Dioxin-Skandal

Futtermittelproduzent soll bei Stasi gewesen sein

Der Skandal wird immer verworrener. Der ehemalige Geschäftsführer der schleswig-holsteinischen Firma Harles und Jentzsch soll zu DDR-Zeiten unter dem Decknamen "Pluto" als Stasi-Spitzel gearbeitet haben. Zu Beginn der Grünen Woche versprach Aigner den Bauern Hilfe.

Ilse Aigner (CSU) lächelte – etwas müder als sonst. Und ziemlich wortkarg war sie auch. Mehr "Wertschätzung für Lebensmittel" forderte sie. Und schon setzte sie ihren Rundgang fort. Probierte ein Stück Käse, nippte an einem Glas Wasser. Die Bundesagrarministerin besuchte zum Auftakt der Internationalen Grünen Woche die Sonderschau ihres Ministeriums in Halle 23a. Sie informierte sich über Fischzucht und Vollkornbrot, ließ sich eine Maschine zum Spargelstechen erklären und wollte auch etwas über Lebensmittelkontrollen erfahren. Eilig war noch ein Flyer mit Verbrauchertipps zum aktuellen Dioxinskandal gedruckt worden. Wie gelangt Dioxin in die Nahrungskette? Wie wirkt Dioxin auf den Menschen?

Die schleswig-holsteinische Firma Harles und Jentzsch hatte mit Dioxin belastetes Industriefett unter Futtermittel gemischt. Das Unternehmen hat inzwischen Insolvenz angemeldet. Der Skandal aber wird immer verworrener. Der ehemalige Geschäftsführer, so meldete gestern die "Märkische Allgemeine", soll zu DDR-Zeiten unter dem Decknamen "Pluto" als Stasi-Spitzel gearbeitet haben. Eine Firmensprecherin wies indes den Vorwurf zurück. Als Reaktion auf die Dioxinbelastung von Futtermitteln waren bundesweit 5600 Höfe vorsorglich gesperrt worden; die meisten wurden inzwischen wieder freigegeben.

"Geht nicht" gibt's nicht

In den vergangenen Tagen hatte Aigner für Krisenmanagement viel Kritik einstecken müssen. Ernst blickte sie in die Kameras. "Frau Aigner, bitte noch einmal freundlich", forderten die Fotografen. Aigner kann lächeln, wenn sie muss. "Ich beiß mich da durch" lautet ihr Lebensmotto. Und auch: ",Geht nicht' gibt's nicht." Als Anfang des Jahres die Meldungen über Dioxin in Futtermitteln langsam durchsickerten, machte sie noch Ferien. Später ließ sie sich von den Fragen der Journalisten in die Defensive drängen. Es war richtig, auch mit der Futtermittelbranche über Konsequenzen aus dem Dioxinskandal zu sprechen. Aber sie geriet in den Ruch, sich von der Branche diktieren zu lassen, was zu tun sei. Da nützte es auch nichts, dass sie Maßnahmen für mehr Sicherheit von Futtermitteln vorschlug und diese mit ihren Länderkollegen zu einem 14-Punkte-Aktionsplan zusammenfasst. Die Häme ließ nicht lange auf sich warten: "Ungeaignert" lautete das Urteil.

Tatsächlich wirkt Aigner auch nach mehr als zwei Jahren immer noch eigenartig fremd in ihrem Amt. Ihr Interesse an der Landwirtschaft ist höflich, aber eben nicht leidenschaftlich. Zwar wuchs sie in Bayern auf dem Lande auf. Nach der mittleren Reife aber schloss sie eine Lehre als Elektrotechnikerin ab. Vier Jahre arbeitete sie bei Eurocopter an der Entwicklung von Hubschraubern. Technik ist ihr vertrautes Metier. Auch mit dem Internet und Facebook kennt sie sich bestens aus. Sie hat sich den Verbraucherschutz im Netz zur besonderen Aufgabe gemacht. Da ist sie mit großem Engagement dabei. Immerhin hat sie erreicht, dass die Verbraucher ein Einspruchsrecht bei Google Street View haben.

Ihren eigenen Kurs in der Agrarpolitik aber hat sie noch nicht gefunden. Ihre Vor-Vorgängerin Renate Künast (Grüne) dagegen hatte eine Vision: mehr Umwelt- und Tierschutz in der Landwirtschaft. Aber auch mehr unternehmerische Freiheit für die Bauern. Das wollte sie gegen alle Widerstände durchsetzen. Aigner fehlen dieser innere Antrieb und der Wille zu gestalten. Das lässt sie oft orientierungslos erscheinen und in der aktuellen Krise so zögerlich agieren.

Als Konsequenz aus dem Dioxinskandal forderte ein Agrarbündnis aus 24 Verbänden, die Namen von kriminellen Futtermittel-Panschern öffentlich zu machen. Sie sehen in dem aktuellen Fall ein Zeichen für einen Systemfehler in der Landwirtschaft. Leidtragende sind vor allem die Landwirte. Bauernpräsident Gerd Sonnleitner verlangte erneut eine Entschädigungsregelung für die unverschuldet in Schwierigkeiten Geratenen. Aigner kündigte an, die Landwirtschaftliche Rentenbank werde kurzfristig günstige Kredite zur Verfügung stellen.

Landwirtschaft neu ausrichten

Die Dioxinkrise ist damit aber noch nicht beendet. Im Gegenteil. Aigner will das aktuelle Interesse nutzen, um eine gesellschaftliche Debatte über die künftige Ausrichtung der Landwirtschaft anzustoßen. Es stellen sich viele Fragen: Wie sollen Bauern produzieren? Wie viel Massentierhaltung verträgt das Land? Welche Anforderungen haben die Verbraucher an Lebensmittel? Ziel ist eine Charta für Landwirtschaft. Damit könnte sich Aigner profilieren. Und vielleicht auch ihren eigenen Kurs finden.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.