OB-Abwahl geplatzt

Loveparade bleibt in Duisburg allgegenwärtig

Die Abwahl des Duisburger Oberbürgermeisters Adolf Sauerland ist gescheitert. Morgenpost Online erlebte den Wahltag mit dem Vater eines Mädchens, das auf der Loveparde verletzt wurde - und noch immer traumatisiert ist.

Foto: dpa / dpa/DPA

Jürgen Hagemann wird die SMS nicht mehr vergessen, die seine Tochter ihm am Abend des 24. Juli mit dem Handy schickte. „Viele Tote auf der Love Parade. Ich bin verletzt und muss ins Krankenhaus. Aber macht Euch keine Sorgen“, schrieb die 16-Jährige. „Wir waren völlig aufgelöst“, sagt der 47-Jährige. Es bestätigte sich, was er gleich befürchtet hatte: Seine Tochter war nur knapp dem Tod entronnen. Sie hatte am Boden gelegen, ganz in der Nähe, wo 21 Menschen starben. Sie verlor mehrmals das Bewusstsein, weil andere in Panik auf sie traten und ihr die Luft zum Atmen nahmen. Dann zog sie ein junger Mann, den sie nicht kannte, aus dem Gewühl. Sie kann sich daran nicht mehr genau erinnern. Sie erlitt schwere Quetschungen an den Beinen und saß für einige Tage im Rollstuhl. Als es etwas besser ging, konnte sie Krücken nehmen.

Die Love-Parade-Tragödie ist mittlerweile sieben Wochen her. „Körperlich ist sie wieder fit, aber seelisch noch nicht. Sie ist traumatisiert“, sagt Hagemann. Der Duisburger will seine Tochter vor jeglicher medialen Berührung bewahren, aber selbst auf das Leid der betroffenen Familien aufmerksam machen. Hagemann organisierte ein geheimes Treffen am vergangenen Sonnabend in einer Gaststätte. Drei Dutzend Personen kamen, eine Schicksalsgemeinschaft. „Es war sehr emotional, es wurde viel geweint“, sagt der Familienvater. Eine Traumatherapeutin und ein Seelsorger waren ebenfalls gekommen. Etliche Angehörige der 21 Todesopfer und 500 Verletzten hatten es allerdings nicht gewagt, die Einladung anzunehmen. Das Geschehene sei noch zu frisch, sagten einige.

Hagemann vermutet ohnehin, dass es noch viel mehr Betroffene gibt, die bei der Love Parade traumatisiert wurden. Er hat eine Homepage eingerichtet, über die Betroffene ihn kontaktieren können. Diejenigen, mit denen er sich zusammengetan hat, verlangen eine Entschädigung und lassen sich anwaltlich vertreten von der Kanzlei des früheren FDP-Innenministers Gerhart Baum. Hagemanns Homepage lautet zwar www.loveparade-sammelklagen.de , doch er hofft auf eine rasche außergerichtliche Einigung.

Grüne sind bei Wahl gespalten

Als Hagemann Morgenpost Online die Leidensgeschichte seiner Tochter und die der anderen Familien erzählt, sind es nur noch zwei Stunden bis zu einer entscheidenden Sitzung im Rathaus von Duisburg. Die Fraktionen sollen über die Abwahl von Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) abstimmen. Hagemann hat kurz überlegt, ob er sich das Prozedere persönlich anschaut, und die Idee wieder verworfen. Für ihn ist die Aussicht unerträglich, dass Sauerland weiter im Amt bleibt. Hagemann erzählt, dass seine Tochter viel Wut und Enttäuschung empfunden hat, weil sich kein Vertreter der Stadt bei den Opfern blicken ließ und seine Anteilnahme bekundet hat.

Seine Befürchtung wird am frühen Nachmittag bestätigt: Tatsächlich verfehlt der Rat am Montagnachmittag die notwendige Zweidrittelmehrheit von 50 Stimmen. SPD, FDP und Linke sind mit ihrem Antrag gescheitert. Die 25 CDU-Fraktionsmitglieder votieren wie erwartet geschlossen gegen die Abwahl, ebenso drei Vertreter von Wählergemeinschaft und Bürgerunion, und sichern damit Sauerland den Verbleib im Amt. Der OB selbst ist nicht anwesend.

In der Grünen-Fraktion ist die Spaltung unübersehbar. Drei Sauerland-Unterstützer haben sich entschuldigt und sind nicht erschienen, drei andere Grünen-Ratsleute indes stimmen für die Abwahl und folgen damit einem Beschluss des eigenen Kreisverbandes. „Ich bin enttäuscht. Unser Repertoire ist erschöpft. Das Volk als Souverän nicht zum Zuge kommen zu lassen, dafür habe ich kein Verständnis, Aber wir müssen das Ergebnis akzeptieren“, sagt der stellvertretende SPD-Fraktionschef Jürgen C. Brandt. Wäre die Abwahl angenommen worden und hätte sich der OB dem Votum verweigert, hätte man einen Bürgerentscheid durchführen können.

Beinahe wie ein Scherz erscheint da eines der historischen Gemälde, die in dem holzvertäfelten Ratssaal hängen. Ein Bild illustriert die Belagerung der Stadt Duisburg aus dem Jahre 1445. Auf einer kleinen Schrifttafel rühmt der Maler, wie die mutigen Duisburger Bürger die Truppen des Erzbischofs von Köln in die Flucht geschlagen hätten.

