Proteste in Ägypten

Wie ich der Revolution zu nahe kam

Morgenpost Online-Korrespondent Michael Borgstede wurde in Kairo Opfer der Gewalt. Er kehrte heim, doch Ägypten lässt ihn nicht los.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ja, ich bin gemeinsam mit einem ägyptischen Freund in Kairo ausgeraubt und verprügelt worden, von drei Männern, die auf ihren Mopeds plötzlich und wie aus dem Nichts auftauchten und genauso schnell wieder verschwunden waren. Das war der unschöne Höhepunkt meines Kurzaufenthaltes in der ägyptischen Hauptstadt und darüber soll ich nun schreiben. Das will mir nicht gelingen. Sicher, mit all den Hämatomen sitzt es sich etwas unbequem, da ist ein dumpfer Kopfschmerz und die Erinnerung an die hilflose Angst, die die kühle Klinge eines Messers auf der Haut hervorruft.

Doch die Wahrheit ist: Trotzdem kann ich mich nur schwer losreißen von den Bildern, die al-Dschasira noch immer vom Tahrir-Platz liefert. Ständig versuche ich, ägyptische Freunde – meist vergeblich – auf ihren Mobiltelefonen zu erreichen und verfolge jedes Gerücht, das auf dem Kurznachrichtendienst Twitter die Runde macht. Ja, ich bin mir selbst ein wenig böse, möglicherweise übereilt abgereist zu sein. Mein Freund Hassan, dem es bei dem Zwischenfall im Arbeiter-Vorort Schubra al-Cheima nicht besser erging als mir, hat seitdem schon wieder zwei Nächte protestierend im Stadtzentrum verbracht.

Gewiss, die ägyptische Revolution ist nicht meine Revolution. Ich sollte sie nur beobachten, nur darüber berichten. Und darum ist es vielleicht gut, dass ich nun nicht mehr dabei bin: Ich weiß nicht, ob ich die Prügel eigens vom Regime aus den Gefängnissen entlassenen Kriminellen zu verdanken habe oder ob es vielleicht ehemalige Polizisten in zivil waren. Sicher ist, dass man nach so einem Zwischenfall keinen objektiven Abstand zu den Geschehnissen mehr hat. Ein wenig ist die ägyptische Revolution nun eben doch meine Revolution geworden.

Dabei habe ich noch immer keine Antwort auf jene Frage gefunden, die mich schon vor der Landung auf dem Flughafen in Kairo am vergangenen Samstagmorgen beschäftigte: Was ist mit diesem Land geschehen? Was ist – scheinbar urplötzlich – in die Leute gefahren?

Vor ein paar Monaten schien das Volk resigniert zu haben

Mein letzter Besuch in Kairo liegt nur zwei Monate zurück. Kurz vor den Parlamentswahlen im November 2010 habe ich ein apathisches Volk vorgefunden, ein von Angst geplagtes und vor allem ein resigniertes Volk, das die Hoffnung auf Veränderung längst aufgegeben zu haben schien. Und nun? Die Beamten am Flughafen tun so, als sei dies ein ganz gewöhnlicher Sonnabend. Die Ankunftshalle ist fast leer, während gestrandete Touristen in der Abflughalle verzweifelt versuchen, Plätze auf den überbuchten Maschinen ins Ausland zu ergattern. Gelangweilt verkauft der Beamte in seinem Glaskasten ein Visum: „Viel Spaß“, sagt er. „Das wird eine Woche, die Sie nie vergessen werden.“ Ist das schon subversiv oder nur der sehr trockene Humor eines Staatsdieners?

Als der Sicherheitsmann an der Passkontrolle das Satellitentelefon im Rucksack findet, stockt er für einen Moment, lächelt verlegen und murmelt etwas von einer ominösen „Einfuhrbeschränkung“. Das Satellitentelefon bleibt am Flughafen. Als er mir die Quittung gibt, sagt er: „Sie brauchen es sowieso nicht, die Handys funktionieren wieder.“ Es klingt fast triumphierend. Er hat Recht, ausgerechnet mein israelisches Handy hat immer mal wieder kurzzeitig Empfang.

Spätestens als der Taxifahrer mir nach zwei Minuten angespannten Schweigens lautstark verkündet: „Wir jagen Mubarak und seine korrupte Clique zum Teufel“ – da ist mir klar, dass ich dieses Ägypten nicht kenne. Wann hat in diesem Land jemals jemand derart offen gegen die Regierung gewütet? Die Fahrt führt am Stadtteil Heliopolis vorbei, wo auch der Präsidentenpalast steht. Von dessen Hausherrn Mubarak spricht Ahmed, der Fahrer, nur noch in der Vergangenheitsform. Die Polizei sei schon weg, sagt er stolz: „Die haben wir gestern verjagt!“ Das hat seine Vorteile: Im Stadtzentrum haben Demonstranten ihre Wagen einfach auf der Hauptrasse geparkt. Der Verkehr fließt nun in beide Fahrtrichtungen um die stehenden Autos herum. Zum Abschied gibt Ahmed noch einen Witz zum Besten: Präsident Obama habe mit Mubarak gesprochen, sagt er: „Husni, ich glaube, du solltest dich von deinem Volk verabschieden“, fordert der Amerikaner. Doch Mubarak versteht den Hinweis nicht: „Warum, wo will es denn hingehen?“, entgegnet er überrascht.

Volksfeststimmung bei der Demo

Am Samstag herrscht unter den Demonstranten Volksfeststimmung. Die verhasste Polizei ist von den Straßen verschwunden, das Militär gibt sich freundlich und die Ägypter scheinen ihre neu entdeckte Stärke zu genießen. Mag die Welt über den Einfluss der Muslimbrüder streiten und um die Stabilität in der Region zittern: In Ägypten tun die Demonstranten das wohl einzig Richtige und konzentrieren sich auf das Ziel, dass alle Oppositionellen teilen – Mubarak zum Rücktritt zu bewegen.

In meinem Hotelzimmer fällt es mir an jenem Abend schwer, einzuschlafen. Schuld sind nicht die Gewehrschüsse, die immer mal wieder durch die Nacht hallen. Es ist die Aufregung, an einem Wunder der Geschichte teilzunehmen. Die Atmosphäre vom Tahrir-Platz schwingt nach: Da hat ein Volk seine Lethargie abgelegt und klagte seine Rechte ein – und kein Geheimdienst der Welt hat es vorhersehen können. Trotz aller Risiken, trotz aller Gefahren für das Land und die Region wäre es verlogen, wenn wir diesem Streben die Unterstützung verweigern, denke ich, während ich im amerikanischen Nachrichtensender FOX den ehemaligen UN-Botschafter John Bolton offen für Mubarak Partei ergreifen sehe.

Am nächsten Morgen werden mein Freund Hassan und ich in Schubra al-Cheima, wo wir einen Abgeordneten der Muslimbruderschaft treffen wollen, von drei Männern an eine Hauswand gedrängt und mit Messern bedroht. Sie nehmen uns Telefone und Bargeld ab, schlagen mit Metallrohren einige Male zu und sind dann wieder verschwunden. Eine Militärpatrouille bringt mich kurzerhand zum Flughafen, wo ich mit viel Glück und Geduld – der Flug ist 250 Minuten verspätet – einen Platz auf einer Maschine der Royal Jordanien Airlines nach Amman ergattere.

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos

Beschreibung anzeigen