Studie

Deutschland spart an seiner Jugend

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David Deißner

Allein zwischen 2002 und 2006 ist in Deutschland ein Drittel der Stellen in der Jugendarbeit abgebaut worden. Das hat das Deutsche Jugendinstitut (DJI) berechnet. Besonders in den neuen Bundesländern gibt es nur noch wenige Angebote für Kinder und Jugendliche. Das Institut warnt vor dramatischen Folgen.

Wie viel Rationalisierung ist erlaubt, wenn es um das Wohl oder gar das Leben von Kindern und Jugendlichen geht? Gemessen an der allgemeinen Entrüstung, mit der die Öffentlichkeit auf spektakuläre Fälle von Kindesvernachlässigung oder Jugendgewalt reagiert, scheint die Antwort klar: Kaum etwas sollte sich die Gesellschaft so viel kosten lassen wie den Schutz und die Begleitung der nachfolgenden Generation. Doch gerade im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit wird seit Jahren massiv gespart. Dies geht aus einer Studie hervor, die das Deutsche Jugendinstitut (DJI) anlässlich des heute beginnenden 13. Kinder- und Jugendhilfetages in Essen vorgestellt hat.

Demnach wurde zwischen 2002 und 2006 in der klassischen Jugendarbeit fast ein Drittel des Personals eingespart. Vom Sozialarbeiter im Jugendzentrum bis zum Streetworker – in den vergangenen Jahren sei bundesweit mehr als jede vierte Vollzeitstelle weggefallen. „Ich bin noch immer fassungslos angesichts dieser Zahlen“, sagte Norbert Struck, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ), WELT ONLINE. „Wir wussten zwar, dass immer mehr Stellen im Bereich der Jugendarbeit ungesichert oder nur befristet waren, aber dieser dramatische Personalabbau hat uns doch überrascht.“


Insbesondere in den neuen Bundesländern ist dieser besonders prekär. Im Osten sind innerhalb von nur fünf Jahren vier von zehn Vollzeitstellen in der Kinder- und Jugendarbeit abgebaut worden. Im Westen fiel im gleichen Zeitraum ein Viertel aller Stellen weg. „Dieser Rückgang liegt weit über dem Faktor, der durch demografische Veränderungen zu erklären wäre“, sagt Struck. Zur Rechtfertigung des Personalabbaus wird im Osten immer wieder der seit der Wende zu verzeichnende Geburtenrückgang ins Feld geführt. Seit langem sinkt dort die Zahl der Kinder und Jugendlichen. Im Westen aber, hieß es von Seiten des DJI, seien die Kürzungen „politisch gewollt“.


Die Behörden reduzierten ihr Personal auch in anderen Bereichen stark, in den Kinder- und Jugendheimen etwa. Hier schrumpfte das Personal von 2002 bis 2006 um sechs Prozent. Auch für die Beratung und Betreuung schwieriger Familien, die sogenannte „ambulante Hilfe zur Erziehung“ setzte der Staat trotz der zahlreichen Fälle von Kindstötungen im selben Zeitraum schrittweise insgesamt 13 Prozent weniger Beschäftigte ein.

"Die Jugend wird kaputt gespart"

Während sich die Arbeit und die Ausstattung der Jugendämter mancherorts wegen des wachsenden öffentlichen Drucks langsam verbessert – in Bremen und Hamburg etwa soll es mehr qualifiziertes Personal und mehr Hausbesuche bei Problemfamilien geben –, lässt sich das Thema Jugendhilfe ungleich schwieriger vermitteln. „Das Leid von Kindern ist sinnfälliger und im öffentlichen Diskurs leichter zugänglich, während Jugendliche oftmals noch immer als diejenigen gelten, die Probleme machen und nicht als die, die Probleme haben“, so Struck.

Und so geht es beim Kinder- und Jugendhilfetag, der heute von Bundespräsidenten Horst Köhler eröffnet werden wird, offenbar auch darum, das Thema Jugendhilfe in der Aufmerksamkeitsökonomie dieser Tage angemessen zu positionieren. So wurde etwa bei der Vorstellung der DJI-Studie darauf verwiesen, dass die Krippen und Kindergärten in Deutschland ausgebaut würden, während die kommunale Jugendarbeit zu verschwinden drohe. Die Aufstockung der frühkindlichen Betreuung sei durchaus notwendig und auch gewünscht, dürfe aber nicht zu Lasten der Jugendlichen und jungen Erwachsenen gehen, betont Struck im Gespräch mit Morgenpost Online.

Der AGJ-Chef wählt drastische Worte: „Die Jugend wird kaputt gespart. Die Zukunft der Kinder- und Jugendarbeit steht auf dem Spiel.“ Junge Menschen würden zunehmend sich selbst überlassen – und das vor dem Hintergrund der immer schwieriger werdenden Lebenslage von Kindern und Jugendlichen. Wie wenig die goldene Jugend ihren Namen hierzulande verdient, hatte zuletzt ein Bericht der Bundesregierung deutlich gemacht: 2,5 Millionen Kinder leben unter der Armutsgrenze, in Berlin ist es fast jedes dritte.


Aber nicht nur in den Problembezirken der Großstädte, auch im ländlichen Raum ist die Infrastruktur der Jugendeinrichtungen vielerorts durch den Sparkurs der Kommunen bedroht. Eine alarmierende Entwicklung. Denn die Erfahrung zeigt: Wo Anlaufpunkte wegfallen, hat die rechtsextreme „Jugendarbeit“ leichtes Spiel.