Schweden

Ex-Polizeichef muss wegen Sexualdelikten in Haft

Er schockt Schweden: Göran Lindberg hielt Vorträge gegen Frauenhandel und frönte zugleich ausgefallenen Sexfantasien.

Foto: AFP

Die vergangenen Wochen und Monate haben Göran Lindberg zugesetzt. Aus dem ehemals so vital und selbstsicher wirkenden Vorzeigepolizisten ist ein Häufchen Elend geworden. Schmal und eingefallen war das Gesicht des 64-Jährigen, wann immer es im Fernsehen oder auf Fotos in Zeitungen zu sehen war. Und dies war in letzter Zeit ziemlich oft der Fall, denn der einst ranghohe Polizeichef musste sich in einem aufsehenerregenden Prozess vor einem Stockholmer Gericht verantworten.

23 Sexualdelikte legte ihm die Staatsanwaltschaft zur Last. Es ging um Prostitution, Zuhälterei, Vergewaltigung, ja sogar um sexuellen Missbrauch Minderjähriger. Am Freitag dann der Urteilsspruch: sechseinhalb Jahre Gefängnis. Es ist das vorläufige Ende dessen, was schwedische Medien den größten Skandal in der Geschichte der schwedischen Polizei nennen.

Als die Fahnder am 25. Januar an einer Tankstelle im schwedischen Falun zuschlugen, soll sich Lindberg gerade auf dem Weg zu einer 14-Jährigen befunden haben, die er in ein Hotelzimmer bestellt hatte. In seiner Tasche fand man Dildos, Gleitcreme und Lederriemen. Lindbergs Standardausrüstung für die Erfüllung seiner ausgefallenen Sexphantasien, wie sich später herausstellen sollte. Die Ermittler hatten den Ex-Polizeichef schon länger im Visier und in dieser Zeit allerhand zusammengetragen. Verdachtsmomente zunächst, die das Gericht jedoch in fast allen Punkten als erwiesen ansah.

"Besondere Rücksichtslosigkeit und Rohheit"

So wurde Lindberg unter anderem verurteilt, weil er 2007 eine damals 17-Jährige an Händen und Füßen gefesselt, geschlagen und vergewaltigt hatte. In einem anderen Fall im vergangenen Jahr war es erneut eine 17-Jährige, die er an den Rand der Bewusstlosigkeit brachte, weil er sich zu lange auf ihr Gesicht gesetzt hatte. Das Gericht sprach von „besonderer Rücksichtslosigkeit und Rohheit“ des Verurteilten, der die Mädchen „sadistischer sexueller Gewalt“ ausgesetzt habe.

Freigesprochen wurde Lindberg hingegen vom Vorwurf der geplanten Kindesmisshandlung. Das Gericht konnte weder nachweisen, dass der Polizeibeamte wusste, dass das 14-jährige Mädchen, mit dem er sich in Falun treffen wollte jünger als 15 Jahre war, noch, dass er vorhatte, sie gegen ihren Willen zum Geschlechtsverkehr zu zwingen. Lindberg hatte während des Prozesses diesen Vorwurf von sich gewiesen, ebenso wie alle anderen. Lediglich die Inanspruchnahme der Dienste von Prostituierten gab er zu, was in Schweden allerdings auch schon für eine Verurteilung gereicht hätte. Denn dort ist der Kauf von Sex seit 1999 verboten und wird streng bestraft.

Für das Land ist die Causa Lindberg ein Schock, galt der ehemalige Polizeichef von Uppsala und Leiter der schwedischen Polizeihochschule doch als besonders integer. Er hielt Vorträge, die den Frauenhandel anprangerten, unterstütze eine Hilfsorganisation für Opfer sexueller Übergriffe, kurz: Er war ein Aushängeschild Schwedens als Musterland der Emanzipation und sexuellen Selbstbestimmung von Frauen.

"Faktischer Ansteig der sexuellen Gewalt"

Dass so jemand ein Doppelleben führt, das stark an jenes der Romanfigur Nils Burmann aus Stieg Larssons Millenium Trilogie erinnert, können viele nicht begreifen. Die Ermittler waren Lindberg auf die Spur gekommen, als sie seinen Namen im Handy eines 60 Jahre alten Mannes fanden, der offenbar kurz vor dem Treffen mit einer Prostituierten auf rätselhafte Weise ums Leben gekommen war.

Der Fall zeigt aber auch, dass selbst in Schweden Frauen nicht vor sexuellen Übergriffen gefeit sind. Im Gegenteil. Ausgerechnet Schweden steht nämlich an der Spitze der Statistik über die zur Anzeige gebrachten Vergewaltigungen. Laut einer von der Europäischen Union finanzierten Studie der Londoner Metropolitan Universität kommen dort auf 100.000 Einwohner 46,5 solcher Sexualverbrechen – soviel wie in keinem anderen der 23 untersuchten Länder.

Damit liegt Schweden mit großem Abstand vor Island, das mit 35 Vergewaltigungen pro 100.000 Einwohner auf Platz zwei folgt. Deutschland liegt mit zehn im oberen Mittelfeld, Schlusslicht der Studie mit 2,4 ist Ungarn.

Die Initiatoren der Studie gehen zwar davon aus, dass der hohe Wert für Schweden auch mit einer größeren Bereitschaft der Frauen zusammenhängt, die Vorfälle zur Anzeige zu bringen. Allerdings ließe sich der Spitzenplatz des Landes dadurch alleine nicht erklären, so Christian Diesen, Professor an der juristischen Fakultät der Universität Stockholm. Die Zahl der Anzeigen in Schweden steige stetig, während sie beispielsweise in Deutschland stabil bleibe: „Ein klarer Beweis für einen faktischen Anstieg der Fälle sexueller Gewalt.“

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