Widersprüchliche Prognosen

Nach dem Aufschwung kommt der tiefe Absturz

Noch nie gingen die Einschätzungen und Prognosen von Regierung und Industrie über die wirtschaftliche Zukunft so weit auseinander wie heute.

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Irgendetwas kann da nicht stimmen. Die Bundesregierung und die Wirtschaftswissenschaftler prophezeien den Deutschen wirtschaftlich goldene Jahre, die Industriechefs, der Handel und die Bundesagentur für Arbeit hingegen warnen vor einen drohenden Einbruch. Noch nie gingen die Einschätzungen und Prognosen über die wirtschaftliche Zukunft so weit auseinander wie heute.

Hier nur einige Beispiele. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt im „Stern“-Interview: „Es ist eine fast historische Chance: Erstmals seit 40 Jahren können wir uns mittelfristig auf Vollbeschäftigung zubewegen.“ Fast zeitgleich sagt aber der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, auf „Spiegel Online“: „Die Lage auf dem Arbeitsmarkt bleibt unsicher.“ Es könne sogar „schwierig“ werden.

Wirtschaftsminister Rainer Brüderle sagt vor dem Bundestag: „Der Aufschwung ist keine Kurzgeschichte, der Aufschwung ist ein Fortsetzungsroman“. Der Präsident des Außenhandelsverbandes, Anton Börner, hält diesen Worten auf „Morgenpost Online“ entgegen: „Das vergangene Jahr war eine Aufholjagd dahin, wo wir 2008 waren. Von diesem Niveau noch weiter nach oben zu steigen, das wird schwierig, dazu hängen wir in Deutschland zu sehr von der Entwicklung der Weltwirtschaft ab.“ Und der langjährige Vorstandsvorsitzende der Thyssen Ag, Dieter Spethmann, kommt in der „FAZ“ gar zu dem Schluss: „Deutschland verschenkt seinen Wohlstand.“

Ja, was denn nun? Geht es bergauf, oder geht es bergab? Wer irrt denn da? Die Risiken für die wirtschaftliche Entwicklung bestreitet niemand. Nur ziehen Politiker und Praktiker daraus diametral entgegengesetzte Schlüsse.

"Schuldenkrise ist eine Gefahr für die deutsche Konjunktur"

Da ist zum einen die Schuldenkrise in Europa, die zur Krise des Euro wurde. Griechenland und Irland stehen am Rande des Ruins, Portugal geht es kaum besser. Wann Spanien unter den Rettungsschirm der EU-Staaten flüchtet, scheint nur noch eine Frage der Zeit. Und es gibt nicht wenige, die sogar Italien straucheln sehen.

„Die Schuldenkrise ist eine Gefahr für die deutsche Konjunktur. Die Risiken kommen aus den Euro-Ländern, in die wir exportieren und die für unseren Aufschwung mitverantwortlich sind“, sagt der Chef der Arbeitsagentur Weise. Wenn aus den europäischen Nachbarländern keine Impulse mehr für die deutsche Konjunktur kämen, werde es „schwierig“ für die deutsche Wirtschaft.

Aus dem Mund von Anton Börner klingt das ganz ähnlich und so ganz anders als von Merkel oder Brüderle. „Die Schuldenproblematik in Europa wird auch in ein paar Jahren nicht gelöst sein (…) In den betroffenen Volkswirtschaften bricht der Absatz ein. Die Volkswirtschaften rutschen in die Rezession, die Menschen sind verunsichert“, sagt der Präsident des Außenhandelsverbands. Und wer verunsichert sei, der kaufe keine „teueren Autos“ aus Deutschland.

Der frühere Thyssen-Chef Dieter Spethmann sieht die Euro-Zone bereits am Ende. „Der Euro ist tot“, sagt er. „Er ist eine politische Zwangsjacke. Er ist keine der Realwirtschaft dienende Währung, sondern ein Herrschaftsinstrument.“ Von allen EU-Staaten leide Deutschland am stärksten unter dem tiefen Euro-Kurs, weil es dadurch bis zu zehn Prozent Wirtschaftsleistung pro Jahr verschenke. „Deutschland schenkt die Überschüsse, die es im Außenhandel erzielt, der Europäischen Zentralbank (EZB). Die EZB benützt diese Überschüsse, um damit die Defizite von Griechenland, Italien, Frankreich und so weiter zu bezahlen“, sagt Spethmann.

