Deutsche und Türken

Fußball leistet, was die Politik nicht schafft

Am Mittwoch kommt es in Basel zum EM-Halbfinale zwischen Deutschland und der Türkei. In vielen Städten ist es ein innerdeutsches Duell zwischen alten und neuen Deutschen. Und die Vergangenheit hat gezeigt: Fußball kann gesellschaftliche Entwicklungen abbilden, ja Entwicklungen sogar vorwegnehmen.

Foto: bb/dg / AFP

Als die Wölfin Asena am Rande der Taklaman-Wüste einen Jungen findet, nimmt sie ihn mit in ihre Höhle und zieht ihn auf. Der Knabe ist einziger Überlebender eines Massakers, ihm fehlen Hände und Füße. Aus der Vereinigung des Knaben mit der Wölfin erwachsen zehn Kinder; der Fortbestand des Volkes ist gesichert. Die Legende von Asena ist Gründungsmythos der Türken und Turkvölker, der Wolf das pantürkische Totemtier.

Auch die Jäger des frühen Europas sahen im Wolf den einzigen ebenbürtigen Gegner. Er war schlau und ausdauernd, hatte sich im Rudel sozial, aber hierarchisch klar organisiert. Der Vorname des deutschen Innenministers Schäuble geht auf die Verehrung dieses Tiers zurück.


Die türkische Mannschaft hat drei bereits verloren geglaubte EM-Spiele, gegen Schweizer, Tschechen und Kroaten, in den letzten Minuten umgedreht. Unwahrscheinlich, dass solche Willensleistungen mit dem Verstand abzurufen sind. Denkbar aber, das dieser Wolfs-Mythos, der im Unterbewusstsein jedes türkischen Jungen implantiert ist, die Elf von Trainer Fatih Terim zu ihren Siegen getrieben hat.


Sportpsychologen wissen, dass jene Prozentfetzen, die Leistungsvermögen in Weltklasse verwandeln, nicht über die Vernunft, nicht mit Zahlen oder Magnettafeln zu mobilisieren sind. Erst wenn die emotionale Seite des Hirns sich als Akteur einer großen Story fühlt, einer Mission, erst dann gelangt der Spieler die entscheidende Zehenspitze eher an den Ball, kommt der gewagte Pass tatsächlich an, rennt der Spieler auch in der 121. Minute noch um sein Leben; wundersam klicken die komplexen Bewegungs- und Reaktionsmuster jedes einzelnen Spielers zu jenem Großen und Schönen zusammen, das man historisches Fußballspiel nennt. Portugiesen und Kroaten waren psychisch offenbar nicht zu 100 Prozent aufgeladen. Deswegen heißt das erste Halbfinale dieser EM Deutschland gegen Türkei.

Sieg gegen BRD gab der DDR Selbstbewusstsein

Am 22. Juni 1974 mühten sich Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Gerd Müller und Paul Breitner im Hamburger Volksparkstadion ab. Die sportlich eher unspektakuläre Elf der DDR setzt der Übermacht aus dem Westen mit einem Tor und einem Namen zu: Sparwasser, Jürgen Sparwasser vom 1. FC Magdeburg, ausgebildet von seinem Opa bei Lokomotive Halberstadt. Ein einziges WM-Tor hatte für Identität und Selbstbewusstsein von Millionen Ostdeutschen mehr bewirkt als jedes sozialistische Schulungsprogramm. Ein Spiel, das dem Davids-Gegen-Goliath-Mythos eine neue Variante beigab und das Anerkennung erzeugte.

Am 25. Juni 2008 kommt es zu einem neuen innerdeutschen Match, die moderne Ausgabe in globalisierten Zeiten, aber nicht minder aufgeladen. Wieder verdichtet sich Geschichte zu 90, maximal 120 Minuten und womöglich Elfmeterschießen.

Diesmal messen sich allerdings nicht Ost- und Westdeutsche, sondern Alt- und Neudeutsche. Grenzen und Mauern haben an Bedeutung verloren, aber die Rollen sind ähnlich verteilt: Hier das große reiche Deutschland, dort seine stärkste Einwanderergruppe, hungrig nach Wohlstand, vor allem aber nach Anerkennung, vielfach erfolgreich zwar und doch in der Rolle des Underdogs. An diesem Mittwoch geht es wieder um Respekt, womöglich sogar um Verständnis füreinander.

Viele Autos beflaggen deutsch-türkisch

Der Blick des Statisten auf die Doppelbeflaggung der Berliner Autos während der EM-Wochen ergibt ein klares Bild. Die deutsch-österreichische Kombination war fast nie zu sehen, deutsch-niederländisch auch nicht. Deutsch-polnisch gelegentlich, deutsch-kroatisch auch.

