Missbrauch

Die schlimmen Erinnerungen an Priester Ulrich

Erst hat der Vater sexuellen Kontakt zum Seelsorger, dann lädt dieser auch den elfjährigen Michael L. zu sich ein. Das Protokoll eines Missbrauchs.

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Manchmal stellt er sich seine Erinnerungen in einer Kiste mit rotem Samt vor. An guten Tagen kann er den Deckel öffnen und ganz in Ruhe hineinblicken. An schlechten Tagen öffnet sich der Deckel von selbst. Meist ist Michael L. damit beschäftigt, die Kiste geschlossen zu halten. „Ganz schön viel drin“, sagt der hübsche junge Mann mit den klaren blauen Augen und lacht gequält. Das Bild einer grobporigen Nase etwa, die Michael neben seinem Gesicht sah, wenn Ulrich H. von hinten in ihn eindrang. Oder das schmatzende Geräusch der Vaseline, mit der der Priester sein Geschlechtsteil zuvor eingerieben hatte.

Der Junge

Bis zum Alter von sieben Jahren wächst Michael in scheinbar normalen Verhältnissen auf. Er ist das mittlere von fünf Kindern, der Vater Lehrer, die Mutter Hausfrau. Zuhause herrscht eine herzliche Atmosphäre, es wird viel gemeinsam unternommen. Die Eltern sind religiös, bei Tisch wird gebetet, sonntags geht man in eine Baptistengemeinde. Michael ist ein schmaler zarter Junge, der viel nachdenkt. Seine Eltern nennen ihn „unseren kleinen Familienphilosophen“. Als er sieben ist, kommt immer öfter der katholische Priester Ulrich H. aus einem Nachbarort zu Besuch. Den Kindern wird er als „guter Freund“ des Vaters vorgestellt. In Wirklichkeit hat der Vater ein sexuelles Verhältnis mit dem Priester begonnen. Seine Mutter weiß davon und billigt es. Auch Familie L. besucht den Priester gelegentlich in seiner Gemeinde, in der H. seit zehn Jahren als Seelsorger tätigt ist.

Als Michael elf ist, wird er von Ulrich H. in den Herbstferien zu sich eingeladen. Eines Abends holt ihn der Priester beim Fernsehen auf seinen Schoß. Michael L. kann die Erektion durch die Hose spüren. Später im Bett befriedigt sich Ulrich H. zwischen den Beinen des Jungen. Beim zweiten Mal dringt er ihn ein. Es tut weh. Michael ist irritiert, schockiert, angeekelt. Nichts passt mehr zusammen. Tagsüber hilft er Ulrich H. beim Aussuchen einer Krippe für das Weihnachtsspiel. Abends holt ihn der Geistliche in sein Bett und vergewaltigt ihn. Die Vaseline im Nachtschrank hilft dabei. Alle Menschen haben Geheimnisse, flüstert er dem Jungen zu, dies ist jetzt unseres.

Und Michael schweigt. Seine Eltern fragen nicht, warum er manchmal stundenlang zusammengekrümmt auf dem Bett liegt. „Eigentlich hätten sie es wissen können“, sagt er heute. Ein Jahr später ist er erneut bei dem Priester. Der Albtraum wiederholt sich.

Erst im Herbst 1995 fliegt das Ganze auf. Einer der älteren Brüder von Michael hat der Mutter erzählt, dass der Priester ihn unsittlich berührt hat. Nun berichtet auch Michael, was passiert ist. Ulrich M. wird zum Gespräch „einbestellt“. Vor dem lodernden Kaminfeuer im Wohnzimmer der Familie bittet er um Entschuldigung. Die Eltern brechen den Kontakt ab. Anzeige erstatten sie keine. Ein Prozess, erklärt der Vater Michael, würde ihn seinen Job kosten und die Familie zerstören.

Der Priester ist aus dem Leben des Jungen verschwunden, nicht aber das, was er getan hat. Michael L. sackt in der Schule ab, er beginnt, zu kiffen und zu trinken. Er erträgt es nicht, nackt in Umkleidekabinen zu stehen, schlingt sich auch im Hochsommer ein Tuch um den Hals, als könne er sich damit schützen. Er baut einen Fahrradunfall, es schert ihn nicht. Sein Leben kommt ihm sinnlos vor. Die Eltern überlegen, ihn zum Schulpsychologen zu schicken. Er willigt ein, doch es wird nichts daraus. Irgendwie schafft er den Schulabschluss dennoch, beginnt eine Ausbildung zum Erzieher. Sexuelle Kontakte hat er lange Zeit keine.

Erst im Herbst 2007, über zehn Jahre später, kommt es zur Anzeige. Eine der Schwestern von Michael L. ist zur Polizei gegangen. Der Priester habe auch sie missbraucht, sagt sie. Sie drängt ihren Bruder, auch Anzeige zu erstatten. Michael L. tut es. Bei der Polizei wird er stundenlang vernommen. Dann bricht er zusammen.

