Anschläge von Bombay

Der globalisierte Terror trifft Indiens Erfolgsmodell

Die Attentäter von Bombay haben Indien nachhaltig getroffen. Nicht nur, dass Touristen und Geschäftsleute das Land in Zukunft meiden werden, aber sie schüren auch die inneren Konflikte im Land und die Rivalität mit Pakistan. Die Terroristen haben das Ansehen des Landes beschädigt.

Als indische Elitetruppen am frühen Morgen das Hotel Taj Mahal stürmten und die letzten verbliebenen Geiseln befreiten, war das seit Mittwoch anhaltende Inferno beendet. Es wird noch Tage dauern, bis man sich des Ausmaßes der verheerenden Terroranschläge bewusst wird. Das Trauma hält an, und viele Fragen werden wohl noch lange unbeantwortet bleiben. Dabei hat es die Finanzmetropole Indiens spätestens seit dem erbitterten Bandenkrieg zweier Mafiaclans vor 15 Jahren gelernt, mit der beklemmenden Erfahrung von organisiertem Mordterror zu leben. Allein in diesem Jahr verübten Terroristen fünf Anschläge in verschiedenen Stadtteilen.

Die Mehrzahl der landesweiten regionalen Konflikte verschiedener ethnischer und religiöser Gruppen, die in Gewalt und Blutvergießen kulminierten, wurde bislang eher als Ereignisse lokalen Ranges wahrgenommen. Das ist angesichts der massiven Trennungslinien zwischen den 28 Bundesstaaten und sieben Unionsterritorien im starren föderalen System des Ein-Milliarden-Volkes fast nachvollziehbar.


Mehr noch als die tödlichen Explosionen in Bombay vor 15 Jahren nährte der Angriff einer militanten islamischen Gruppe auf das Parlament in Neu Delhi im Dezember 2001 die Zweifel und Besorgnis um die nationale Sicherheit. Wenngleich der Angriff zügig abgewehrt werden konnte und er eine verhältnismäßig geringe Zahl von Opfern forderte, handelte es sich schließlich um den ersten bewaffneten Anschlag auf das Herz der Demokratie des Landes. Die darauf folgende öffentliche Debatte zeigte, welchen Schaden die terroristischen Anschläge dem Selbstbewusstsein der Inder zugefügt hatten.


Die Ereignisse dieser Woche in Bombay lösen eben diese Fragen und Zweifel aus, die Indien über die Grenzen seiner Bundesstaaten hinweg auch damals bewegten. Die Vorgehensweise der Gewalttäter und die ersten Indizien, die von den Ermittlern präsentiert werden, stärken die Vermutung, dass die Terrorakte die Handschrift militanter islamischer Gruppen tragen und ihre Impulse aus dem Ausland erhielten. Die "Times of India" berichtet, einer der gefassten Täter stamme aus Faridkot in der Nähe von Multan in der pakistanischen Provinz. Auch die Namen Lashkar-e-Taiba und Jaish-e-Mohmmed fielen in diesem Zusammenhang, hinlänglich als Terrornetze bekannt, die die Unabhängigkeit von Jammu und Kaschmir zum Ziel ihrer Gewaltaktionen erklärten. Lashkar-e-Taiba wies inzwischen jegliche Beteiligung an den Attentaten von sich. Im Gegensatz zu den beiden genannten Organisationen, die in der Vergangenheit wiederholt ihre Täterschaft für andere Gewaltakte bekundet hatten, ist die Gruppe Deccan Mudschaheddin, die die Verantwortung für das Morden in Bombay übernahm, weitgehend unbekannt.

