Hamburger Feier

Das Glück und die Last der Deutschen Einheit

Tristes Wetter, aber immerhin 200.000 Besucher beim zentralen Bürgerfest im Hamburger Hafen. Die offizielle Feier zum 3. Oktober wollte positive Stimmung und Nationalstolz verbreiten. Doch nach wie vor herrscht wenig Begeisterung für Marktwirtschaft und Parteiendemokratie in Ostdeutschland.

Das Mädchen, das man im Rheinland als Funkenmariechen bezeichnen würde, stand ein wenig verloren im Regen am Sandtorkai und lauschte den Worten des Bundespräsidenten Horst Köhler zum Tag der Deutschen Einheit. Sie waren eingängig genug. „Wir finden zu uns selbst. Freuen wir uns darüber. Feiern wir es.“

Etwa 200.000 Besucher waren dieser Einladung zum zentralen Bürgerfest in der Hamburger Hafen City nachgekommen. Einigermaßen lustlos stiefelten sie durch die Ländermeile, die ausgerechnet mit einem bayerischen Festzelt begann – genauer: einem fränkischen, was aber derzeit die Sache noch schwieriger macht. Das Wetter war zu trist, der Wind pfiff ein wenig zu kalt, und außerdem, so legen Umfragen nahe, ist die deutsche Einheit nicht genügend Menschen ein Grund zum Feiern.

„Was für ein Glück ist diese Einheit“, sagte der Bundespräsident, und die Kanzlerin aus Ostdeutschland lauschte aufmerksam in der ersten Reihe. „Aber auch in der DDR war das Leben nicht nur vom System bestimmt, auch dort gab es Glück, oft nicht wegen, sondern trotz der SED.“ Nur wenige blieben am Sandtorkai stehen, um der Übertragung des ökumenischen Gottesdiensts aus dem Michel zu lauschen. Erst als Horst Köhler auf die Arbeitslosigkeit zu sprechen kam, für die „Strukturwandel“ ein technokratischer Euphemismus sei, rief einer der umstehenden Trinker: „Der Mann hat recht“, worauf einer neben ihm sofort „Halt's Maul!“ versetzte, um aufkommender Feierlichkeit vorzubeugen.

Die Haltung von Ost- und Westdeutschen zu Wirtschaft und Staat ist einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Allensbach zufolge auch 18 Jahre nach der Wiedervereinigung noch sehr unterschiedlich. Wie Allensbach-Chefin Renate Köcher in einem Bericht für die neue Ausgabe der „Wirtschaftswoche“ schreibt, ist 86 Prozent der westdeutschen, aber nur 74 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung die Meinungsfreiheit besonders wichtig. Zudem bewerten nur 19 Prozent der Menschen in den ostdeutschen Bundesländern das deutsche Wirtschaftssystem als positiv. Im Westen sind es 39 Prozent.

„Diese Differenzen werden die Diskussionen und Entwicklungen unseres Landes in den nächsten Jahren gravierend beeinflussen“, schreibt Köcher. Auf die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Parteien wählen zu können, legt nur die Hälfte der ostdeutschen Bevölkerung besonderen Wert, im Westen sind es 66 Prozent. Große Unterschiede gibt es auch bei der Bewertung der Staatsform: Während 62 Prozent der Westdeutschen die Demokratie für die beste Staatsform halten, sind nur 29 Prozent der Ostdeutschen dieser Meinung. Hier glauben 41 Prozent an überlegene Alternativen. Zudem hält jeder fünfte Erwerbstätige im Westen, aber jeder dritte im Osten seinen derzeitigen Arbeitsplatz für nicht gesichert.

Gestern, so betonten mehrere Redner in Hamburg, wurde das vereinte Deutschland volljährig. Ein kleiner Film, gezeigt im Gottesdienst, präsentierte das Selbstbild des Landes im 18.Lebensjahr: Ein Mann mit Aktentasche steigt am Hamburger Hauptbahnhof in ein Taxi, das von einem türkisch aussehenden Mann gefahren wird. Der Passagier fragt ihn: „Und wo kommen Sie her?“ Und der Fahrer, die Absicht ahnend, antwortet trotzig: „Aus Hamburg.“ – „Ja, aber wo sind Sie geboren?“ – „In Hamburg“, schon etwas lauter. „Aber wo wohnen Ihre Eltern?“, und der Taxifahrer brüllt: „In Hamburg“, aber die Eltern seien in Istanbul geboren. Irgendwann singen die beiden gemeinsam das Deutschlandlied – und der Deutsche „mit Migrationshintergrund“ kennt den Text besser als der Mann ohne. Deutschland wie gehabt also: selbstkritisch und stolz darauf.

Die einzelnen Bundesländer zeigen ihre Schätze: Mecklenburg-Vorpommern sein Ozeaneum, Sachsen-Anhalt die Domschätze in Halberstadt, Rheinland-Pfalz die Nibelungen-Festspiele und Hamburg, das (noch) schwarz-grüne Musterland, einen begehbaren Container. Es ist eine schwierige Zeit für Schwarz-Grün in der Hansestadt, ein glücklicher Ausgang ist keineswegs sicher. Kein Wunder, dass der Erste Bürgermeister Ole von Beust – als derzeitiger Vorsitzender des Bundesrates – in seiner Begrüßungsrede da vor allem auf die einigende Kraft der Kultur abhob. „Die Kultur verbindet uns Deutsche. Sie fragt nicht nach Abstammung und Herkunft, sondern nach Empfindungen.“ Und der Bundespräsident schloss mit einer amerikanischen Formel: „Gott segne unser deutsches Vaterland.“

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