Deutscher Wiederaufbau

Pop und Pils – Afghanistan abseits des Krieges

| Lesedauer: 16 Minuten

In Afghanistan kommt der Wiederaufbau nur langsam voran. Ein schneller Isaf-Abzug ist deshalb für viele Bewohner unvorstellbar.

Die „Ärzte“ singen, bis der Strom ausfällt. Der Barkeeper hat die CD der deutschen Band in die Musikanlage geschoben, als freundliche Geste an die Gäste. „Männer sind Schweine“ dröhnt es also aus den Boxen. „Gleich wird es dunkel, bald ist es Nacht.“ Und so kommt es: Der Ton ist weg, es wird zappenduster. Handy-Displays leuchten auf, dann eine Taschenlampe. Der Generator wird angeworfen.

Unter normalen Umständen würde man sich in dieser Bar, dem „Golden Oak“ in Mazar-i-Scharif, kaum aufhalten. Dafür schaut der Barkeeper zu grimmig. Und dafür ist die Dose Tuborg Pils für vier Dollar zu teuer. Aber immerhin ist die Kühltruhe voll davon. Im „Golden Oak“ dürfen Ausländer rauchen und trinken. Es gibt nicht viele Orte im muslimischen Afghanistan, in denen das geht. Die Hauptstadt Kabul sei inzwischen trocken, heißt es. In Mazar-i-Scharif gibt es noch Alkohol. Vor dem Eingang der Bar stehen Wachleute mit Kalaschnikows, im Innenhof warten die Geländewagen und die Fahrer. Es wäre zu gefährlich, die 500 Meter bis zum Hotel zu Fuß zurückzulegen.

So gesehen ist Afghanistan ein Land wie viele andere. In Teilen von Südamerika oder Afrika ist die Sicherheitslage für westliche Ausländer ähnlich prekär, auch dort sind sie in Gefahr, entführt zu werden. Im Unterschied dazu gilt Afghanistan aber als Kriegsgebiet. Fast täglich gibt es Meldungen über Anschläge auf ausländische Soldaten, über Sprengsätze und Raketenbeschuss. In dieser Woche wurde die Nato-Basis in Kandahar angegriffen, gestern starben sieben afghanische Polizisten. Die Wahrheit ist aber auch: Es wird nicht überall in Afghanistan geschossen. Und Mazar-i-Scharif oder Faisabad im Norden des Landes liegen nicht in Schutt und Asche, sondern inmitten einer kargen, aber beeindruckend schönen Landschaft.

Es sind Städte, in denen normal gelebt, gehandelt und gearbeitet wird. In denen gelb-weiße Taxis, Mopeds und kleine Lastwagen die Straßen verstopfen. Auf dem Bürgersteig werden Aprikosen, Benzin und Eisblöcke verkauft. Riesige Plakate werben für die Kandidaten der Parlamentswahl im September. In Mazar, Faisabad und deren Umgebung arbeiten deutsche Entwicklungshelfer, die auf einige Erfolge verweisen. „Wir sind auf einem guten Weg“, sagt Gunnar Wälzholz, der designierter Büroleiter der KfW Entwicklungsbank in Afghanistan. Und er zählt auf: „In Kabul gibt es wieder Strom, in Herat gibt es wieder Trinkwasser, es gibt mehr und bessere Straßen, die Einnahmen des Staates stabilisieren sich.“ Mit beispiellosem finanziellem Aufwand unterstützt die Bundesregierung inzwischen den zivilen Wiederaufbau des zerrütteten Landes, allein in diesem Jahr ist es fast eine halbe Milliarde Euro.

Mit dem Geld soll zum Beispiel der Flughafen von Mazar-i-Scharif aus seinem Dämmerschlaf geweckt werden. Jetzt stehen hier amerikanische Militärhubschrauber in der brütenden Hitze. In gut einem Jahr soll das kleine Abfertigungsgebäude um ein ganz neues Terminal ergänzt werden. „400.000 Fluggäste pro Jahr werden von hier in alle Welt fliegen“, schwärmt Flughafenmanager Mohammad Asef. Die Rede ist von einem internationalen Verkehrskreuz. Noch werden hier Melonen verladen, künftig soll der Handel mit den Nachbarländern Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan viel größere Dimensionen haben. Die deutsche Kfw steuert zum Flughafenausbau 48 Millionen Euro bei.