Die Gemeinde

Die Frau hatte das Schlimmste befürchtet. Eine Woche zuvor ist ihr Pfarrer verschwunden. In der Gemeinde greift die Sorge um sich wie ein ansteckendes Fieber. Er hat einen Unfall gehabt, mutmaßen einige. Hatte er nicht auch Depressionen? Fragen die anderen ängstlich. Die Frau rechnet täglich mit einem Anruf aus dem Krankenhaus. Dann, an einem Mittwochabend, vor der traditionellen Wochenmesse, liest ein Pfarrer aus der Nachbargemeinde eine Nachricht vom Bischof vor. Die Staatsanwaltschaft ermittele gegen den Priester wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch. Keine Details. Nur, dass er die Vorwürfe abstreite. Im voll besetzten Saal herrscht Fassungslosigkeit. Viele weinen, auch Männer und Jugendliche. Einige gehen empört. Bei denen, die bleiben, macht sich schnell die Überzeugung breit: Nicht unser Priester.

Seit 1983 ist der stämmige Mann mit dem runden freundlichen Gesicht in der Gemeinde. Fromm, aber lebensnah. Das ist sein Konzept. „Zusammen beten, zusammen feiern“, sagt er gern. Die Leute lieben ihn dafür. Er legt Wert auf die Liturgie, aber auch darauf, dass die Botschaft verständlich bleibt. Einmal zerschmettert er in der Messe einen Krug. Um zu zeigen, dass bei Gott auch Zerbrochenes gut aufgehoben ist. Mit der Zeit bildet sich ein Freundeskreis um den Priester, alles junge Familien. Meist sind auch die Kinder dabei. Man unternimmt gemeinsame Radtouren, trifft sich zum Plätzchenbacken. Der Priester ist immer dabei. Auch bei den Familienfesten. Oft wird abends bei einer Flasche Wein diskutiert. Der Priester ist belesen, spricht mehrere Sprachen, interessiert sich für Kunst und Geschichte. Und er ist da, wenn der Vater stirbt, die Ehe kriselt, eine schwere Krankheit ausbricht.

„Wir hätten uns ein Bein für ihn abhacken lassen“, sagt die Frau, die mit ihrer Familie zum engeren Zirkel gehörte. Eine Woche lang sind sie überzeugt, dass jemand dem Priester Böses will. Einer, der sich über ihn geärgert hat. Oder eine Frau, die bei ihm abblitzte. Dann kommen die ersten Zweifel. Täglich stehen neue Meldungen über die Ermittlungen in der Zeitung. Der Priester wird aus der Untersuchungshaft entlassen, aber nur unter strengen Auflagen. Er darf nicht in sein Haus zurückkehren, darf keinen Kontakt zur Gemeinde haben. Einige aus dem Freundeskreis treffen sich trotzdem mit ihm. Er weint, entschuldigt sich. Räumt den Missbrauch des Jungen ein. Gibt dessen Eltern Mitschuld. Er sei da „hineingeraten“. Die Familie – so offen und zärtlich, im Haus hatten sie eine „Kuschelecke“; der Junge – so anhänglich. Und er – so liebesbedürftig nach einer Kindheit mit einem harten Kriegsrückkehrervater. Die Frau aus der Gemeinde und ihre Familie brechen den Kontakt zum Priester ab. Zu tief fühlen sie sich belogen. Sie haben einen heranwachsenden Sohn. Er war oft mit dem Priester unterwegs. Ihm ist nie etwas aufgefallen.

Andere halten an dem Priester fest. Es kommt zum Streit unter den Gemeindemitgliedern. Wie könnt ihr ihn so im Stich gelassen? fragen die einen. Wie könnt ihr nach alldem noch zu ihm halten? sagen die anderen.

Der Prozess

Der Junge, der inzwischen ein junger Mann ist, hat sich vorbereitet. Er hat einen guten Anwalt gefunden, nicht viel älter als er selbst. Einer, der ihm das Gefühl gibt, nicht allein zu sein. Der Junge hat auch die Kiste der Erinnerungen aufgemacht. Er hat sich alles, was er darin fand, genau angeschaut. Auch, wenn es wehtat.

Er will sagen, was war. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Die Bistumsleitung hat ihm einen Brief geschrieben. Man sei „tief betroffenen über das, was wir in den vergangenen Tagen erfahren mussten“, heißt es darin. Dann werden Termine für ein mögliches Gespräch aneinandergereiht, „um zu klären, ob und in welcher Weise wir Ihnen helfen können“. Michael L. hat darauf nicht geantwortet. Er hätte sich mehr Mitgefühl statt hilfloser Formeln gewünscht.