Pakistan will mit der Sache nichts zu tun haben



Sprach man zunächst seitens ranghöchster indischer Stelle nur von Anschlägen, die ihren Ursprung im Ausland haben, fand Indiens Außenminister Pranab Mukherjee etwas später deutliche Worte. Ersten Erkenntnissen zufolge seien Elemente mit Verbindungen nach Pakistan beteiligt gewesen. Pakistans Außenminister Shah Mehmood Qureshi warnte zwar vor voreiligen Schuldzuweisungen, gab dann aber zu bedenken, dass beide Staaten einem gemeinsamen Feind gegenüberstünden. In Pakistan reagiert man offensichtlich jetzt noch sensibler auf solche Verdächtigungen, da man nach dem Machtwechsel in der öffentlichen Wahrnehmung eine klare Trennlinie zwischen den von pakistanischem Territorium aus operierenden Terrorgruppen und dem politischen Handeln der Regierung ziehen möchte.

In der Vergangenheit stand der Geheimdienst ISI ja im Verdacht, das Unwesen radikaler islamischer Gruppen im Land zu tolerieren und sogar mit ihnen zu kooperieren. Es scheint zwar fast aussichtslos, aber dennoch hält Islamabad an dem Plan fest, die politische Abteilung des ISI zu entmachten. Damit scheint die neue Regierung nun gewillt zu sein, den Beteiligten den Boden für diese unheilige Allianz des „heiligen Kriegs“ zu entziehen. So wie der Staat Pakistan jetzt mehr denn je daran gelegen ist, nicht mit den Mordanschlägen in Bombay in Zusammenhang gebracht zu werden, wäre es für viele in Indien erträglicher, könnte man diesen Terrorfeldzug ausschließlich jenen radikalen Kräften zuordnen, die im Ausland ihre Aktionen planen und vorbereiten, zumal man in Indien seit langem mit der Gefahr von außen umzugehen wusste. Wehrhaftigkeit gegen äußere Feinde ist nicht nur eine feste Größe der Sicherheitspolitik, sondern auch der indischen Außenpolitik.


Dieser bekannten Gefahr zu begegnen wäre für Indien jedenfalls einfacher, als sich einzugestehen, dass es sich auch um einheimischen Terrorismus handeln könnte. Für Deutsche und Briten war es damals schockierend zu erfahren, dass plötzlich auch Bürger mit deutschem beziehungsweise britischem Pass als Mitglieder internationaler Terrorgruppen identifiziert wurden. Sollte sich erweisen, dass auch im Fall Bombay ein Teil der terroristischen Planung und Ausführung indischen Ursprungs war, so wäre das für das indische Sicherheitssystem eine fatale Erkenntnis. Selbst indische Sicherheitsexperten geben inzwischen zu, dass für die präzise geplanten Anschläge eine genaue Kenntnis der örtlichen Gegebenheiten nötig war und dass die Tatorte über einen längeren Zeitraum erkundet wurden. Das lässt darauf schließen, dass auch einheimische Terroristen ihre Hand im Spiel hatten.


Indiens Softwarebranche - vernetzt mir der ganzen Welt

Die indische Demokratie ist auf Grund ihrer außergewöhnlichen ethnischen und religiösen Vielfalt mehr als andere Länder darauf angewiesen, den Bürgerinnen und Bürgern ein transparentes Regelwerk des friedlichen Zusammenlebens zu bieten. Einheit in der Vielfalt, so hatten es die Gründungsväter des Staates postuliert. Dieses Konzept hat sich bewährt. Wenn es dennoch sporadisch zu regionalen Spannungen und sogar Ausschreitungen gegen Muslime kam, so trugen den Hauptteil der Schuld jene politischen Kräfte, die mit Hilfe der Geschichtsklitterung versuchten, die Minderheit der Muslime im Lande als historisch aufgedrängte „Fremdkörper“ abzuwerten und ihnen den Rang sozialer Gleichwertigkeit abzusprechen. Wenngleich das hindu-chauvinistische Lager an Einfluss verloren hat, liegt ihr Zentrum mit seiner radikalen Organisation Siv Sena im Bundesstaat Maharaschtra und seiner Hauptstadt Bombay.


