Ägypten

Mubarak ernennt neue ägyptische Führung

Bei den seit Tagen andauernden Massenprotesten gegen den ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak hat es erneut Todesopfer gegeben. In Berlin forderten rund 300 Demonstranten die Absetzung von Mubarak.

Das Video konnte nicht gefunden werden.

Trotz starker Militärpräsenz auf den Straßen in der Hauptstadt Kairo demonstrieren die Ägypter weiter.

Video: Reuters
Beschreibung anzeigen

Der ägyptische Präsident Husni Mubarak hat am Samstag eine neue Führungsmannschaft zusammengestellt, nachdem er die bisherige Regierung als Reaktion auf die schweren Unruhen entlassen hatte. Mubarak ernannte am Samstag Geheimdienstchef Omar Suleiman zu seinem Stellvertreter, wie das ägyptische Staatsfernsehen berichtete. Neuer Ministerpräsident ist demnach Ahmad Schafik, der von der Luftwaffe kommt. Er war früher schon einmal als möglicher Regierungschef im Gespräch. Das ägyptische Fernsehen dementierte aber Berichte, wonach Gamal Mubarak, der Sohn des Präsidenten, nach London geflohen sein soll.

Geheimdienstchef Suleiman, der in den beiden Nahostkriegen 1967 und 1973 gegen Israel gekämpft hat, war bisher Mubaraks Mann für heikle Aufträge. Zwischen Israel und den Palästinensern hat er schon mehrfach vermittelt. Auch in den USA ist er geschätzt. Unterdessen gingen die Proteste gegen das Regime von Mubarak am Abend weiter. In den Stadtvierteln von Kairo spannte sich die Lage mit Einbruch der Dunkelheit weiter an.

Nach Angaben von Rettungskräften starben am Samstag mindestens drei Menschen bei gewaltsamen Auseinandersetzungen in der Hauptstadt Kairo. Dutzende Demonstranten seien zudem verletzt worden. Zehntausende hatten sich zuvor über die ab 16 Uhr Ortszeit (15 Uhr MEZ) geltende Ausgangssperre hinweggesetzt. Rund um den Präsidentenpalast sind nach Beginn der Ausgangssperre am Samstag Panzer aufgefahren.

Zehntausende strömen am Samstagnachmittag erneut auf dem zentralen Tahrir-Platz in Kairo zusammen. Zwei Stunden zuvor hat die ägyptische Regierung ihren Rücktritt eingereicht. Den Demonstranten ist das nicht genug, denn im Nilland ist die Regierung nur ein Erfüllungsorgan in den Händen des Langzeitpräsidenten Husni Mubarak. Und der hat auch in seiner mit Spannung erwarteten Rede am späten Freitagabend keinerlei Anzeichen gezeigt, von der Macht lassen zu wollen.

„30 Jahre!“, empört sich Kundgebungsteilnehmer Essam Fadl über die bisherige Amtszeit des Präsidenten. „Mubarak sollte der erste sein, der geht. Wir wollen ihn nicht mehr.“ Der Student Mohammed pflichtet ihm bei: „Er wird noch mehr gierige und hungrige Leute in Machtpositionen bringen, die sich nur bereichern.“

Abseits des Epizentrums der Proteste macht sich aber auch Unsicherheit unter den Menschen breit. In der Nacht zuvor haben Jugendliche aus den Elendsvorstädten Kairos im Zentrum Läden geplündert. In manchen Vierteln werden bewaffnete Zivilisten gesichtet – Beutejäger oder selbst ernannte Nachbarschaftshüter? Viele beginnen, auf Vorrat einzukaufen. Vor den Bankomaten bilden sich lange Schlangen. „Einerseits bin ich glücklich, dass das Mubarak-Regime zu einem Ende kommt“, bringt der Lehrer Amal al-Sajid seinen eigenen Zwiespalt auf den Punkt. „Andererseits bin ich besorgt wegen der Zukunft. Wer wird dieses Land führen?“

Auf dem Tahrir-Platz sind es indes am Samstagnachmittag nicht mehr Polizisten, sondern Armeesoldaten, die den Demonstranten gegenüberstehen. Zahlreiche Panzer haben sich in einer langen Kolonne auf dem Tahrir-Platz aufgestellt. An der Seite stehen gepanzerte Transporter. Dennoch läuft die Situation zunächst nicht auf eine Konfrontation hinaus. Die Soldaten sitzen einigermaßen entspannt in den Luken ihrer Kampffahrzeuge. Ein Panzerkommandant verrät einem Al-Dschasira-Reporter, dass er keine Granaten geladen habe. Die Menschen spazieren zwischen den Panzern herum, als wären es große Lastwagen. Die Ägypter stehen der Armee grundsätzlich nicht feindlich gegenüber. Sie betrachten die Soldaten, unter ihnen viele einfache Grundwehrdiener, als „Söhne des Volkes“, anders als die besser bezahlten und stets zum brutalen Prügeln bereiten Polizisten. Einige Kundgebungsteilnehmer schenken den Militärrockträgern sogar Blumen. So bleibt es zunächst friedlich. Die Demonstranten haben keine Transparente mitgebracht, keine Parteiabzeichen oder Symbole, nur ägyptische Fahnen. Um 16 Uhr (15 Uhr MEZ) trat die kurz zuvor verhängte Ausgangssperre in Kraft. Die Demonstranten ignorieren es.

In Berlin haben am Samstag mehrere hundert Menschen ihre Solidarität mit den protestierenden Menschen in Ägypten erklärt. Zu einer Kundgebung am Breitscheidplatz in Charlottenburg kamen nach Veranstalterangaben etwa 300 Menschen, darunter vor allem in Deutschland lebende Ägypter und Tunesier. Viele der Demonstranten hatten ägyptische Nationalflaggen und Plakate mitgebracht, deren Losungen sich vor allem gegen den ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak richteten. Zu lesen war unter anderem „Weg mit Mubarak“, „Wir sind hier: Wird sind laut, weil Mubarak uns die Zukunft klaut“ sowie „Mubarak = Korruption“ und „Reformen, Freiheit, Soziale Gerechtigkeit“.

Auf der Demonstration in Berlin gedachten die Teilnehmer mit einer Schweigeminute der Opfer der anhaltenden Proteste in Ägypten. Zuvor hatten Demonstranten unter anderem „Keine Ersatzregierung“ und „Mubarak soll das Land verlassen“ gerufen sowie ein Ende der Korruption im Land gefordert. Im Anschluss an die Kundgebung wollten die Demonstranten zur ägyptischen Botschaft in der Stauffenbergstraße ziehen. Dort war eine weitere Kundgebung geplant.