Städtevergleich

Hier Champagner, dort Sehnsucht nach zweitem Bier

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Jan Dams

Foto: Infografik Morgenpost Online

Bad Homburg und Offenbach – reiche Stadt, arme Stadt – trennen nur 40 Kilometer. Und doch sind es Welten.

Im Schritttempo rollt die Limousine am Straßenrand entlang. Die Scheiben sind heruntergelassen. Der Bass der Hip-Hop-Musik wummert zwischen den Häuserwänden. Aus den Polstern der schwarzen Mercedes-S-Klasse heraus mustern vier Jungs die Gäste, die an diesem Abend vor der „Weiss Bar und Lounge“ sitzen. Als sie genug gesehen haben, rollen die vier gemächlich weiter.

Ein Abend im Hochsommer, nicht etwa in einem dunklen Randgebiet von Berlin-Neukölln, sondern im Zentrum von Offenbach. Überall auf der Welt haben die Menschen ein mulmiges Gefühl, wenn Halbstarke scheinbar Patrouille fahren mit einer Limousine, deren Wert weit über 100.000 Euro liegt. Das ist in Offenbach nicht anders als sonstwo. In einer Stadt aber, die als arm gilt, sorgt so ein Auto für besonders große Aufmerksamkeit.

Wer es geschafft hat, zieht nach Bad Homburg

Keine 40 Kilometer entfernt, in Bad Homburg, wäre die Sache sonnenklar: Papa ist Banker und hat Filius den Wagen geliehen. Die Stadt ist reich, ihre Einwohner sind es auch. Im Schnitt verdient hier jeder über 28.000 Euro im Jahr – so viel wie nirgendwo sonst in Deutschland. Der Kurpark ist ein Idyll. Wer es geschafft hat, zieht mit der Familie gern hierher, sicher aber kaum nach Offenbach. Denn da verdienen die Menschen knapp 10.000 Euro weniger.

So wie Offenbach geht es vielen Städten, vor allem seit die Folgen der Wirtschaftskrise auf die kommunalen Etats durchgeschlagen sind. Die Gewerbesteuereinnahmen brachen ein. Ende 2009 verbuchten die städtischen Haushalte deshalb ein Minus von 7,1 Milliarden Euro. Und im Mai schätzte Städtetagspräsidentin Petra Roth (CDU) gar, dass der Schuldenstand auf 15 Milliarden Euro ansteigen würde. Deshalb will Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) nach der Sommerpause mit den Kommunen über eine Finanzreform verhandeln.

Geringverdiener bekommen vieles kostenfrei

Wie aber lebt es sich in zwei so unterschiedlichen Städten? Michael Beseler bemüht Hotelstandards, um beide Orte miteinander zu vergleichen: So groß wie zwischen einem Fünf- und einem Drei-Sterne-Hotel sei der Unterschied, „natürlich einem gut geführten“, sagt Offenbachs Stadtkämmerer. Verschmitzt lächelt er: In beiden Hotels gibt es saubere Zimmer, will er damit sagen. Nur beim Luxus hat die Fünf-Sterne-Herberge eben die Nase vorn.

Was aber ist notwendig, und wo fängt Luxus an? „Wir haben einen Stadtbus, eine sehr gute Sportförderung, für alle kostenlose Kindergärten, bezuschusste Stadtfeste und natürlich auch den Bad-Homburg-Pass“, sagt Michael Korwisi, der Oberbürgermeister von Bad Homburg. Mit dem Pass bekommen Geringverdiener vieles kostenfrei.

Korwisi ist ein offener Typ. Unumwunden gibt er zu, die Horte seien das Problem. „Wir können nur 48 Prozent aller Kinder im entsprechenden Alter einen Platz bieten.“ Die Nachfrage aber sei größer, weil Mütter, die voll arbeiten und ihre Kinder zunächst im Kindergarten hatten, nun einen Hortplatz bräuchten. Natürlich soll dieser Mangel beseitigt werden. Die Stadt, in der die meisten Bürger weit mehr verdienen als der Durchschnittsdeutsche, päppelt ihre Einwohner – auch die, die so wenig Geld haben, dass sie sich das Leben dort eigentlich nicht leisten können. „Wir haben sehr hohe Mieten“, sagt Korwisi.

Offenbach kein Theater oder Opernhaus

Wer nur wenig über dem Wohngeldzusatz verdient, bekommt daher Wohngeld von der Stadt. Selbst der Besuch im Schwimmbad kostet für Geringverdiener nur drei anstatt der üblichen sechs Euro. Ein Schwimmbad gibt es in Offenbach auch. Früher waren es sogar vier. Das aber kann sich die Stadt nicht mehr leisten, obwohl sie mit 118.000 Einwohnern fast doppelt so groß ist wie Bad Homburg. Das Bad ist zwar nicht teurer als die Konkurrenz im Taunus, bietet aber kaum mehr als ein Schwimmbecken – drei Sterne eben.