Um diese Spannung abzubauen wird es nötig sein, rasche Fortschritte in der Bildung gerade in den unteren Schichten zu erzielen. Denn es sind vor allem Menschen mit Bildungsdefiziten, die für dubiose politische Ziele manipuliert und instrumentalisiert werden können. Bildung für alle setzt jedoch voraus, dass die sozial Schwachen nicht vom wirtschaftlichen Fortschritt abgehängt werden.


Die Folgen dessen, was Bombay seit Mittwoch erlebt hat, sind immens. Indien befindet sich seit Beginn der Liberalisierung der Wirtschaft Anfang der 90er-Jahre, eingeleitet durch den damaligen Finanzminister und jetzigen Ministerpräsidenten Manmohan Singh, auf dem Vormarsch. Die Softwarebranche entwickelte sich in einem atemberaubenden Tempo. Als gefragte Dienstleister, vernetzt mit Kunden in der ganzen Welt, erbringen indische IT-Experten einen beträchtlichen Teil des Bruttosozialprodukts. Für spezifische Software-Lösungen stehen Scharen von gut ausgebildeten Arbeitskräften zur Verfügung. Anreize für ausländische Investoren trugen Früchte. Inzwischen sind viele namhafte Unternehmen der USA, Japans, Großbritanniens und Deutschlands in Bangalore, Kalkutta, Chennai, Haiderabad und in den Industriezonen am Rande Delhis ansässig. Seit Jahren kann Indiens Wirtschaft mit einem Wachstum zwischen 7 und 8 Prozent aufwarten. Die ständig anschwellende Mittelschicht stärkt den Binnenmarkt und treibt die Kaufkraft an.


Bombay ist der wirtschaftliche Dreh- und Angelpunkt

Erst vor kurzem wurde ein 30 Jahre altes Exportverbot amerikanischer Atomtechnik nach Indien aufgehoben, nachdem Indien der Internationalen Atomenergiebehörde gegenüber regelmäßige Inspektionen eines Teils seiner Atomreaktoren zubilligte. Immer das Ziel im Visier, sich als global player zu etablieren, hat sich das Land einen vorderen Platz im Kreis der Schwellenländer erobert. Mit der Eingliederung in den internationalen Finanzmarkt ist das Land allerdings ebenfalls in die Turbulenzen geraten. Man hofft zwar, auch im laufenden Planungsjahr beim Wirtschaftswachstum die 7-Prozent-Marke zu erreichen, doch die Entwicklung an der Börse in Bombay lässt Zweifel aufkommen, ob dieses Vorhaben gelingen wird. Seit Beginn des Jahres fiel der Index von fast 21.000 auf 9000 Punkte.

Beides, die Erfolge der vergangenen Jahre und die Herausforderung, ohne größere Schäden die Finanzkrise durchzustehen, brauchen ein sicheres, verlässliches Indien, das den bewährten Weg der Weltoffenheit und der internationalen Kooperation fortsetzt. War es das Ziel der Terroranschläge, Indien von diesem erfolgreichen Weg abzubringen?

Eine Reihe von Details sprechen dafür. Augenzeugen der Terroraktionen berichteten, dass die bewaffneten Kämpfer nach ihrem Eindringen in die Hotels sofort ausländische Bürger ausfindig zu machen suchten. Bombay ist der Dreh- und Angelpunkt für Indiens internationale Wirtschaftskontakte. Hier wird das Investitionsklima des Landes geprägt. Touristen, die sich nicht für die traditionelle Route Delhi-Agra-Jaipur entschieden haben, verbinden in der Regel ihre Reise in die Urlaubsgebiete von Goa oder Kerala mit einem Besuch in Bombay. Schon jetzt befürchtet man in der Finanzmetropole und anderen Wirtschaftszentren des Landes den Abzug von Investoren und Geschäftspartnern.

Die Stimmung im Volk kann schnell umschlagen

Jeder deutsche Tourist, der nach Indien fuhr, war sich bewusst, dass die Sicherheitsstruktur des Landes nicht vergleichbar mit der seines Heimatlandes ist. Dennoch fühlte man sich sicher. Seit Mittwoch gilt das nicht mehr. Das nun aufgezwungene Gefühl der Unsicherheit und Ohnmacht soll ausländische Geschäftspartner und Touristen davon abhalten, nach Indien zu reisen.

