Ian Karan

Hamburg macht Container-König zum Senator

Er kam in Sri Lanka zur Welt und arbeitete als Tellerwäscher. Nun ist Ian Karan als Wirtschaftssenator in Hamburg nominiert worden.

Ian Karan hat ihn geschafft – jenen langen Weg vom armen Einwanderer zum angesehenen und reichen Bürger, der so doch angeblich nur in den USA zu beschreiten ist. Jetzt spendet Hamburgs Vorzeigemigrant der Hansestadt bis zu zwei Millionen Euro pro Jahr. „Ich weiß genau, dass ich weder in England noch in Sri Lanka das geworden wäre, was ich heute bin. Hamburg ist mein Fundament, meine Heimat“, sagt Karan, der sich hier in den vergangenen 40 Jahren tatsächlich vom Tellerwäscher zum Multimillionär hochgekämpft hat. An der Elbe ist der 71-Jährige deswegen sehr bekannt. Er genießt das. „Anerkennung ist wie eine Droge“, sagt der Geschäftsmann, der jeden Morgen um sieben Uhr aufsteht, um Tennis zu spielen, und der noch vor drei Jahren, im Alter von 68 Jahren, ein neues Unternehmen gründete.

Als ihn Hamburgs designierter Bürgermeister Christoph Ahlhaus am vergangenen Wochenende bat, für das Amt des Wirtschaftssenators zu kandidieren, lehnte er zunächst ab. Er braucht sicher kein politisches Amt. Andersherum könnte das Amt einen Branchenführer wie ihn – Karan ist im Logistikgeschäft tätig – angesichts einer verschleppten Elbvertiefung gut gebrauchen. Aber die Erfolgsmomente in der Wirtschaftsbehörde sind rar gesät, Karan müsste sich an harte Kritik gewöhnen, außerdem muss er sich in der Koalition mit den Grünen arrangieren – und es scheint schon jetzt klar, dass diese Aufgabe für ihn keine langfristige Perspektive bietet: „Ich würde ohnehin nicht mehr machen als diese Legislaturperiode“, sagt er.

Dennoch: Karan ist stolz, gefragt worden zu sein. So stolz, dass er schließlich einwilligte. Er wird mit hoher Sicherheit in das Amt gewählt. Hunderte E-Mails, die ihm zur Nominierung gratulierten und ihn baten, sich für seine Stadt einzusetzen, hat er in den vergangenen Tagen erhalten. Darunter Ermutigungen von Maria Böhmer, der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung. Darüber habe er sich besonders gefreut. Und schließlich: „Jemand wie ich, der von Grund auf optimistisch ist, wird der Wirtschaft guttun.“ Vor allem deshalb habe er sich schließlich für das Amt entschieden und sich gegen die Bedenken seiner Frau Barbara durchgesetzt.

Mit der Nominierung wurde aber auch umgehend die Erinnerung an Karans Nähe zu Ronald Schill, der 2001 mit seiner nach ihm benannten Protestpartei den jetzt scheidenden Hamburger Bürgermeister Ole von Beust erst als Koalitionspartner ins Amt verhalf, geweckt. Er hatte Schill 2001 finanziell im Wahlkampf unterstützt. „Ich dachte, Schill würde etwas bewegen. Aber er war überfordert und schlug den falschen Weg ein. Im Nachhinein ein tragischer Fall“, sagt Karan, der seine Freundschaft mit dem als „Richter Gnadenlos“ titulierten Rechtspopulisten immer wieder öffentlich bereuen muss.

Schon bei der Wahl zum Aufsichtsrat des Hamburger SV vor einem Jahr sprach er von einem „großen Fehler“. Gleichzeitig wolle er nichts rückgängig machen: „Ausländerkriminalität wirft ein schlechtes Licht auf alle Ausländer. Auch auf die, die sich einbringen und anstrengen. Das hat mich damals angetrieben, und dazu stehe ich. Meine Motivation war richtig, auch wenn mein Handeln aus heutiger Sicht falsch war.“

In Hamburg wird Karan kurz „Container-König“ genannt. Ein Adelsprädikat in einer Bürgerstadt, das neben dem täglich betenden Methodisten aus Sri Lanka nur noch „Kaffee-König“ Albert Darboven, „Schuh-König“ Ludwig Görtz und „Steak-König“ Eugen Block tragen dürfen. Der Sohn einer Bauerntochter und eines Militärpiloten wuchs in Jaffna als Waise auf. Sein Vater wurde 1942 über Nordafrika abgeschossen, seine Mutter starb bei der Geburt. Die Großmutter schickte ihn mit vier Jahren auf ein Internat, wo er zu boxen begann, um den ständigen Hänseleien ob seiner Körpergröße zu entkommen. Mit 16 schickte man ihn mit einem Sportstipendium nach London, dort blieb er als Bantamgewichtler ungeschlagen, bis er mit 19 Jahren ein Wirtschaftsstudium begann. Doch noch vor dem Abschluss flog er von der Universität, weil er einem linken Studentenkreis angehörte.