„Die Stadt entwickelt sich gut und schnell, weil sie so sicher ist“, meint Mohammad Nasser, der Chef der Energiebehörde der Provinz Balkh, von der Mazar die Hauptstadt ist. Binnen weniger Jahre habe sich die Einwohnerzahl der Region auf rund eine Million verdoppelt, sagt er. Seine Behörde liefert den Strom für den Boom. Die Energie für Mazar und weite Teile Afghanistans kommt aus dem Nachbarland Usbekistan, und wer das alte Umspannwerk sowjetischer Bauart gesehen hat, versteht den überschwänglichen Dank des Behördenchefs an die Deutschen, die ihm nagelneue Technik mit 24 Millionen Euro finanziert haben. Stromausfälle gehören damit – theoretisch – der Vergangenheit an.

Es sind solche Beispiele, die die Bundesregierung gern herzeigt auf einer Reise, zu der sie eine Handvoll Journalisten eingeladen hat. Und es stimmt, dass sich viel getan hat in den vergangenen Jahren. Nur ist der Wiederaufbau von Afghanistan ein unendlich mühsames Geschäft, und die politische Lage in dem Land noch immer nicht stabil. Ist es also bereit, selbst für seine Sicherheit und seine Entwicklung zu sorgen? Was geschieht, wenn die internationalen Truppen tatsächlich bald abziehen werden?

Im Hof des deutschen Hauses, der Vertretung der Entwicklungshelfer in Mazar, sind die Meinungen dazu unterschiedlich. Als die Hitze des Tages nachlässt, gibt es hier einen kleinen Empfang. Afghanen und Deutsche plaudern, und einer, der sich als Optimist bezeichnet, meint, das Land könne Erfolg haben, wenn die Regierung endlich weniger korrupt wäre, und der Präsident vernünftige Leute in die Regierung holen würde. Stattdessen befriedige er nur verschiedene Gruppen und Interessen.

Kaum ein Afghane, rechnet ein anderer vor, habe die vergleichsweise goldenen Zeiten der 70er Jahre noch miterlebt, denn 80 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 30 Jahre. Die meisten von ihnen würden nur Krieg und Bürgerkrieg kennen. Die klugen Köpfe hätten in mehreren Wellen das Land verlassen, nur wenige seien wieder zurückgekehrt. Ein Dritter sagt, nicht nur Ausländer seien von Kriminalität und Gewalt betroffen, sondern auch afghanische Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, von Unternehmen und selbst der Regierung.

Ein Dolmetscher erzählt, wie er nur knapp einem Überfall der Taliban entkommen sei: „Sie schießen zuerst auf die Dolmetscher.“ Wieder jemand anderes versucht zu beruhigen, die Lage sei längst nicht so schlimm. Und solange es darüber noch ganz unterschiedliche Meinungen gebe, müsse man sich keine Sorgen machen.

Wie wichtig internationale Hilfe noch immer ist, zeigt der Neubau des Provinzkrankenhauses in Mazar-i-Scharif. Vor vier Jahren brannte es ab, seitdem wird in provisorischen Containern operiert, die die deutsche Bundesregierung beschafft hat. 360 Betten soll das neue Haus haben, es kostet zwölf Millionen Euro und wird eine Region mit sechs Millionen Menschen versorgen. Allein daran lässt sich erkennen, dass Afghanistan zu den am wenigsten entwickelten Ländern weltweit gehört.

Es fehle aber an nichts, beteuert der Klinikchef Ghawsudin Anwari. Man freue sich auf den zusätzlichen Platz durch den Neubau, den Deutschland fast ganz allein finanziert. Dann berichtet er, dass das größte medizinische Problem die hohe Sterblichkeit von Müttern und Kindern sei. Viele Frauen würden ohne fachkundige Hilfe zu Hause gebären, weil sie nicht in die Klinik gehen könnten. Die Ehemänner würden das so entscheiden, sagt Dr. Anwari. Der Frage, warum das so sei und wie man das ändern könnte, weicht er aus.

Afghanistan ist ein von Männern dominiertes Land. Im Straßenbild von Mazar-i-Scharif und Faisabad gibt es so gut wie keine Frau, die nicht Burka trägt, erst recht nicht auf dem Land, wo ohnehin kaum Frauen auf der Straße zu sehen sind. „Es kann hier keinen Frieden geben, wenn 50 Prozent der Bevölkerung keine Rechte haben“, ist Endy Hagen überzeugt, die als Mitarbeiterin des Deutschen Entwicklungsdienstes ein Frauenhaus in Mazar betreut. Sie berichtet von alltäglicher Gewalt gegen Frauen, von Zwangshochzeiten und sogar davon, dass Frauen getötet werden, wenn sie Opfer einer Vergewaltigung wurden und die Familien ihre Ehre „beschmutzt“ sehen.

