Internationaler Vergleich

Deutsche arbeiten öfter schwarz als ihre Nachbarn

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Dorothea Siems

Foto: dpa

In Deutschland boomt die Schattenwirtschaft: Jeder siebte Euro wird schwarz erwirtschaftet, im internationalen Vergleich steht die Bundesrepublik nicht besonders gut da. Experten raten von schärferen Kontrollen ab. Die Deutschen sollten sich lieber ein Beispiel an den USA und der Schweiz nehmen.

Schwarzarbeit bekommt in Deutschland einen immer größeren Stellenwert. Nach Prognosen des Experten für Schattenwirtschaft der Universität Linz, Friedrich Schneider, steigt der Anteil der Schwarzarbeit am Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr zum zweiten Mal in Folge. Im internationalen Vergleich stehe Deutschland mit einer Quote von 14,65 Prozent des BIP nicht besonders gut da.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) will den Kampf gegen die Schwarzarbeit verschärfen. Bei der zuständigen Finanzkontrolle Schwarzarbeit sollen 200 neue Stellen geschaffen werden. „Das nutzt aber nur bei einem ganz geringen Teil der Schwarzarbeit etwas, etwa im Bereich der organisierten Kriminalität“, sagte Schneider Morgenpost Online ONLINE. Bei den acht bis elf Millionen Beschäftigten mit regulärem Job, die sich schwarz etwas hinzuverdienen, bringe eine schärfere Kontrolle dagegen nur wenig.

Noch größer als hierzulande ist die Bedeutung der Schwarzarbeit in den südeuropäischen Ländern, in Belgien und einigen skandinavischen Staaten. In Griechenland wird jeder vierte Euro schwarz erwirtschaftet, in Italien, Spanien und Portugal jeder fünfte Euro. „In Südeuropa handelt es sich um eine echte Parallelwirtschaft“, meint Schneider. Schwarzarbeit habe dort Tradition, und ihr Anteil verharre seit langem auf sehr hohem Niveau.

In Deutschland gab es bis in die 70er-Jahre nur wenig Schwarzarbeit. 1975 betrug die Quote lediglich 5,75 Prozent. Doch die steigende Arbeitslosigkeit und die zunehmende Steuer- und Abgabenbelastung ließen die Schattenwirtschaft über Jahrzehnte hinweg wachsen. Der bisherige Rekordwert wurde 2003 mit 17,1 Prozent erreicht. Danach ging die Schwarzarbeit zurück, zumal die damalige rot-grüne Regierung den Arbeitsmarkt dereguliert und die Steuerlast gesenkt hatte. Doch der Konjunktureinbruch infolge der Weltfinanzkrise kehrte 2009 den Trend wieder um.

Kein großes Thema ist Schwarzarbeit in den USA und in der Schweiz. Beide Länder gelten als wirtschaftlich liberale Standorte. „In Deutschland beflügeln dagegen die starke Belastung des Faktors Arbeit mit Steuern und Sozialabgaben sowie die hohe Regulierungsdichte die Schwarzarbeit“, sagte Schneider. Zudem sei es in Ostdeutschland für Arbeitslose oft schwierig, eine reguläre Stelle zu finden.

Der Wirtschaftswissenschaftler warnte die Bundesregierung davor, die Mehrwertsteuer anzuheben, wie dies angesichts der exorbitant hohen Staatsverschuldung zu befürchten sei. Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer um zwei bis drei Prozent würde die Schwarzarbeit um bis zu 20 Mrd. Euro anschwellen lassen, prophezeite Schneider. 2009 betrug ihr Volumen 352 Mrd. Euro, in diesem Jahr sollen es laut Studie rund neun Mrd. Euro mehr sein. Vor allem in der Baubranche und im Handwerk ist Schwarzarbeit verbreitet: Auf diese Branchen entfallen knapp 40 Prozent der hiesigen Schattenwirtschaft.

Weitere Steuersenkungen, wie sie die schwarz-gelbe Koalition in Aussicht stellt, würden den Anreiz, schwarz zu arbeiten, nach Ansicht Schneiders mindern. Sinnvoll wäre es auch, die Krankheitskosten von den Arbeitskosten abzukoppeln, wie dies die FDP mit der Einführung einkommensunabhängiger Prämien anstrebe, meinte der Ökonom. Auch eine bessere steuerliche Absetzbarkeit von Dienstleistungen in Privathaushalten helfe, die Schwarzarbeit in die reguläre Wirtschaft zu überführen. Dies zeigten Erfahrungen mit entsprechenden Regelungen, die von der großen Koalition in der vergangenen Legislaturperiode umgesetzt wurden.

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