Morgen, ihr Luschen!

"Ausbilder Schmidt" trifft auf echte Soldaten

Humor ist ein gutes Mittel, um mit schwierigen Themen umzugehen, sagt der Comedian Holger Müller. Vor allem in Afghanistan.

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Comedian Holger Müller geht als „Ausbilder Schmidt“ nicht zimperlich mit der Bundeswehr und den Soldaten um. Und mit Verteidigungsminister Guttenberg, seinem „Assistenten“. Denn, so Müller: „Ausbilder Schmidt kommt gleich nach der Kanzlerin.“ Das zweite Ausnahmemerkmal: Als Comedian besuchte er die deutschen Truppen in Afghanistan. Sein Auftritt dort machte ihn ungewohnt nachdenklich. Ansonsten spottet er nicht nur auf der Bühne über „Gorch Fock“, Wasserski und geöffnete Feldpost.

Morgenpost Online: Herr Schmidt, die Wehrpflicht ist seit diesem Jahr ausgesetzt. Sind Sie arbeitslos?

Ausbilder Schmidt: Ausgebildet wird immer, mit oder ohne Wehrpflicht. Aber ich bin ja Komiker und kein Soldat – und die Bundeswehr liefert nach wie vor gutes Material, um es humoristisch zu verarbeiten. Hartz IV bleibt mir also erst mal erspart.

Morgenpost Online: Seit 20 Jahren drillen Sie Wehrpflichtige. Was hat sich verändert?

Ausbilder Schmidt: Die Jugendsprache hat Einfluss aufs Militär genommen. Früher hieß es: „Achtung, Ausbilder Schmidt, melde gehorsamst!“ Heute heißt es: „Was geht, Alter?“

Morgenpost Online: Und was geht?

Ausbilder Schmidt: Die Rekruten werden mit viel Liebe hart, aber unfair rangenommen. Schließlich sollen Sie ihren Enkeln erzählen, wie schön es doch bei Ausbilder Schmidt war. Vom Truppenübungsplatz Lüneburgerheide nach Holland sind es auch nur zwei Stunden. Zu Fuß!

Morgenpost Online: Sind Sie Ausbilder geworden, weil es zum Soldaten nicht gereicht hat?

Ausbilder Schmidt: Leider ist Ausbilder Schmidt wegen seiner schnodderigen Art nie befördert worden.

Morgenpost Online: Ausgerechnet die CDU und ein Adeliger beschlossen die Aussetzung der Wehrpflicht. Gönnen Sie Verteidigungsminister Guttenberg die Vorkommnisse auf der „Gorch Fock“?

Ausbilder Schmidt: Einem Politiker kann man nie genug gönnen! Aber die „Gorch Fock“ habe ich eh nie verstanden: Das ist ein Segelschiff! Wir leben im 21. Jahrhundert, da will ich einen Flugzeugträger sehen!

Morgenpost Online: Machen Sie sich über die „Gorch Fock“ lustig?

Ausbilder Schmidt: Tagesaktuell ja, aber wenn Menschen ums Leben kommen, hört der Spaß auf.

Morgenpost Online: Also nur Witze über Wasserski und Mutproben?

Ausbilder Schmidt: Und über das Dschungelcamp. Dort müssen sie nämlich auch Känguruhoden essen. Wie bei Ausbilder Schmidt. Damit die Kameraden endlich mal das haben, was ihnen oft fehlt.

Morgenpost Online: Und damit sie nicht weinen, wenn Ausbilder Schmidt ihre Feldpost liest?

Ausbilder Schmidt: Ungeöffnete Feldpost? Alles Quatsch! Klar liest Ausbilder Schmidt die Feldpost. Gerne auch als Best of vor Publikum.

Morgenpost Online: Fehlt es der Bundeswehr an Moral?

Ausbilder Schmidt: Nee, aber wohl an Geld.

Morgenpost Online: Was zeichnet den idealen Ausbilder aus?

Ausbilder Schmidt: Große Klappe, harte Schale, weicher Kern.

Morgenpost Online: Sie haben die Bundeswehr in Afghanistan besucht. Warum?

Ausbilder Schmidt: Die Soldaten haben mich gefragt. Ich habe es für sie gemacht. Nicht für die Bundeswehr oder die Politik. Aus dem Comedy-Bereich hat sich dort noch keiner hingetraut. Mein Job war es, die Soldaten mal für zwei Stunden abschalten zu lassen. Gerade in Kundus ist es sehr krass.

Morgenpost Online: Wieso das?

Ausbilder Schmidt: Ich bin vorher in Masar-i-Scharif aufgetreten. Da war die Lage recht entspannt. Die Soldaten in Kundus sprechen teilweise sogar ironisch von Urlaub in Masar-i-Scharif. In Kundus ist das anders. Da ist die Gefahr deutlich zu spüren. Die Anspannung der Soldaten färbte schnell auf mich ab. Kundus war die Front.

Morgenpost Online: Haben Sie die Soldaten dort auch mit „Morgen, ihr Luschen“ begrüßt?

Ausbilder Schmidt: Ich habe lange überlegt. Aber die Soldaten wussten sofort, dass es Persiflage ist – und waren begeistert. Es war eine Hammer-Show. Mir fiel wirklich ein Stein vom Herzen.

Morgenpost Online: Sie haben eins?

Ausbilder Schmidt: Ja, ist vorhanden.

Morgenpost Online: Und die Soldaten in Afghanistan haben wirklich über Ihre Witze gelacht?

Ausbilder Schmidt: Ja. Gerade bei der Bundeswehr habe ich natürlich viele Skeptiker. Aber Humor ist ein gutes Mittel, um mit schwierigen Themen umzugehen. In Afghanistan hatten die Soldaten zwei Stunden lang wirklich Spaß. Den brauchen sie auch, denn sie haben zwar ein Mandat, aber trotzdem will keiner von ihnen dort sein.

Morgenpost Online: Gibt es einen speziellen „Front“-Humor?

Ausbilder Schmidt: Je schwärzer, desto besser.

Morgenpost Online: Ausbilder Schmidt kam, sah und brüllte. Worüber können Soldaten gar nicht lachen?

Ausbilder Schmidt: Dass sie dort in Afghanistan eine schlechte Internetverbindung haben. Fand ich übrigens auch nicht komisch. Natürlich gibt es Tabus, ist doch klar. Ich war in kriegsähnlichen Zuständen und nicht auf der Kirmes.

Morgenpost Online: Welche Themen sind tabu?

Ausbilder Schmidt: Ich muss gucken, dass ich nicht auf Dinge anspiele, die sie selbst erlebt haben oder unmittelbar betreffen. Getötete Soldaten. Das geht gar nicht. Und ist auch nicht komisch.

Morgenpost Online: Was ist Ihr Lieblings-Bundeswehrwitz?

Ausbilder Schmidt: Mit dem Panzer auf der Autobahn ist super. Andere machen Lichthupe, ich gebe einen Warnschuss ab.