20 Jahre Einheit

"Deutsche können Freiheit"

| Lesedauer: 5 Minuten

Deutschland feiert 20 Jahre Einheit in Freiheit. Joachim Gauck erklärt, warum wir am heutigen 3. Oktober auch wirklich Grund zum Feiern haben – und zum Innehalten.

Was wird sie sagen, die Nächste im Kreis meiner Enkel, wenn ich sie vor ihrem 20.Geburtstag anrufen werde? „Wirst du feiern?“, werde ich fragen. Und wird sie dann sagen, was ich am liebsten von ihr hören würde: „Na klar feiern wir, Opa“?

Wird sie mir die Gewissheit schenken, die ich mir wünsche: 20 – das ist doch schon zwei Jahre Leben als Erwachsene? Pubertät ist schon lange her – und die jugendliche Verständlichkeit hat sich gelegt. Es gibt ein Studium, ein Bild von der eigenen Zukunft. Dann kann doch auch gefeiert werden …

20 Jahre ein wieder einiges Deutschland – werden wir feiern?

Liegen die Vereinigungswirren lange genug zurück? Hat sich der Frust der vielen Ostdeutschen gelegt, die sich unter Einheit und Freiheit einst einfach nur Glück vorstellen konnten und dann in der offenen Gesellschaft im Unglück der Arbeitslosigkeit oder der Unsicherheit total veränderter Regeln angekommen waren?

Wir wissen es ja, die Mehrheit der Ostdeutschen hat neben ihrem frühen Ja zur Einheit auch ihre Fähigkeit entwickelt, in der Freiheit zu bestehen, sie zu bejahen und zu gestalten. Und die Mehrheit der Westdeutschen hat unverdrossen ihre solidarische Unterstützung gegeben, einige zwar knurrend, aber warum sollten hier nicht einige knurren dürfen, wenn dort etliche beständig murrten?

Aber dann ist es doch vorangegangen, trotz der in unterschiedlichen Tonarten vorgetragenen Knurr- und Murrtöne.

Und aktuell gibt es sogar Hoffnungssignale: Die so beständige Nationalkultur des Verdrusses scheint nicht mehr unsere Leitkultur zu sein. Jedenfalls nicht bei der Bewertung der deutschen Einheit.

Jüngste Umfragen belegen, dass die Zahl der Zufriedenen die der Unzufriedenen deutlich übersteigt. Und sogar das viel bespottete Reizwort von den „blühenden Landschaften“ erfährt Zustimmung von einer Mehrheit. Das war vor zehn Jahren doch deutlich anders. Dem Rausch und der Freude der Freiheits- und Vereinigungszeit war der Frust der Gewöhnung an die alltägliche Freiheit gefolgt. Sie forderte vielen etwas ab, was sie im Osten nicht hatten trainieren können: Eigenverantwortlichkeit.

Im Sport folgt auf die Belastung des ständigen Trainings die Freude daran, das einst so Schwere zu beherrschen, dann kommt die Freude am Erfolg hinzu. Auch die Lebensform des Bürgers müssen wir offenkundig trainieren. Das kann mühsam sein, aber diese Bürgerexistenz ist erkennbar, und sie entspricht uns. Denn einst, in der Ohnmacht lebend, wussten wir es doch genau! Wir sind nicht geschaffen für die Ohnmacht, sondern für die Freiheit. Mancher aber war dann, als wir uns die Freiheit erkämpft hatten, enttäuscht: Warum nur war sie, die Freiheit, so schön gewesen, als wir sie ersehnt haben, und so schwer, als wir sie dann lebten? Aber dass das Schwere uns glücklicher machen kann als das Leichte, das haben wir dann auch begriffen, als wir lernten, dass die Freiheit der Erwachsenen nichts anderes ist als Verantwortung.

Unsere Stadt, unser Land ist voll von Menschen, die nicht nur zwischen Produkten wählen wollen, um sich als clevere Konsumenten zu zeigen. Vielmehr wollen sie zwischen Werten, Konzepten und Richtungen entscheiden, wollen mitreden, wählen, mitentscheiden – kurz: Sie wollen Bürger sein. Dass das heute alle Menschen in diesem Land sein können, ebendies feiern wir an unserem Nationalfeiertag. Denn die Einheit allein wäre noch kein Grund zur Freude und zur Dankbarkeit.

Es gab ja auch mal eine Einheitspartei, deren Einheit uns nur Rückschritt und Unfreiheit brachte – und zuvor ein immer größeres Deutschland, dessen staatliche Einheit in Rechtsferne, Übermut und Bürgerohnmacht mündete. Einheit allein also wäre wenig.

Es ist die Einheit in Freiheit, die wir feiern. Und die haben Ost- wie Westdeutsche, Ost- wie West-Berliner auf je eigene Weise geschaffen.

Die einen, als sie über Jahrzehnte Menschen- und Bürgerrechte etablierten und die Herrschaft des Rechts befestigten. Die anderen, als sie 1989 ihrer Angst den Abschied gaben und so eine wirkliche Freiheitsrevolution zustande brachten.

20 Jahre Wiedervereinigung lassen uns feiern, dass wir dieses vereinigte Deutschland auf verschiedenen Wegen, aber auf gemeinsamen Werten ruhend, geschaffen haben.

Ein Mensch ist mit 20 nicht am Ende seiner Entwicklung. Eine Gesellschaft erst recht nicht. Aber da sind doch Entwicklungen sichtbar, über die wir uns freuen dürfen – obwohl jeder von uns Problemzonen und Konflikttage kennt, die uns auch noch lange bedrücken werden. Aber warum sollten wir nicht unserer Kraft trauen. Wer Diktaturen überwindet, hat Kräfte in sich, die nicht schwinden, wenn der Sieg errungen ist.

Sie werden wachsen, wenn wir ihnen – wenn wir uns trauen.

Ich weiß es; wir werden den 30. Geburtstag noch deutlicher feiern als den 20. Wenn wir uns selber glauben, was wir einst konnten, werden wir auch können, was wir heute glauben: Deutsche können Freiheit.

Gott und den Menschen sei Dank!

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