Bahntrasse

In Offenburg droht der Bahn neuer Widerstand

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Joachim Fahrun

Foto: dpa / dpa/DPA

Die Offenburger sind aufgebracht: Ihre Stadt könnte bald durch eine Bahntrasse und Lärmschutzwände zerschnitten werden. Die Bahn hat Angst, dass auf Stuttgart 21 ein "Baden 21" folgen könnte.

In Stuttgart wehren sich viele Bürger vehement gegen einen neuen Eisenbahntunnel samt unterirdischem Bahnhof. Kaum 100 Kilometer westlich kämpfen andere Landeskinder in der südbadischen Stadt Offenburg dafür, dass die Deutsche Bahn eben das tut, was sie in Stuttgart plant: nämlich eine neue Bahnstrecke unter die Erde zu verlegen.

Im Unterschied zu den immer neuen Demonstrationen und der bundesweit beachteten Schlichtung des Alt-Politikers Heiner Geißler, der die Streithähne am kommenden Freitag an einen Tisch bringen will, ist der Offenburger Tunnel-Streit bisher kaum über die regionalen Medien hinaus gedrungen. Dabei gibt es durchaus Zusammenhänge zwischen beiden Konflikten. In beiden Fällen geht es um den Ausbau der sogenannten transeuropäischen Verkehrsnetze, zu dem sich Deutschland gegenüber der EU verpflichtet hat, um Bürgerwillen und um Widerstand.

Geschlossen wehrt sich auch die 60.000-Einwohner-Stadt Offenburg gegen die bisherigen Bahn-Pläne. Dort sollen nämlich parallel zur bestehenden Rheintal-Trasse zwei weitere Gleisspuren allein für den Güterverkehr gebaut werden. Die Folgen der bisher verfolgten Planungsvariante A3 wären gravierend. 25 Wohn- und zwei Geschäftshäuser müssten weichen. Das Barockstädtchen würde auf acht Kilometern Länge durch zwei bis zu sechs Meter hohe Lärmschutzwände in zwei Hälften geteilt. 46.000 Einwendungen seien dagegen bei der Bahn eingegangen, heißt es im Offenburger Rathaus. Oberbürgermeisterin Edith Schreiner spricht von „monströsen Lärmschutzwänden, die unsere Stadt brutal zerschneiden und unsere Lebensqualität unzumutbar verschlechtern“. 570 Güterzüge täglich werden erwartet, die Hälfte davon nachts.

Die Offenburger fordern nun stattdessen einen Tunnel. 400 Millionen Euro würde diese Lösung kosten. Bahn-Chef Rüdiger Grube hat kürzlich immerhin zugesagt, diese Variante zu prüfen. Offenbar habe die Bahn Angst davor, sich neben dem Ärger um Stuttgart 21 auch noch ein „Baden 21“ einzuhandeln. Etwas tun müssen Bahn und Bundesregierung jedoch in Offenburg und im gesamten Rheintal. Denn die Trasse durchs Badische ist Teil der wichtigsten europäischen Nord-Süd-Verbindung von Europas größtem Hafen in Rotterdam ins italienische Genua. „Deutschland ist vertraglich verpflichtet, diese wichtigste europäische Verkehrsmagistrale vierspurig auszubauen“, sagt der verkehrspolitische Sprecher der Grünen im EU-Parlament, Michael Cramer. Dabei stockt das Projekt vielerorts, nicht nur in Offenburg, während die Schweizer am vergangenen Freitag mit dem Durchstich des neuen Gotthardtunnels einen bedeutenden Schritt weitergekommen sind. Von der 182 Kilometer langen Rheintalbahn sind erst 43 Kilometer fertig ausgebaut. Die Schweizer sind wegen der Verzögerungen verstimmt.

Cramer, der früher im Berliner Abgeordnetenhaus saß, ist nun verärgert, dass in Bezug auf Stuttgart 21 die Projektbefürworter die europäische Karte ziehen und auf die Bedeutung des Vorhabens für die europäischen Netze verweisen, während das in Offenburg offenbar nicht zähle. „Während in Stuttgart Milliarden von Euro keine Rolle spielen, sollen in Offenburg angeblich 400 Millionen Euro für einen Tunnel nicht aufzutreiben sein“, wundert sich Cramer. Hier liegt tatsächlich ein Projekt in europäischem Interesse vor, mit einem Tunnel könnte „Deutschland vertragstreu“ sein. Das Stuttgarter Bahnhofsprojekt sieht Cramer hingegen nicht durch europäische Verträge gebunden.

Zuvor hatte EU-Verkehrskommissar Siim Kallas das Projekt Stuttgart 21 als „extrem wichtig für die transeuropäische West-Ost-Achse“ zwischen Paris und Bratislava dargestellt. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat am Freitagabend beim Deutschlandtag der Jungen Union das Projekt als „wichtig für Europa“ bezeichnet. Gegen diese Einschätzung wendet sich EU-Parlamentarier Cramer, der sich seit Jahren für den Ausbau von Schienenverbindungen einsetzt und dennoch gegen Stuttgart 21 ist. Die EU fördere zwar den Ausbau der Schienenverbindung, der Bahnhof selbst sei aber „eine nationale Angelegenheit“.

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