Bei all den absehbaren wirtschaftlichen Schäden, die diese neue Qualität des Terrors in Indien verursacht, sind die politischen Folgen für die von politischen Krisen gebeutelte Region Südasien nicht weniger gravierend. Trotz mancher Rückschläge konnten Indien und Pakistan in den vergangenen Jahren ihre angespannten Beziehungen entkrampfen. Besonders im humanitären Bereich wurden Erleichterungen erzielt, die vor einigen Jahren wohl kaum jemand für denkbar hielt.

Möglich wurden diese Erfolge, weil man die umstrittenen Themen Kaschmir und Gebietsforderungen zugunsten besser verhandelbarer Ziele ausklammerte. Beide Seiten gewannen mit dem neuen Maß an Flexibilität weiteres Ansehen. Diese Fortschritte in den Beziehungen, verbunden mit der Hoffnung auf neue Initiativen nach dem Regierungswechsel in Pakistan, sind nun gefährdet. Spontane Reaktionen aus der Mitte des Volkes machen deutlich, wie schnell Stimmungen umschlagen und alte Rituale der Verdächtigungen wieder belebt werden können.

Welche Rolle spielen Jammu und Kaschmir?

Möglicherweise spielten auch die gegenwärtig in sechs indischen Bundesstaaten stattfindenden Wahlen eine Rolle bei der Terrorplanung. Insbesondere die Abstimmung in Jammu und Kaschmir, deren erste beide Phasen in 16 Wahlbezirken bereits am 23. November abgeschlossen wurde, dürfte bei den Kalkulationen der Attentäter eine Rolle gespielt haben. Am Sonntag wird in weiteren 5 Wahlbezirken gewählt. Bis zum 17. Dezember werden in den restlichen 71 Wahlbezirken die Mitglieder der Legislative von Jammu und Kaschmir gewählt. Islamische Terrororganisationen haben sich nach Anschlägen in Indien bislang meistens auf ihr Engagement für ein unabhängiges Jammu und Kaschmir berufen. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Gruppen in Bombay bei der Terrorplanung auch im Auge hatten, die Stimmung im Wahlgebiet anzuheizen. Schon heute kann man davon ausgehen, dass im Vorfeld der für Mai 2009 anberaumten Parlamentswahlen das Thema nationale Sicherheit den Wahlkampf dominieren wird.

Welche Hintergründe auch immer die Ermittlungen ans Tageslicht bringen, die internationale Vernetzung des Terrorismus scheint keine Grenzen zu kennen. Bestehende Konfliktpotenziale werden von den Planern des internationalen Terrornetzwerks gnadenlos genutzt. Emotionen werden kanalisiert und enttäuschte Hoffnungen instrumentalisiert. Es wäre in der Tat fatal, sollte sich zwischen Indien und Pakistan in Sachen Kaschmir nichts mehr bewegen. Wenn sich beide Seiten der Chancen bewusst werden, die die Fortsetzung des Entspannungsprozesses eröffnet, böte das den radikalen Elementen weniger emotionale Angriffsfläche.

Es war ein glücklicher Zufall, dass Pakistans Außenminister Shah Mehmood Qureshi gerade in Delhi zu einem offiziellen Besuch weilte, als die tragischen Ereignisse in der Finanzmetropole ihren Lauf nahmen. So wurde gewissermaßen auf dem kürzesten Dienstweg zwischen Indien und Pakistan vereinbart, dass Islamabad einen Vertreter des pakistanischen Geheimdiensts ISI nach Bombay entsenden wird, um die Aufklärung der Mordanschläge zu unterstützen. Nach den von Tod, Demütigung und Erpressung geprägten schwarzen Tagen von Bombay mag man das als kleines Zeichen der Hoffnung nehmen.