Letzter Deutschlandbesuch

George W. Bush, der Klima- und der Spargelfreund

| Lesedauer: 6 Minuten
Mariam Lau

Dem US-Präsident grünt der Herbst seiner Amtszeit. Noch einmal kam Bush nach Deutschland, noch einmal spazierengehen mit Angela Merkel in Meseberg, nocheinmal sich den Fragen der deutschen Presse stellen. Der scheidende US-Präsident präsentierte sich gut aufgelegt, ein wenig nachdenklich und mit noch ein paar Visionen.

Man darf es ruhig Freundschaft nennen. Bewacht von Hundertschaften der Polizei, Straßenkontrollen, Hubschraubern, zivilen Sicherheitsleuten und einigen Bundeswehrsoldaten spazierten die Bundeskanzlerin und ihr amerikanischer Gast durch den Park von Meseberg, mit seinen bunten Rabatten und dem strahlend grünen Rasen vor frisch geweißtem Barockschloss. Geh aus, mein Herz, und suche Freud! „Es ist schön, hier bei Angela Merkel zu sein“, sagte Georg Bush mit seinem jungenhaften Grinsen, in „ihrem kleinen, bescheidenen Häuschen am See.“

Flachsender Spargelfreund

Ganz der einfache Mann von der Strasse, der den deutschen Prunk bewundert – und sich ein wenig darüber lustig macht (er könnte sich naturgemäß drei Mesebergs aus der Portokasse leisten). Merkel schmunzelt. Zur Presse gewandt – die nicht ganz so zahlreich angerückt war wie zu früheren Zeiten – fügte er hinzu: „Und diejenigen unter Ihnen, die behauptet hatten, ich möge keinen Spargel: Sie sind im Unrecht.“

Da steht er nun, der Kopf der freien Welt, und flachst. Anderswo waren von ihm nachdenklichere Töne zu hören gewesen. Der „Times“ hatte George Bush gesagt, es täte ihm sehr leid, dass er durch seine Rhetorik den Eindruck erweckt habe, er sei ein „Typ, der richtig scharf darauf ist, Krieg zu führen“. Mit Sprüchen wie „lass' sie nur kommen“, oder „bringt ihn tot oder lebendig“ habe er zu diesem Eindruck beigetragen. „Im Nachhinein denke ich, ich hätte eine andere Rhetorik benutzen sollen.“



Bedingte Reue für den Irak-Krieg



Darauf in Meseberg angesprochen, beeilte sich Bush allerdings, zu versichern, seine Reue habe sich lediglich auf die Rhetorik bezogen, nicht etwa auf den Krieg selbst. „Ohne Saddam ist die Welt besser dran.“


Frank-Walter Steinmeier, der Bundesaußenminister, saß unterdessen an der Seite und lächelte freundlich. Er hat gut lachen. Vieles von dem, wofür er noch vor einem Jahr als Diktatoren-Hätschler gescholten wurde, ist jetzt gängige Praxis. Nicht nur sind Verhandlungen mit Syrien inzwischen an der Tagesordnung, auch die Einbindung der Russen in Konfliktszenarien ist ein Anliegen. Und wenn inzwischen sogar ein Robert Kagan – einer der profiliertesten „Neo-Cons“ – zu direkten Gesprächen mit dem Iran aufruft, gibt es wohl doch ein wenig mehr zu bedauern als nur die Rhetorik. Auf seinem „Sprint zum Endziel“, wie Bush die letzten sechs Monate seiner Amtszeit in vermutlich bewusster Abgrenzung zum Begriff „lahme Ente“ nannte, will er auch und gerade in Sachen Iran seinem Nachfolger eine tragfähige Diplomatie hinterlassen. Nach wie vor dürfe man allerdings „keine Option vom Tisch nehmen“.

Staatsführung wie eine College-Bruderschaft

Es täte ihm weh, so hatte Bush zum Irakkrieg der „Times“ gesagt, junge Leute der Gefahr auszusetzen. So oft es ihm möglich sei, besuche er die Familien gefallener Soldaten, und tröste sie, so gut es ginge. Die Lage der Veteranen in den Krankenhäusern und tristen Wohnquartieren spricht allerdings eine andere Sprache. Auch der Umgang mit dem Hurrikane Katrina hat arg gekratzt am Image des sorgenvollen Landesvaters.

Ein anderes Bild entstand. Hier war jemand, der – anders als sein Vater und vielleicht auch in bewusster Abgrenzung zu ihm – die Führung des Staates betreiben wollte wie eine College-Bruderschaft: mit hitzigen Visionen, Lust auf Kabbeleien, nicht bösartig, aber mit so etwas wie dem „Schalk im Nacken“ – und der jetzt doch feststellt, dass die Schuhe ein paar Nummern zu groß waren. Rührend, wie eine deutsche Wirtschaftszeitung – auf der verzweifelten Suche nach einem Positivum in Bushs Hinterlassenschaft – ausgerechnet auf die Steuersenkungen vom Anfang zurückgreifen musste. Von diesen profitierte gerade einmal das oberste Prozent der Bevölkerung, wie sogar das „Wall Street Journal“ schrieb.

Kein Klimaschutz-Leadership

Offenbarungen gab es in Meseberg keine, es hatte auch niemand welche erwartet. Kurzzeitig war allerdings ventiliert worden, Bush könnte seiner Freundin Angela Merkel eventuell in Sachen Klimaschutz entgegenkommen. Tatsächlich sprach er aber nur davon, dass bald verbindliche Ziele vereinbart werden müssten. Bush gab sogar zu, die Ablehnung des Kyoto-Protokolls möge ein Fehler gewesen sein. „Wir müssen aus der Kohlendioxid-Ökonomie aussteigen“. Aber dann kam wieder die bekannte Einschränkung, das Schlupfloch in der Größe eines Kontinents: „wenn die Inder und die Chinesen mitmachen.“ Hier ist er wieder: der Verzicht auf echtes „Leadership“, eben das, was Barack Obama und seiner Proklamation des Wandels soviel Beifall einträgt.

Visionen für Iran mit Napalm-Geschmack

Für Bush läuft die Zeit. 500 Kilometer pro Stunde fliegt die Air Force One auf dem Weg über den Atlantik. Er hat ins Auge gefasst, sich bald nur noch mit den Gräsern auf seiner Ranch zu beschäftigen, aber bis dahin will er noch irgendetwas von Bedeutung tun. Die Doha-Runde vielleicht, wo es um Weizen für die Ärmsten geht, um Ölpreise. „Ich bin ein Anhänger des Freihandels, sie ist ein Anhänger des Freihandels“, sagte Bush mit Blick auf die neben ihm im Wind stehende Kanzlerin. „Wir müssen etwas gegen den Protektionismus tun. Handel soll frei und fair sein.“ Was bedeutet das für die Stahl-Schutzzölle in den USA? Die Agrar-Subventionen?

Vieles klingt gut, hoffnungsvoll. „Das iranische Volk verdient etwas besseres als diese Lügner und Hetzer“, sagt Bush, ohne jeden martialischen Beiklang. Dass trotzdem alle bei solchen Bemerkungen nur noch Napalm riechen – das ist nicht nur George Bushs Drama.

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