer noch Mails lesen oder etwas anderes für die Arbeit machen wollen.

Andreae: (lacht) Ich behaupte ja, dass Volker häufiger telefoniert oder Mails liest. Aber wahrscheinlich kann ich das gar nicht beurteilen, weil wir einander nur selten mit den Kindern erleben. Meistens arbeitet der eine, während der andere bei den Kindern ist, und wenn ich so überlege, haben sich die noch nie beschwert, Volker wäre dauernd am Handy.

Ratzmann: Weil es gar nicht geht. Die Kleine ist einfach da, wildert durch die Wohnung und lässt mich nicht. Und der Große geht in die Schule und in den Hort, sodass die Zeit, in der wir uns sehen, gar nicht so lang ist. Dann steht so vieles an, dass für Mails keine Zeit bleibt.

Morgenpost Online: Verspüren Sie manchmal den Wunsch, ein oder zwei Jahre lang gar keine Politik zu machen und sich nur den Kindern zu widmen?

Ratzmann: Ja.

Andreae: Nein.

Morgenpost Online: Da sind Sie sich ja richtig einig.

Andreae: Das würde mich nicht reizen, klar, manchmal sehnt man sich nach völliger Ruhe, aber ganz raus, nein.

Morgenpost Online: Was raten Sie Ministerin Kristina Schröder und SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles?

Andreae: Ach, immer diese Ratschläge an Eltern. Man lernt es doch von selbst, gerade auch die in unseren Berufen erforderliche Flexibilität und die Bereitschaft, die Kinder recht früh abzugeben. Meine Erfahrung ist, dass Kinder es gut finden, wenn da mehrere Menschen sind, die sie sehr gern haben und sich liebevoll um sie kümmern.

Morgenpost Online: Früher wurden berufstätige Mütter verächtlich gemacht, heute wirkt es oft, als würden Mütter ausgegrenzt, die bewusst zu Hause bei den Kindern bleiben.

Andreae: Es gab tatsächlich die Gefahr, das dass Pendel ins andere Extrem umschlägt und nach dem alten Feindbild der Rabenmutter das neue Feindbild der Hausfrau und Mutter käme. Mittlerweile scheint sich das wieder zu entspannen, was sehr gut ist. Jede Frau und genauso jeder Mann soll für sich entscheiden können, wie sie oder er es damit hält. Oft hängt es ja auch von den Kindern ab. Unsere Kleine geht sehr gern in die Kita; andere Kinder aber kann man in diesem Alter noch nicht da hinschicken, weil die das nicht schaffen. Dann muss man eine Lösung finden. Wobei die Politik dafür sorgen muss, dass jede Rolle gelebt werden kann, dass Frauen nach einer Zeit der Kinderbetreuung wieder in den Job kommen, dass sie gute Aufstiegsmöglichkeiten haben und dass es auch für Kinder der fünften und sechsten Klasse einen Hortplatz gibt. Mindestens genauso wichtig ist, dass die Männer noch mehr über ihre Aufgaben bei all dem nachdenken.

Ratzmann: Was wohl nur geht, wenn dabei nicht sofort die ganze männliche Identität infrage gestellt wird. In Berlin gibt es einen Väterladen, der Kinderbetreuung mit intensiver Bundesliga-Beobachtung verbindet. Sehr gut.

Morgenpost Online: Sie haben im Berliner Abgeordnetenhaus viel mit Bildungspolitik zu tun. Kriegt man als Vater einen anderen Blick darauf?

Ratzmann: Ja. Wobei ich nicht der Bildungsexperte unserer Fraktion bin, aber das Thema im politischen Raum natürlich sehr stark erlebe. Wenn man ein Kind hat, das hier auf einer Schule ist, dann stellt man fest, wie gut manches hier funktionieren kann. Ja, es gibt hier gute Schulen. Zudem merkt man natürlich, dass es in der Schule nicht nur um Pisa und das Curriculum geht, sondern auch darum, wie das Klassenzimmer aussieht, wie die Klasse zusammengesetzt ist, ob den Kindern Zuneigung und Vertrauen entgegengebracht wird. Und eigentlich müssten Lehrer und Lehrerinnen mehr Wertschätzung für ihre Arbeit bekommen.

Morgenpost Online: Versteht man auch besser, dass es einen Elternwillen gibt, nach dem sich die Politik richten sollte? Etwa, dass viele Eltern großen Wert auf das Gymnasium legen, was manchen Grünen nicht so gefällt.

Ratzmann: Das Bildungssystem kann nur dann gut funktionieren, wenn die Eltern einbezogen werden. Für uns ist die Grundstruktur des Berliner Bildungssystems völlig in Ordnung. Man kann wählen, ob das Kind nach der vierten oder der sechsten Klasse aufs Gymnasium geht, ob es nach der sechsten auf eine Gemeinschaftsschule geht und ob es nach dem zwölften oder dem dreizehnten Schuljahr Abitur macht. Die Gymnasien sind für uns Grüne fester Bestandteil. Das Problem ist nicht die Struktur. Das Problem sind die Ausstattung, die Anzahl der Schüler pro Klasse, die Verteilung der Schulen in der Stadt und vor allem, ob unsere Schulen ein Klima der Zuneigung, der Toleranz, der Gemeinschaftlichkeit und der Förderung jedes Kindes ohne ein schematisches Aussortieren schaffen können.

Morgenpost Online: Und bei der Kita. Was wünschen Sie sich da am meisten?

Ratzmann: Erstens liebevolle Betreuung. Zweitens Vertrauen: dass ich mich auf die verlassen kann. Drittens, dass die Kita sich der Welt öffnet, dass die Kinder nicht in Watte gepackt werden, sondern den Alltag in seiner Vielfalt erleben.

Andreae: Viertens, dass es auch männliche Betreuer gibt.