Aufstand am Nil

In Kairo schlägt die Stunde der Bürger

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Amira el-Ahl in Kairo
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Massenproteste gegen Mubarak

In der ägyptischen Hauptstadt Kairo sind zahlreiche Menschen in das Stadtzentrum geströmt, um den Rücktritt von Präsident Husni Mubarak zu fordern.

Video: Reuters
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Die Lage in Ägypten spitzt sich zu, doch der Widerstand gegen Präsident Husni Mubarak ist ungebrochen. Selbst Kinder nehmen an den Protesten teil. Ihre Eltern ersetzen, wenn sie nicht demonstrieren, staatliche Dienste und halten die Stadt so am Laufen.

Schon am frühen Montagmorgen bilden sich lange Schlangen an den Tankstellen, die noch geöffnet haben. In den Supermärkten sieht es nicht anders aus. Die Regale sind nur noch spärlich gefüllt, jeder nimmt, was er finden kann. Vor allem Trinkwasser ist rar. Die Menschen in der 18-Millionen-Metropole bereiten sich auf alle Eventualitäten vor. Doch sollte auch in den nächsten Tagen die Ausgangssperre von 15 Uhr bis 8 Uhr am nächsten Morgen bestehen bleiben, wird es kritisch.

Doch trotz allem sieht es am Montag nach ein klein wenig Normalität in den Straßen aus. Denn seit der Nacht ist die Polizei, wenn auch spärlich, auf die Straßen zurückgekehrt. Auch Werkstätten und Handwerker haben ihre Arbeit wieder aufgenommen. Vor allem diejenigen, die von Tag zu Tag von ihren Einkünften leben müssen, sind an die Arbeit zurückgekehrt. Sie können sich keine Revolution leisten. Die Straßen sind wieder belebt. Der Verkehr staut sich, was allerdings auch daran liegen kann, dass viele der Hauptverkehrsachsen vollständig gesperrt oder zumindest mit Sicherheitskontrollen der Armee versehen sind, die den Verkehr verlangsamen. Das Militär ist überall in der Stadt präsent. Panzer sichern Regierungsgebäude, Polizeistationen und andere Schlüsselstellen. Am Montagabend sichert die Armee den Demonstranten zu, keine Gewalt gegen Bürger einzusetzen.

Frauen sammeln Müll

Zahlreiche deutsche Unternehmen ziehen inzwischen ihre Mitarbeiter ab. Die Öl- und Gasfördergesellschaft RWE-Dea ließ in der Nacht zu Montag 40 Angestellte mitsamt ihrer Familien nach Hamburg ausfliegen, wie eine Sprecherin sagte. Der Chemiekonzern BASF lässt seine Büros und eine kleinere Produktionsstätte in Kairo schließen. Auch deutsche Autobauer stellten Vertrieb oder Produktion ein. Daimler entschloss sich wegen der Lage, „die Mitarbeiter vorsorglich zurückzuholen“, wie ein Sprecher sagte.

Es sind immer noch die Bürger, die Kairo am Laufen halten. Sie haben in der Nacht wieder in ihren Vierteln patrouilliert. Überall sind Straßen mit Barrikaden aus Steinen, Bänken und Stangen abgesperrt, um Autos daran zu hindern, in Wohnviertel einzudringen. Immer wieder war zu hören, dass Gangs auf Pick-up-Trucks in die Viertel kommen, um dort zu rauben. Aber die Bürger sind nicht nur während der Ausgangssperre aktiv. Sie haben sich in Schichten aufgeteilt, und jeder übernimmt verschiedene Aufgaben. So gibt es an vielen Kreuzungen immer noch keine Polizei, weshalb der Verkehr erstaunlich professionell von Zivilisten geregelt wird. Auch die Frauen haben sich eine Aufgabe gesucht. Überall sind sie zu sehen, mit Besen, Mülltüten und Handschuhen ausgestattet, putzen sie Straßen und Gehwege. Straßenkehrer sind seit Tagen nicht mehr gesichtet worden, und die Kämpfe der vergangenen Nächte haben ihre Spuren hinterlassen. Am Ende des Tages haben sie Dutzende Mülltüten gefüllt, die sie fein säuberlich an einer Straßenecke aufgestellt haben. Wann die Müllabfuhr sie einsammeln wird – keiner weiß es.

