Großbritannien

So rettete sich eine junge Frau vor der Zwangsehe

Humayra Abedin, eine junge Frau aus Bangladesch, ließ sich in Großbritannien zur Ärztin ausbilden. Ihre Eltern aber wollten nicht, dass Abedin in der Fremde lebt und arbeitet. Sie arrangierten in der Heimat eine Eheschließung. Abedin wehrte sich – mit Erfolg. Das ist auch das Verdienst eines neuen Gesetzes.

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Lang kann es noch nicht her sein, dass Humayra Abedin der ganze Stolz ihrer Eltern war. Im heimischen Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, legte die junge Frau ein glänzendes Medizinexamen ab, später durfte sie an der renommierten britischen Universität Leeds ein Aufbaustudium in öffentlicher Gesundheitsversorgung absolvieren.

Seit Sonntag ist die 33-jährige Abedin sogar berühmt – freilich in einer Weise, die ihre Eltern beschämt: Mit der Hilfe eines neuen Gesetzes gegen Zwangsehen gelang es den Gerichten von England und Bangladesch, die Ärztin aus der Gewalt ihrer eigenen Familie zu befreien. "Kinder sind nicht Sklaven ihrer Eltern", schrieb der Dhakaer Vorsitzende Richter Abedins Familie ins Stammbuch.

Zwangsehen sind in beiden Ländern zwar verboten, gehören aber noch immer zum Alltag muslimischer Immigrantengruppen auf der Insel, wie eine alarmierende Studie des Unterhauses verdeutlicht. Hochrechnungen des Innenausschusses zufolge müsse man „von 3000 bis 4000 Fällen pro Jahr ausgehen“, sagt die Labour-Abgeordnete Margaret Moran. Selbst die betont zurückhaltend agierende Koordinierungsstelle im Foreign Office hat laut Außenminister David Miliband in diesem Jahr bereits „mehr als 1500 Fälle“ bearbeitet.

Viele beginnen ähnlich wie der Fall Abedin. Nach dem Studium in Leeds siedelte sich die praktische Ärztin im Londoner East End an und lebte dort mit einem Hindu zusammen. Im vergangenen Sommer erhielt sie die Nachricht, ihre Mutter sei schwer krank. Umgehend flog Abedin nach Dhaka – und verschwand spurlos. Erst nach Tagen traf ein Hilferuf per SMS ein: "Bitte hilf mir. Ich bin in Lebensgefahr."


Abedins Londoner Anwältin Anne-Marie Hutchinson stützte sich auf ein brandneues Gesetz und schrieb Rechtsgeschichte. Sie erwirkte vor dem Londoner High Court eine Verfügung, die junge Frau auf freien Fuß zu setzen. Das Gericht akzeptierte seine Zuständigkeit, obwohl Abedin keine britische Staatsbürgerin ist. Der High Court in Dhaka schloss sich der Meinung der Londoner Kollegen an und übergab die Ärztin in die Obhut der britischen Botschaft. Hutchinson kann sich auf ihren Lorbeeren nicht ausruhen. Es gebe "viele ähnliche Fälle", sagt die Anwältin. "Bei den meisten Opfern handelt es sich um ebenso intelligente, gut ausgebildete junge Frauen."

Dieselben Beobachtungen machen Firmen, die junge Muslima einstellen wollen. Eine renommierte Londoner Wirtschaftsberatung wollte in den vergangenen Jahren immer wieder junge Frauen mit glänzenden Examina rekrutieren. "Wir waren uns eigentlich handelseinig, und plötzlich verschwanden die Kandidatinnen von der Bildfläche", berichtet ein Manager. Nachforschungen blieben ergebnislos.


Vielleicht kann das neue Gesetz und seine spektakuläre Erstanwendung daran etwas ändern. Humayra Abedin kehrte am Montag nach London zurück und will wieder im Londoner East End als praktische Ärztin arbeiten. Eine mögliche Strafverfolgung ihrer Eltern lehnt sie einer Freundin zufolge jedoch ab. Schließlich "liebt sie ihre Eltern immer noch".