Ein Gully wurde zur Stolperfalle

Die gescheiterte Sauerland-Abwahl ist eine zu erwartende niederschmetternde Nachricht auch für die Familien der getöteten und verletzten Love-Parade-Besucher. „Über Schuld will ich gar nicht reden, das muss aufgeklärt werden. Aber der Oberbürgermeister trägt die politische Verantwortung für seine Verwaltung“, sagt Jürgen Hagemann. Über das Verhalten des OB ist er regelrecht empört. „Er hätte einfach mal zu den Leuten kommen und sein Bedauern ausdrücken müssen. Das hätte vielen Leuten geholfen, dann wäre die Situation in Duisburg auch nie so eskaliert.“

Wie gefühlskalt Sauerland auftritt, offenbarte eine Szene bei einer anderen Ratsitzung vor einer Woche. Da sprach der Vater eines getöteten Mädchens aus Greven im Saal und forderte den Christdemokraten zum Rücktritt auf. Der OB, der die Ratssitzung leitete, saß regungslos wenige Meter entfernt. Draußen vor dem Rathaus demonstrierten seine Kritiker und Unterstützer und versuchten, sich gegenseitig zu übertönen: „Sauerland weg“ – „Sauerland bleibt“.

Die Aufmerksamkeit und der Zorn konzentrieren sich auf den Oberbürgermeister. Doch nicht einmal Hagemann sieht in ihm den Alleinverantwortlichen. „Ich glaube, was sich rauskristallisiert, ist, dass nicht einer allein Schuld hat. Vonseiten aller Beteiligten sind Fehler gemacht worden. Ich denke, da wird es eine gemeinsame Haftung geben müssen“, sagt Hagemann. Eine Entschädigung müsse rasch erfolgen. Er berichtet von traumatisierten Personen, denen die Arbeitslosigkeit drohe, weil sie sich nicht mehr im Alltag zurechtfänden.

Nun beschäftigt ihn ein beschädigter Gullydeckel, der während der Veranstaltung nur mit einem Gitterelement abgedeckt gewesen sei. Er hat dies auf Kamera-Aufzeichnungen des Veranstalters gesehen, die im Internet zu finden sind, und auf privaten Fotos. Betroffene haben ihm erzählt, dass sie mit dem Fuß stecken geblieben seien. Hagemann sieht darin eine „Stolperfalle“ und ein wichtiges Detail dafür, dass das Gelände nur mangelhaft gesichert worden sei.

Der OB lässt sich kaum noch öffentlich blicken

Ohnehin tobt ein Streit über Schuld und Verantwortung bei der Love-Parade-Tragödie. Die Stadt hat sich in einem Gutachten bestätigen lassen, dass die Verwaltung keinen Fehler begangen habe. Das Innenministerium präsentiert ein Gutachten, wonach die Polizei keine direkte Verantwortung für die Sicherheit getragen habe, sondern der Veranstalter. Der Veranstalter wiederum versucht, mit veröffentlichten Kamera-Aufzeichnungen ein Fehlverhalten der Polizisten deutlich zu machen. Im nordrhein-westfälischen Landtag wurde aufgeregt diskutiert, ebenso im Duisburger Rat. Das parteipolitische Gezänk vernebelt die Aufklärung. Im Landtag könnte sogar ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss eingerichtet werden. Die Linke will demnächst einen entsprechenden Antrag einbringen. Die CDU denkt auch daran. Derweil ermittelt die Staatsanwaltschaft Köln. Wann Klage erhoben wird und gegen wen, ist noch unklar. Zur verfahrenen Situation passt ein bedeutungsvolles Sprichwort, das gegenüber dem Duisburger Ratssaal über dem Eingang eines Sitzungsraumes ins dunkle Holz geschnitzt ist: „Die Wahrheit ist ein selten Kraut,/ noch seltener, wer sie verdaut.“

Wie es in Duisburg weitergeht, ist ebenfalls unklar. Oberbürgermeister Sauerland lässt nach der gescheiterten Abwahl eine dürre schriftliche Stellungnahme verteilen, die seine ganze Ratlosigkeit offenbart. Sie endet mit den Worten: „Mir ist klar, dass wir nicht einfach zur Tagesordnung übergehen können. Das Love-Parade-Unglück wird Duisburg auch in Zukunft beschäftigen.“

Der OB selbst hat sich seit Wochen nicht mehr bei öffentlichen Terminen blicken lassen. Er wagt sich nur noch zu streng durchorganisierten Anlässen, wie am Sonntag, als er im Landschaftspark Duisburg mehreren Orchestern und Chören zuschaut, wie sie Gustav Mahlers „Sinfonie der Tausend“ intonierten. Auch da wird er die Schatten der Tragödie nicht los. Die rund 4000 Gäste erheben sich, um der Love-Parade-Opfer zu gedenken. Es herrscht eine bedrückte Stimmung.

Jürgen Hagemann war in den vergangenen Wochen am Unglücksort. Er kennt den Karl-Lehr-Tunnel und ist fassungslos, dass man dort die Besucher der Love Parade hindurchgelotst hat. Seine Tochter hat Glück gehabt. Aber der Vater weiß nicht, ob ihre seelischen Wunden rasch heilen werden. Als sie einmal im Krankenhaus den Aufzug nahm und weitere Leute hinzukamen, da fing sie an zu zittern und blickte starr gegen die Wand. „Ich glaube, dass es wieder nachlässt“, sagt Hagemann.