Derweil hat Präsident Husni Mubarak eine neue Regierung einberufen. Es sind viele bekannte Gesichter dabei, teilweise aus der alten Regierung übernommen. Der Innen- und der Finanzminister wurden am Montag ausgetauscht, dagegen behielten der Verteidigungs- und der Außenminister ihre Posten. Jungen Schwung lassen die Ernennungen völlig vermissen. Mubarak scheint stoisch die Rufe nach seinem Rücktritt zu ignorieren. Vielleicht ist es ihm mittlerweile sogar egal, was aus Ägypten wird, Hauptsache er überlebt politisch. So jedenfalls empfinden es viele Ägypter.

Sicherlich wird die Ernennung einer neuen Regierung keine Ruhe in das Land bringen. Täglich demonstrieren Tausende am Tahrir-Platz, viele übernachten dort. Einige Protestler wollen nun sogar so lange in einen Hungerstreik treten, bis Mubarak abgedankt hat. Die Frage, die alle dieser Tage bewegt, ist, wie es mit dem bevölkerungsreichsten Land der Region weitergehen wird. Ägypten ist ein strategischer Partner für den Westen, aber vor allem auch für Israel, das eine Machtübernahme der Muslimbrüder fürchtet. Doch die haben nach Meinung vieler in Ägypten viel an Prestige und Einfluss eingebüßt. Sie haben sich erst spät der Protestbewegung der vergangenen Woche angeschlossen, jetzt rufen sie dazu auf, die Proteste bis zu Mubaraks Sturz fortzusetzen. In den vergangenen Tagen sind sie kaum in Erscheinung getreten, haben keine Führungsrolle bei den Protesten eingenommen. Jetzt unterstützen sie Mohammed al-Baradei, den Hoffnungsträger der Oppositionsbewegung.

Die meisten Ägypter glaueben nicht an die Muslimbruderschaft

Schon einmal, vor den Parlamentswahlen im Herbst 2010, haben sie für kurze Zeit ein Bündnis mit dem ehemaligen Chef der Atomenergiebehörde geschlossen, sich dann aber wieder zurückgezogen aus diesem Bündnis. Es stellt sich die Frage, aus welchen Motiven die Muslimbruderschaft – deren Slogan immer noch „Islam ist die Lösung“ ist – den liberalen al-Baradei als Frontfigur akzeptieren würde. Möglicherweise aus taktischen Gründen, weil sie so mit Segen des Westens in eine Regierung einziehen könnten.

Doch für viele Ägypter ist diese kaum vorstellbar. Die meisten glauben nicht, dass die Muslimbruderschaft bei freien Wahlen die Mehrheit gewinnen würde. Zwar sind sie in der Gesellschaft fest verankert, betreiben Gemeindezentren und sind straff organisiert, doch es fehlt ihnen an einem politischen Konzept wie an einem charismatischen Führer. Es gibt niemanden, der sich als Präsidentschaftskandidat eignet.

„Ich glaube nicht, dass sie dieses Land jemals politisch führen werden“, sagt Ahmed. Der 32-jährige Ingenieur wünscht sich wie viele seiner Altersgenossen einen politischen Wandel. Für ihn kommt nichts anderes als freie Wahlen infrage, eingeleitet durch eine Übergangsregierung, an der niemand aus dem alten Regime beteiligt ist. „Sie müssen alle gehen, einschließlich Omar Suleiman. Er ist völlig inakzeptabel, auch in einer Übergangsregierung.“ Wer das Land in die Demokratie führen soll, ist Ahmed egal. „Hauptsache, es ist ein frisches, unverbrauchtes Gesicht, ein Zivilist, der nicht aus dem Militär oder der alten Garde des Regimes kommt.“