Als der Prozess beginnt, sieht er den Priester zum ersten Mal wieder. Er sitzt mit seinem Verteidiger auf der Nebenbank. Sieht unverändert aus. Der junge Mann sieht den Priester lächeln, als er spricht. Er versucht, sich auf seinen Atem zu konzentrieren. Auch aus der Gemeinde des Priesters sind einige gekommen. Sie sitzen hinten im Saal. „Lügner“ zischeln sie, wenn Michael L. von den erlittenen Qualen erzählt. Unheilvoll wie ein Chor in einem antiken Drama.

Das trifft ihn schlimmer als das Verhalten des Priesters. Er hat sich so Mühe gegeben, dass Ulrich H. nicht noch mehr Schuld tragen muss. Auch wegen des unsinnigen Gefühls, das seit damals in seinem Inneren nagt. Ein typisches Gefühl für Opfer von sexuellem Missbrauch, sagen Psychologen. Der junge Mann fühlt sich mitschuldig. Der Priester nutzt die Gelegenheit zur Buße nicht. Er streitet ab, räumt dann nur das ein, was ihm nachgewiesen werden kann. Sieht sich als den Verführten. Er habe das Ankuscheln des Jungen „missverstanden“. Das Gericht glaubt ihm nicht. Zehn Fälle von schwerem Missbrauch wird der Richter am Ende als erwiesen ansehen und den Priester zu drei Jahren Haft verurteilen. Der Priester nimmt das Urteil reglos entgegen. Er, der immer so viele Worte für Sühne und Schuld gefunden hat – für die eigene findet er keine.

Danach

Zwei Jahre sind seit dem Prozess vergangen. Die Kirche mit dem weißen Zeltdach, die sich in die Mitte eines kleinen Parks einer mitteldeutschen Kleinstadt schmiegt, wirkt friedlich wie immer. Und doch ist alles anders geworden. Der Freundeskreis des Priesters ist auseinander gebrochen. In der Gemeinde hilft jetzt ein pensionierter Geistlicher aus. Er kann den Priester nicht ersetzen, versucht es auch nicht. Gefeiert wird hier kaum mehr. Zu Sankt Martin fiel der Umzug aus.

Offiziell ist der frühere Priester in der Gemeinde kein Thema mehr. Tatsächlich aber wird ständig über ihn gesprochen. Viele können es bis heute nicht fassen. Auch die Frau aus der Gemeinde nicht. Beim Prozess ist sie nicht gewesen. „Anfangs habe ich gehofft, dass ich die beiden Bilder von ihm eines Tages zusammenbringe“, sagt die Frau. „Aber es geht nicht.“ Dann weint sie. Die Lücke, die der Priester in der Familie hinterlassen hat, schmerzt bis heute. „Der Mensch, den wir kannten, fehlt.“

Der Priester will mit der Presse nicht sprechen. Er ist jetzt im offenen Vollzug. Wenn er sich gut führt, wird er im kommenden Jahr entlassen werden – und doch ein Gefangener seiner Schuld bleiben. Rom hat ein Strafdekret mit vielen Auflagen über ihn verhängt. Wenn er frei ist, darf er nicht mehr mit Jugendlichen arbeiten. Er muss jede Reise vorher anmelden und den Raum sofort verlassen, wenn sich Minderjährige in ihm befinden. Zu seiner Gemeinde darf er keinen Kontakt mehr haben. Er hat wie der Junge sein altes Leben für immer verloren. Aber er bleibt von der höchsten Strafe verschont: Er darf Priester bleiben.

Der junge Mann hat geheiratet, ein Kind bekommen. Er arbeitet als Erzieher. Das Gefühl sucht ihn in Wellen heim. Eine seltsame Ohnmacht, eine innere Leere. Er hat eine künstlerische Therapie dagegen gemacht. Manchmal hilft es ihm, zu plastizieren – das Gefühl, selbst zu gestalten, statt ausgeliefert zu sein. Über die schlechten Momente redet er nicht gern. Wenn er es doch tut, versucht er, seine Gedanken als Puffer zwischen seine Erinnerungen und seine Gefühlen zu schieben. Er sagt dann, dass es viel darauf ankommt, mit welchem Blick man auf die Dinge schaut. Das ewige Opfer ist für ihn kein Lebensmodell. Wenn er Meldungen über missbrauchte Kinder hört, spürt er sich manchmal ganz dünnhäutig werden. Er weiß, was sie erlebt haben. Und er wünscht ihnen, dass sie wie er die Kraft finden, das Schweigen zu brechen.

Dem Priester habe er im Kopf vergeben, sagt er. Im Herzen nicht. Seinen Eltern schon. Weil er sich seine Kindheit nicht nehmen lassen will. Es war eine glückliche, sagt er. Bis zum Missbrauch. Der junge Mann hat ein Ziel: Eines Tages will er die Kiste mit dem roten Samt offen stehen lassen können.

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