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Wo die US-Präsidenten ihren Urlaub verbringen

| Lesedauer: 6 Minuten
Hannes Stein

Foto: picture-alliance / dpa / pa

Wo entspannen US-Präsidenten, wenn sie Urlaub machen? In Martha's Vineyard zum Beispiel. Die kleine Insel vor der Küste von Massachusetts befindet sich fest in der Hand der Demokraten. Das bedeutet aber natürlich nicht, dass sich republikanische Präsidenten mit dem Balkon des Weißen Hauses begnügen.

Wo verbringen amerikanische Präsidenten ihren Urlaub? Diese Frage ist leicht zu beantworten: jedenfalls nicht im Ausland. Der einzige, der beinahe gegen diese Regel verstoßen hätte, war William McKinley (er regierte von 1897 bis 1901): Er verbrachte seine Freizeit an den Niagarafällen, nur einen Spaziergang von Kanada entfernt. Wie zur Strafe wurde er Stunden später in Buffalo von einem Attentäter angeschossen. Eigentlich schade, dass McKinley vor seinem Tod nicht mehr auf die kanadische Seite der Wasserfälle gelangte, denn die Kanadier haben eindeutig das bessere Grundstück abbekommen.

Von der US-Seite aus sind die Wasserfälle beeindruckend – von der kanadischen Seite betrachtet aber sind sie grandios. Heute führt zum Glück eine Brücke hinüber, und die Grenzformalitäten sind nicht der Rede wert. In Kanada führt dann ein Fußweg hoch am Fluss entlang, von dem man bequem das kaum glaubliche Naturschauspiel am anderen Ufer genießen kann, oder man fährt mit dem Aufzug in einen Tunnel hinter den Wasserfall – dort bleibt Besuchern regelmäßig die Spucke weg, selbst auf Präsidenten dürfte die Szenerie Eindruck machen.

Der nächste Präsident, der im Urlaub beinahe ins Ausland gefahren wäre – oder doch wenigstens auf hohe See –, war Franklin D. Roosevelt. Wie viele Oberschicht-Amerikaner segelte er gern. Aber im Zweiten Weltkrieg fürchtete der Secret Service, dass neben dem passionierten Segler plötzlich ein U-Boot mit Hakenkreuzwimpel auftauchen könnte. Also suchte der Stab des Präsidenten nach einem Urlaubsrefugium und entdeckte ein Grundstück im Westen Marylands, das der Regierung gehörte. Hier wurde ein Feriencamp für den ersten Angestellten der USA errichtet. Als „Camp David“ wurde der Ferienort allerdings erst unter Präsident Dwight D. Eisenhower bezeichnet – nach dessen Enkel.

Camp David dient seither als Erholungsanlage für amtierende US-Präsidenten, wäre also der naheliegende Urlaubsort für Barack Obama, zumal der keine Ranch, kein Familienanwesen, kein Grundstück am See hat. Aber Camp David, findet Obama, liegt zu nahe an Washington, als dass man dort alles hinter sich lassen könne.

Was wiederum erklärt, warum die Obamas in dieser Woche anderswo Urlaub gemacht haben: auf Martha's Vineyard. Das ist eine kleine Insel vor der Küste von Massachusetts. Wenn die Niagarafälle grandios sind, dann ist Martha's Vineyard zauberhaft: ein Eiland, wie aus der Zeit gefallen. Obama hat hier schon früher seine Ferien verbracht, im kühlen Atlantikwasser gebadet, in kurzen Hosen Bücher gelesen, Eiswaffeln für seine Töchter gekauft. Das Besondere an Martha's Vineyard ist, dass es seinen Charme als Fischerinsel bewahrt hat, obwohl es längst ein Refugium für Reiche ist. Hier kann man Hummer und andere Schalentiere frisch vom Kutter kaufen, und die salzige Luft riecht nicht nur nach Geld, sondern auch nach harter, schweißtreibender Arbeit.

Viele erfolgreiche Schwarze haben sich auf der Insel ein Anwesen gekauft – unter ihnen Oprah Winfrey, die mit ihrer Talkshow vielleicht mehr Macht über die Amerikaner ausübt als der Präsident, und Henry Gates jr., jener Professor aus Harvard, der neulich Schlagzeilen machte, als ein Polizist ihn in seinem eigenen Haus verhaftete.

Früher war Martha's Vineyard die heile Welt der Kennedys. Die besaßen ein Grundstück gleich gegenüber, in Hyannis auf Cape Cod, und John F. Kennedy – noch so ein elitärer Segler – genoss es, im Boot vom Festland auf die Zauberinsel überzusetzen. Wenn er dort dann zwischen den hübschen viktorianischen Holzhäuschen spazieren ging, die so aussehen, als seien sie aus Lebkuchen gebacken, mag Kennedy für einen Moment vergessen haben, dass er sich mitten im Kalten Krieg befand. In den 90er-Jahren zog es auch die Clintons häufig auf die Insel.

„Wir sind daran gewöhnt, hier berühmte Gesichter zu sehen“, sagt eine Einwohnerin von Martha's Vineyard dazu. „Wir gehen unserer Wege, die gehen ihrer Wege, wir grüßen einander freundlich, das war's schon. Aber ich habe Clinton schon vor unserem Haus joggen sehen. Einmal besuchte er die kleine Buchhandlung bei uns im Ort. Zuerst kam der Secret Service rein, überprüfte, dass alles sicher war, und schärfte uns ein: Bitte lassen Sie dem Präsidenten ein bisschen Zeit für sich selbst! Er will stöbern. Aber dann ging Clinton auf jeden Kunden in der Buchhandlung einzeln zu, grinste breit, schüttelte ihm die Hand und sagte: ,Ich bin Bill. How are you?'“

Martha's Vineyard befindet sich fest in der Hand der Demokraten. Das mag daran liegen, dass der Bundesstaat Massachusetts beinahe geschlossen linksliberal wählt – Anhänger der Republikaner sind hier spärlich gesät. Doch das bedeutet nicht, dass republikanische Präsidenten Urlaub auf dem Balkon des Weißen Hauses machen: Meist ziehen sie sich zur Sommerfrische auf ihren eigenen Grund und Boden zurück.

Das nobelste Anwesen, das an das Heim eines römischen Patriziers denken lässt, ist „The Bush compound“. Das Grundstück liegt bei Kennebunkport im Bundesstaat Maine, ein schmaler Landzipfel, der grün in den Atlantik hineinragt. Darauf steht eine prächtige Villa aus Naturstein. Erworben wurde der Flecken von Bush senior: Alle seine Kinder, auch George W., haben Erinnerungen an die Sommerurlaube, die sie hier verbracht haben. Jene berühmte Ranch in Texas, die Bush junior als Präsident erwarb – die Prairie Chapel Ranch in der Nähe von Crawford –, sieht allerdings deutlich weniger vornehm aus. Man kann sich den Hausherrn in dieser staubigen Gestrüpplandschaft kaum beim Mixen von Martinis vorstellen, eher schon beim hemdsärmeligen Öffnen einer Bierdose.

Unterboten wird die Ranch des George W. Bush nur noch von der Rancho del Cielo, jenem Anwesen in Kalifornien, auf dem Nancy und Ronald Reagan ihre Ferien zu verbringen pflegten, in einem simplen Lehmhaus zwischen grünen Hügeln. Was beweist, dass die heile Welt für Republikaner oft ganz anders aussieht als für Demokraten, sogar im Urlaub.

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