Karan begann seine Karriere als Trainee beim Logistikriesen Schenker und sammelt erste Erfahrungen bei Crowe&Co in Basel. Als er 1970 nach Hamburg kam, hatte er 3000 Mark gespart, sprach kein Wort Deutsch und jobbte als Tellerwäscher in einem vegetarischen Restaurant. „Ich weiß, wie es ist, für wenig Geld zu arbeiten“, sagt Karan, der noch heute Menschen, die für niedrige Löhne anderen das Leben angenehmer gestalten, bewundert. In Hamburg fing er bei der Spedition Max Grünhut an, wurde kurze Zeit später Geschäftsführer der US-amerikanischen Nic Leasing Inc. 1975 machte er sich dann mit einem Container-Leasing-Unternehmen selbstständig, das zum Zeitpunkt des Verkaufs 1993 das zehntgrößte der Welt war. Drei Jahre später rief er Capital Lease ins Leben, das ihm 2007 als achtgrößtes Container-Leasingunternehmen der Welt beim Verkauf einen dreistelligen Millionenbetrag einbrachte.

Karan blieb im Besitz der Marke Capital und gründete Capital Intermodal. Das Tagesgeschäft des Leasingunternehmens für Spezialcontainer hat er 2009 jedoch abgegeben. In seinem Firmensitz im feinen Stadtteil Harvestehude kümmert er sich gemeinsam mit seiner ältesten Tochter nur noch um Finanzierungen und verwaltet sein Vermögen. Auf den Tischen und Fensterbänken seines Büros mit Blick auf die Außenalster stehen zahlreiche Aufnahmen von Karans Treffen mit Staatsoberhäuptern. Angela Merkel hat handschriftlich ihre besten Wünsche dazu geschrieben. Mit Rührung denkt er an ein Essen mit ihr zurück, das ihn später zu seiner Einbürgerung motivierte. Zur Feier seiner neuen Staatsbürgerschaft schmiss er im vergangenen Jahr eine große Party, die auch der halbe Senat besuchte. „Ich bin sicher, dass ich der glücklichste Deutsche bin“, sagte er damals zu seinem Freund Ole von Beust.

Eigentlich hätte man Karan längst in der Politik vermuten können. Keiner schüttelt so herzlich Hände, knüpft so fleißig Kontakte, ist Mitglied so vieler Klubs und nimmt so unermüdlich Einladungen an. Kaum ein Abend, an dem er nicht einer wohltätigen Auktion, einem Dinner oder einem Konzert beiwohnt. Und wenn Anerkennung tatsächlich eine Droge ist, dann kennt Ian Karan ihre Nebenwirkungen inklusive der Gefahr einer Überdosis. Oft wird er um eine Audienz gebeten, werden Bitten an ihn herangetragen. Dass kürzlich ein Journalist schrieb, er würde sich mit den Großen und Wichtigen gut stellen, ärgert ihn sehr: „Man ist zu mir gekommen.“

Dabei ist er nicht nur in der High Society zu sehen. Karan besucht auch die Eröffnung einer Pizzeria, weil er dem Eigentümer mit einem Kredit aushalf, oder die Abschlussfeier von Studenten, weil er den jungen Talenten die Ausbildung finanzierte. Sein Leben ist ein quasi immerwährender Wahlkampf, ohne dass er je ein Amt angestrebt hätte. Er sieht sich als Patriot und engagiert sich für Jugendliche mit Migrationshintergrund. Regelmäßig besucht er Schulen und erzählt von der Unverzichtbarkeit von Fleiß. „Schülern sage ich immer: Deutschland ist bereit, dir eine Chance zu geben. Egal, wie du aussiehst oder wo du herkommst. Die Voraussetzung ist aber, dass du dich einbringst und dein Bestes gibst.“ Dabei vergisst er nie, auch zu mahnen: „Wer sich wie ein Fremder in diesem Land bewegt, bleibt auch ein Fremder.“ Der Kontakt mit den Kindern sei immer ein Höhepunkt: „Das gibt mir sehr viel. In diesen Momenten merke ich, dass Geld nie mein Antrieb war.“

Was Karan im Amt des Wirtschaftssenators angehen möchte, dazu äußert er sich im Vorfeld der Wahl nicht. Aber es ist abzusehen, dass er Probleme des Hafens in den Fokus rücken wird. Karan ist mit allen Entscheidungsträgern der Branche und den Bossen der großen Reedereien persönlich verbunden. In der Hamburger Wirtschaft findet er einhellige Zustimmung. „Ian Karan ist einer der erfolgreichsten Inhaberunternehmer Hamburgs“, sagt Frank Horch, Präses der Handelskammer. „Hamburgs Industrie begrüßt die Kandidatur. Die CDU hat einen erfolgreichen Unternehmer mit exzellenten Verbindungen in die Hamburger Wirtschaft für ein Schlüsselressort gewonnen“, sagte Hans-Theodor Kutsch, Vorsitzender des Industrieverbands Hamburg. Nur ein Ziel hat Karan, der als sehr emotionaler Redner bekannt ist, schon ausgegeben: „Ich möchte Hamburg und Deutschland vor Augen führen, in was für einem großartigen Land wir leben.“