Die absolute Mehrheit jedoch entfällt auf die deutsch-türkische Variante, nicht nur bei Taxis und Döner-Lieferanten. Es ist ein Wille zum Miteinander spürbar, der sich von der sperrigen politischen Debatte entkoppelt hat. Mag der furchtsame Traditionsdeutsche auch Angst haben vor entfesselten Deutschtürken, die die Stadt niederbrennen, so bewiesen die feiererprobten Mitbürger bislang höchste Autokorso-Disziplin. Ein Zweitligaspiel in Leipzig fordert die deutsche Polizei allemal mehr als ein türkischer Viertelfinalsieg. Viele Einwanderer stehen dem europäischen Wertekanon deutlich näher als die deutsche Glatze.


Gerade die nachwachsende Generation beider Länder sieht sich bei allen Unterschieden mit einer ähnlichen gesellschaftlichen Lage konfrontiert: Reformer gegen Traditionalisten, Wachstum und Rezessionsangst, der schwierige Übergang von einer Jahrhunderte alten Kultur, die Andersartigkeit nicht zulässt hin zu einem toleranten und modernen Miteinander. Vielleicht waren die unbotmäßigen Reaktionen auf den dramatischen Brand in Ludwigshafen das letzte Zeichen aggressiver Überreaktion.

Kicker-Gehälter sind in Neidgesellschaft kein Thema

Beide Nationalmannschaften bieten Identifikation für das Moderne. Wenn Philipp Lahm 90 Minuten lang auf jedem Quadratzentimeter des Fußballfeldes zu sehen ist, dann sagt das mehr über Leistungsbereitschaft und Einsatzwillen als jedes Buch von Roman Herzog. Wenn Schweini und Poldi sich nach dem Sieg in die deutsche Kurve stürzen, mit den Fans schunkeln und lachen, dann klappt die Schere zwischen arm und reich für einen Moment zusammen. Keine Beckham-Allüren, keine umfragengestützte Image-Beratung, keine hidden agenda – sondern einfach herzliches Miteinander.

Es ist ja kein Zufall, dass die vermeintliche deutsche Neidgesellschaft kaum ein Wort verliert über die Gehälter ihrer Kicker, die meist über denen deutscher Spitzen-Manager liegen. Natürlich darf sich Leistung lohnen, wenn sie so bedingungslos gezeigt wird wie im Spiel gegen Portugal. Dieses Team führt ein Deutschland vor, mit dem sich die Mehrheit des Landes identifizieren kann. Ebenso geht es den Türken. Die Nationalmannschaft lebe vor, dass „Erfolg hat, wer zusammenhält“, erklärt Sahin Alpay, Professor für Politikwissenschaften in Istanbul. Platter Nationalismus tritt langsam in den Hintergrund.

In seinen stärksten Momenten bildet der Fußball die Gesellschaft nicht nur ab, sondern nimmt Entwicklungen vorweg. Was haben die beiden Teams ihren Landsleuten voraus? Fleiß? Talent? Einsatzwillen? Alles richtig, aber am Ende ist es ihre unbändige Motivation, die wahre Währung der globalisierten Welt. Moderne Motivation ist intrinsisch, sie funktioniert aus sich heraus. Leistung macht Spaß und Sinn, zum Beispiel, weil sich der Spieler als nützlicher Teil eines großen Ganzen versteht. Faktoren wie Geld, Status, Anerkennung sind eben nicht Motor von Motivation, sondern deren Ergebnis. Diese Erkenntnis verharrt derzeit im Leistungssport, obwohl sie für die ganze Gesellschaft zukunftsentscheidend wäre.

Sport wird zum Vorbild für die Politik

„Selbstmotivation kann man nicht von außen verordnen“, befindet auch der Berliner Motivationspsychologe Dr. Gerhard Huhn, „sie kann aber geweckt und verstärkt werden durch Ansteckung. Vorbildwirkung ist das beste Mittel. Wer zur eigenen Persönlichkeit steht, Mut und eine Portion Frechheit mitbringt und überdies die Erinnerung an die in der Vergangenheit errungenen Erfolge mobilisiert, der kann ein inneres Feuer der Begeisterung entfachen und sprüht Funken, die weitere Feuer entzünden.“

Die Sprache des Sports ist international, nicht moslemisch, oder christlich, sondern universell. Intrinsisch motiviert können beide Mannschaften und ihre Fans in diesem Halbfinale Geschichte schreiben, Integrationsgeschichte. Der türkische Torwart Rüstü hat schon mal vorgemacht, wie sich maximale sportliche Rivalität und modernes Miteinander vereinen lassen. Nach dem gewonnenen Elfmeterschießen rannte er zu den trauernden Kroaten und umarmte jeden von ihnen. Eine große Geste, die mehr Integrationskraft birgt als ein Dutzend Podiumsdiskussionen mit den immer gleichen appellativen Textbausteinen.

Was in der Politik fast gar nicht und im richtigen Leben zu selten klappt, können 22 Spieler an diesem Mittwoch vorleben.

Wettbewerb, aber Fairness, Leistung, aber Loyalität, hochemotionaler Kampf, aber frei von Hass, sowohl auf dem Baseler Rasen wie auf dem Kudamm in Berlin. Das faszinierend einfache Spiel Fußball entwickelt bisweilen die Kraft, den richtigen Weg zu weisen.

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