Justiz

Grausige Frauenmorde – Mexiko muss vor Gericht

Entführt, vergewaltigt, gefoltert, ermordet - mehr als 100 Frauen kamen in den letzten Jahren in Mexiko auf bestialische Weise ums Leben. Aufgeklärt werden die Fälle selten, immer wieder gibt es Justizpannen, die Hintergründe bleiben im Dunkeln. Jetzt muss sich der Staat vor einem internationalen Gericht verantworten.

Foto: AP

Erstmals verhandelt die internationale Justiz die bestialischen Frauenmorde in der nordmexikanischen Grenzstadt Ciudad Juarez. Wenn am Montag in Santiago de Chile die viertägige Anhörung des Interamerikanischen Menschenrechtsgerichtshofs (CIDH) beginnt, sitzt Mexiko auf der Anklagebank.

Formell geht es um drei Morde an jungen Frauen im Jahr 2001, die wegen haarsträubender Justizpannen bis heute nicht aufgeklärt sind. Mehr als 100 ähnliche Fälle warten bis heute auf eine Aufarbeitung - und es werden Monat für Monat mehr.

Esmeralda Herrera war eine von acht jungen Frauen, deren grausam entstellte Leichen im November 2001 in der Wüste vor Ciudad Juarez gefunden wurden. Ihre Mutter Irma Herrera konnte sie nur anhand der Kleidung identifizieren. Nach dem Schock über den grausamen Tod der 15-Jährigen folgten Demütigungen durch die Behörden.

Die Ermittler sicherten die Spuren nicht fachgerecht, verwechselten Leichen, unterließen genetische Proben und unterschlugen Beweisstücke. Die Polizei präsentierte stattdessen zwei Verdächtige mit unter Folter erzwungenen Geständnissen. Einer von ihnen starb in Polizeihaft unter ungeklärten Umständen, der andere wurde später wieder freigelassen.

"In der Wüste verscharrt, als wären sie Abfall"

Irma Herrera und zwei weitere Mütter ermordeter Mädchen wollten sich nicht damit abfinden. Sie verklagten im Jahr 2002 den Staat Mexiko vor dem CIDH, wegen Verweigerung der Justiz. „Es gibt keinen ernsthaften Willen zu ermitteln“, sagt David Peña aus dem mexikanisch-spanischen Anwaltsteam, das die Klage unterstützt. Die Anwälte fordern eine Entschädigung der Familien, die Bestrafung der nachlässigen Staatsbeamten und vor allem Maßnahmen, die weitere Frauenmorde verhindern. „So lange der Staat nichts unternimmt, drohen sich solche Taten zu wiederholen“, warnt Peña.

Victoria Caraveo, Rechtsbeistand einer der Selbsthilfegruppen betroffener Mütter in Juarez, beobachtet seit den 90er-Jahren ein wiederkehrendes Muster der Morde: „Die Täter entführen die Frauen, foltern, vergewaltigen und töten sie. Dann werden sie in der Wüste verscharrt, als wären sie Abfall“, schildert die Rechtsanwältin, die in Chile als Zeugin aussagen wird. 112 solcher Fälle dokumentierte Caraveo bis zum Jahr 2004. Dann gab sie ihren Job beim staatlichen Fraueninstitut auf, entnervt über die Untätigkeit der Behörden.

Männer, im falschen Macho-Stolz verletzt

Seither führt niemand mehr Statistik. Doch das Morden geht weiter, warnt Peña. „Etwa einmal im Monat verschwindet ein Mädchen“, berichtet der Anwalt. Den Behörden des zuständigen Bundesstaates Chihuahua wirft er eine Vernebelungstaktik vor. Denn bei den geradezu ritualhaft anmutenden Frauenmorden bewegt sich nichts. Peña vermutet, dass alte Seilschaften in den Strafverfolgungsbehörden dahinterstecken.

Über die Motive der Taten wird bis heute spekuliert. Einige vermuten satanische Rituale der lokalen Drogenmafia, die von Behörden und Polizei gebilligt oder sogar unterstützt werden. Andere weisen auf die wirtschaftliche Besonderheit von Juarez hin: Mehr als anderswo in Mexiko bringen hier die Frauen das Geld nach Hause und ziehen damit die Aggression der in ihrem falschen Macho-Stolz verletzten Männer auf sich. Grund ist die „Maquila“, die Billiglohn-Auftragsfertigung für den Export, wo vor allem Frauen als Arbeitskräfte gefragt sind.

Anwalt Peña hofft, dass das Urteil der CIDH schon in den nächsten Monaten ergeht, spätestens Anfang 2010. Dabei will er nicht nur den Machismus Mexikos verurteilt sehen, sondern auch die „institutionalisierte Gewalt“ und die „überraschende Straflosigkeit“ in Mexiko.