Doch es gibt Veränderung. In der Hauptstadt Kabul sieht man auffallend wenige Frauen mit Burka. Im „Center for Contemporary Arts“, einer privaten Kunstschule, sind die Mädchen, die hier lernen, betont westlich angezogen. Sie tragen Jeans und Turnschuhe und haben sich nur ein Tuch in den afghanischen Nationalfarben um den Kopf gelegt. „Unter den Taliban haben wir Frauen in einem dunklen Zimmer ohne Türen und Fenster gelebt“, sagt die 22-jährige Mariam Nabil. „Aber die Burka wird verschwinden.“ Schon gar nicht werde sie eine Frau in ihrem künstlerischen Schaffen bremsen. Stolz zeigt sie eines ihrer Ölbilder. Ihr Vater sei Fußballtrainer, ihre Mutter leite den Apothekerverband. Sie sei glücklich, zur afghanischen Intelligenz zu gehören, sagt die junge Frau.

Die Erfrischungen, die im Garten der Kunstschule bereit stehen, trinkt man auch in Deutschland: Fanta und Coca-Cola. Der US-Konzern betreibt in Kabul inzwischen einen eigenen Abfüllbetrieb, auch der Konkurrent Pepsi ist da. Andere Getränke wie Granatapfelsaft werden aus dem Iran importiert, ein Teil der allgegenwärtigen Trinkwasserflaschen kommt aus den Arabischen Emiraten. China liefert Elektronikprodukte, Maschinen und sogar Bauholz, das in Afghanistan wegen des geringen Waldbestandes knapp ist.

So gut wie alle Produkte, die in Afghanistan verkauft werden, kommen aus dem Ausland. Bezahlt werden sie mit dem Geld, das die internationale Staatengemeinschaft ins Land lenkt, mit den Schecks, die Exil-Afghanen nach Hause schicken und mit den Erlösen aus dem Opium, dessen weltweiten Bedarf Afghanistan noch immer fast allein deckt. Wenn Afghanistan überhaupt Waren produziert, dann fast nur für den Eigenbedarf.

„Es gibt hier alles, was wir brauchen“, sagt Mohammad Qurban, der Dorfälteste von Sapian, einer kleinen Siedlung in der Nähe von Faisabad. Er sitzt im Schneidersitz in einem Restaurant auf dem Bazar Itefaq, der in der Mitte zwischen einigen Dörfer liegt. Vor ihm auf dem Boden steht ein Teller mit dem landestypischen „Kabuli“, das sind Reis, Rosinen und ein Stück Lammfleisch, daneben eine Dose Pepsicola.Auf dem Bazar gibt es Lebensmittel, Möbel, Kleidung, und Haushaltswaren. Vor zwei Jahren habe es hier nur zwei, drei Läden gegeben, sagt Quraban. Jetzt sind es zwei volle Straßen.„Die Preise sind gesunken, denn der Transport ist billiger. Wir müssen nicht mehr nach Faisabad“, erklärt er.

Zu verdanken sei dies der neuen Straße, die mit deutschem Geld entstand. Nach europäischen Maßstäben ist es eine Schotterpiste, die entlang eines Seitentals des Kokcha-Flusses in den Fels gesprengt wurde. Dadurch aber sind die Dörfer immerhin auch dann erreichbar, wenn das Schmelzwasser aus den Bergen durchs Tal schießt. Kein Lastwagen kann dann mehr wie sonst den Weg mitten durchs Flussbett nehmen. Im Nachbardorf Fargambow hat die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit ein Wasserkraftwerk gebaut, mit dem fast 10.000 Bewohner von drei Ortschaften nun erstmals Strom haben. Zuvor gab es in den aus Lehm und Steinen erbauten Häusern nur Öllampen.

Rund um Faisabad breitet sich eine schöne, aber karge Gebirgslandschaft aus. Die Böden hier sind fruchtbarer als in der Steppe um Mazar-i-Scharif, auf kleinen Flächen bauen die Bauern Getreide an. Die Ernte wird noch auf dem Feld gedroschen und in großen Säcken mit Eseln abtransportiert. Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit gibt sich Mühe, hier und in anderen Gegenden des Nordens die Wertschöpfung zu erhöhen. Sie fördert den Anbau von Trockenfrüchten und Gewürzen und Verarbeitung und Export von Leder und Teppichen. Mikrokredite werden vergeben, Arbeitskräfte trainiert und Investitionen in neue Maschinen finanziert. In der Regel verbessern sich die Produkte und die Lebensverhältnisse der Beschäftigten spürbar. Insgesamt hat sich das Pro-Kopf-Einkommen der Afghanen seit 2002 fast verdoppelt, aber noch immer leben 80 Prozent von ihnen am Existenzminimum. Selbst Lehrer und Ärzte verdienen nicht genug und haben mindestens einen Nebenjob, viele fahren Taxi.