Merkel will keinesfalls von Euro abrücken

Von solchen Argumenten lässt sich die Kanzlerin freilich nicht beeindrucken. „Deutschland setzt auf den Euro“, sagt sie. „Ich lasse mich nicht von Ängsten steuern.“ Deutschland werde auch weiterhin alles Notwendige tun, um einen stabilen Euro zu garantieren. „Schon zu Beginn der Finanzkrise habe ich gesagt, dass die Karten in der Weltwirtschaft neu gemischt werden und dass ich möchte, dass Deutschland gestärkt aus der Krise hervorgeht. Heute sieht man: Das ist uns bisher auch gut gelungen.“

Allerdings sieht auch sie die steigenden Rohstoffpreise als „Problem“. „Deshalb unterstütze ich Frankreichs G-20-Präsidentschaft die Rohstoffspekulation zu bekämpfen“, sagt Merkel. Weil sie kein Vertrauen mehr in die Staatsanleihen der Europäer haben, spekulieren internationale Investoren seit geraumer Zeit mit Rohstoffen. Auf diese Weise treiben sie die Preise zusätzlich. Seit Mai 2010 sind Agrarrohstoffe nach Berechnungen der Bundesvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie um 40 Prozent teurer geworden. „Die Zeiten der extremen Niedrigpreise beim Discounter sind vorüber“, sagt Bauernpräsident Gerd Sonnleitner.

Ex-Thyssen-Chef fordert Rausschmiss der Krisen-Länder

Schon geht die Angst vor einer Inflation um. „Wir werden die Inflation vor allem über höhere Rohstoffpreise importieren“, sagt Außenhandelschef Börner. „Ich denke, wir müssen in den kommenden Jahren mit vier bis sechs Prozent Inflation rechnen. Ich hoffe, dass wir nicht sogar zweistellige Inflationsraten bekommen.“.

Zwar könnten höhere Zinsen die Inflation bremsen, doch mit Zinserhöhungen werde sich die Europäische Zentralbank (EZB) schwertun, weil sie auf die in die Rezession gestürzten südeuropäischen Volkswirtschaften Rücksicht nehmen müsse.

Nach Ansicht des Ex-Thyssen-Chefs Spethmann aber sind diese Länder schon jetzt verloren. „Wie sollen die Griechen oder Spanier ihre Schulden bedienen können? Sie haben eine hohe Arbeitslosigkeit, und sie kommen am Weltmarkt nicht mehr an, weil sie zu teuer sind“, sagt er. „Deswegen müssen sie aus dem Euro. Dasselbe gilt für Griechenland, Italien, Portugal und andere auch.“

Finanzmärkte fürchten Ausbau des Euro-Rettungsfonds – zu Recht

Die Strategie der Bundesregierung indes sieht anders aus. Auch wenn sie es öffentlich noch nicht eingesteht, will sie zusammen mit Brüssel den Euro-Rettungsfonds von 250 Milliarden Euro auf 440 Milliarden Euro ausbauen. Außerdem soll der Fonds künftig direkt die Anleihen bedrohter Euro-Staaten aufkaufen können. So könnte Griechenland schon bald der Rückkauf eigener Schulden finanziert werden. Das Geld für den Rückkauf von der EZB bekommen die Griechen aus dem Rettungsfonds.

Folglich müsste Deutschland seine Hilfsleistung nochmals erhöhen. Bei den Finanzmärkten kommt das nicht gut an. In den vergangen Wochen haben sich die Kreditausfallversicherungen für deutsche Staatsanleihen bereits verteuert. Seit Ende Oktober sind diese Versicherungsprämien um 100 Prozent in die Höhe geschossen.

Die aktuellen Wirtschaftsdaten geben der Regierung recht. Im internationalen Vergleich steht Deutschland glänzend da. Aber kann sie die Einwände und Argumente erfahrener Manager und Praktiker einfach so ignorieren? Optimismus ist auch in der Wirtschaft nur dann gut, wenn er nicht zum Selbstzweck wird.