Die Provinz Badakhshan, in der Faisabad liegt, galt bisher als ziemlich sicher. Doch inzwischen steigen die „sicherheitsrelevanten Zwischenfälle“ wieder, wie die Bundeswehr Anschläge oder Angriffe nennt. „Wir erleben eine deutliche Verschärfung der Sicherheitslage“, sagt Oberstleutnant Ralph Schröder, der im deutschen Feldlager in Faisabad stationiert ist. Im ganzen letzten Jahr zählte er 14 Zwischenfälle, in diesem Jahr bis Ende Juli schon 18. „Das ist ein Rückfall auf die Lage im Jahr 2007.“ Mit einer weiteren Destabilisierung sei zu rechnen. Ursache seien die Rivalitäten zwischen lokalen Mahthabern, zwischen verschiedenen Ethnien und Religionen in Afghanistan und zwischen organisierten Kriminellen. Nicht alle Sprengfallen an Straßen und Brücken werden also von Taliban gelegt und nicht alle richten sich gegen ausländische Soldaten. Das Risiko, getroffen zu werden, ist dennoch groß.

Die deutschen Entwicklungshelfer machen andere, positivere Erfahrungen. „Wir stellen die Bedrohung so nicht fest, wenn wir unterwegs sind“, sagt Johannes Schneider, bis vorletzte Woche der Vertreter des Entwicklungsministeriums in Faisabad. Die Helfer durchqueren mit ihren zivilen Geländewagen ohne Probleme Gebiete, die für die Bundeswehr mit ihren großen, gepanzerten Wagen unerreichbar sind. Sie begegnen Dorfbewohnern, deren Lebenssituation sie sichtbar verbessern – und die sie dankbar zum Essen oder zum Tee einladen. Und sie leben, zumindest in Faisabad, ganz normal mitten in der Stadt. Deutsche Helfer sind angesehen in Afghanistan und willkommen, und doch müssen sie aufpassen. Schneider hat grade erst zuende gesprochen, da ermpfängt sein Handy die Nachricht, dass eine Sprengfalle kurz vor Faisabad vermutet wird. Mit seinen Kollegen muss er einen Umweg fahren.

Noch kann sich von den deutschen Vertretern in Mazar-i-Scharif, in Faisabad oder in Kabul niemand richtig vorstellen, dass sich die Afghanen bald selbst um Sicherheit und Entwicklung in ihren Provinzen kümmern. Die Überlegungen, die in Berlin angstellt werden, wonach 2011 einzelne Provinzen oder auch nur Teile davon in afghanische Verantwortung übergeben werden sollen, nimmt man vor Ort eher ungläubig zur Kenntnis. Daran, dass die deutschen Soldaten ab 2014 ganz abziehen könnten, will noch niemand denken. Das Land sei noch nicht soweit, heißt es. „Es kann noch nicht einmal aus eigener Kraft seine Armee bezahlen“, bemerkt zum Beispiel Jan Rogge, der Vertreter des Deutschen Entwicklungsdienstes in Kabul. „Bis sich Afghanistan entwickelt hat, braucht es noch Generationen.“ Das sei in anderen Entwicklungsländern nicht anders.

„Der Optimismus für die Zukunft des Landes ist nicht grenzenlos“, meint Michael Gruber, der scheidende Büroleiter der Kfw in Afghanistan. „Aber er gründet sich unter anderem auf die engagierten Leute in der afghanischen Regierung, die das Land voranbringen wollen.“ Gerade junge Afghanen bemühten sich um die Zukunft ihres Landes, sie dürfe man nicht im Stich lassen. Nach fast fünf Jahren verlässt Gruber in diesem Herbst Afghanistan. Die zurückliegende Zeit, sagt er, sei manchmal „wie eine Achterbahnfahrt“ gewesen. Es habe Tage gegeben, an denen er gedacht habe, das werde alles nichts. An anderen Tagen wiederum gehe es in die gewünschte Richtung: „Glücklicherweise sind diese Tage in der Überzahl.“

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