Trotz der Größe hat Offenbach kein Theater, kein Opernhaus. Viel zu teuer, sagen die Verantwortlichen. Wer Kultur will, soll nach Frankfurt fahren. Und wer seine Kinder hier in eine städtische Einrichtung schickt und genug verdient, muss zuzahlen. Vielleicht aber wollen viele Offenbacher ihre Kinder lieber bei sich behalten. Denn mit fast 50 Prozent ist der Ausländeranteil so hoch wie in keiner anderen deutschen Stadt. Die Frauen hier seien ohnehin oft den ganzen Tag zu Hause, berichten die Verantwortlichen. Offenbach ist ein Problemfall.

Matthias Schulze-Böing, der Leiter von MainArbeit in der Stadt, würde das zwar so nie formulieren. Trotzdem ist es nicht zu überhören, wenn er Berlin – die Pleitekapitale – mit Offenbach vergleicht. Seine Stadt „hat Züge von Kreuzberg“, glaubt er. „Wir haben hier viel Kreativwirtschaft, die gern in der Stadt wohnt, weil die Mieten hier günstiger sind als im benachbarten Frankfurt.“ Kreativwirtschaft? Das sind Künstler, Werber, Leute aus dem Kulturbetrieb. Vor zwei Jahren boten die 1000 Betriebe dieser Branche gerade einmal 4000 Jobs – im Schnitt also vier Stellen pro Firma. In zehn, spätestens 15 Jahren sollen es 10.000 sein. Offenbach muss hoffen.

Volksmund übersetzt Bad Homburger Autokennzeichen HG gern mit „Habe Geld“

Schon am Stadtrand von Bad Homburg sieht man Glanz: Ein riesiger, schicker Gebäudekomplex steht dort: die Zentrale des Medizinkonzerns Fresenius Medical Care. Die Firma gehört zur deutschen Spitzenklasse. Im Umfeld sitzen Finanzdienstleister. Nicht zu vergessen die Industriellenfamilie Quandt und ihre Kulturstiftung. Jeder kennt den Namen Quandt. Die Familie ist Großaktionär bei BMW. Der Volksmund übersetzt das Bad Homburger Autokennzeichen HG auch gern mit „Habe Geld“.

Offenbachs Oberbürgermeister Horst Schneider weiß um die Probleme seiner Stadt: „Mit dem Verlust von kompletten Industrien wie der Lederbranche oder der Schließung großer Unternehmen im Bereich Metall in den Siebzigerjahren verzeichnete Offenbach auch einen Exodus aufstiegsorientierter Menschen“, sagt er. „Viele der Hilfsarbeiter aber, die die Industrie im Ausland angeworben hatte, bleiben hier.“ Längst nicht alle schaffen den Aufstieg via Bildung. Die soziale Mobilität ist zu gering. Schneider nennt das „eine historische Last“. Und Schulze-Böing von MainArbeit analysiert: „Das Problem ist, dass viele jener Arbeitsimmigranten, die in den frühen Jahren nach Deutschland kamen, den Übergang von der Industrie ins Dienstleistungsgewerbe nie schaffen.“

Langzeitarbeitslosigkeit zieht Stadt nach unten

Wer in Offenbach einen Job sucht, tut sich schwer. Hier treffen sich schon zum Mittag reihenweise Männer jenseits der 40 auf den Bänken, Menschen, von denen viele vermutlich nie wieder eine Stelle finden werden. Die Arbeitslosenquote liegt bei elf Prozent. Bad Homburg kommt nicht einmal auf fünf Prozent. So sieht Vollbeschäftigung aus.

Eine hohe Langzeitarbeitslosigkeit zieht eine Stadt nach unten. Über 19 Prozent liegt die Quote der Hartz-IV-Empfänger in Offenbach. Die Stadt steckt in einem Dilemma. Denn bislang ziehen nicht nur die Deutschen aus der Innenstadt weg, weil in vielen Schulklassen die Ausländerkinder in der Überzahl sind. Auch jene, deren Eltern einst zugewandert sind und die es nun geschafft haben, verlassen Offenbach.

Petro Lopez ist so einer, dem es nach der Geburt seiner Tochter nicht schnell genug gehen konnte. Vor Kurzem noch wohnte er mit seiner Frau hinterm Hauptbahnhof. Doch als die Tochter zur Welt kam, hatte der Maler die Nase voll. „Es ist gefährlich da“, sagt er. „An einem Samstag, als ich zur Arbeit fuhr, lagen mehrere Drogendealer mit gefesselten Händen auf dem Gehweg.“ Vor allem in der Innenstadt sehe man die ständig. Seinem Kind mochte er das nicht zumuten. Genauso wenig wie die Kindergärten. „Wegen der großen Zahl an Ausländern spricht dort doch kaum einer Deutsch“, sagt er, dessen Eltern einst aus Spanien kamen. Jetzt wohnt er in Heusenstamm, keine zehn Kilometer weg auf dem Land.

In Offenbach freuen sich viele, wenn es für das zweite Bier langt

Dabei gibt sich Offenbach viel Mühe. Vielerorts wird saniert. Wo das nicht möglich ist, greift die Verwaltung zu radikalen Maßnahmen. So ließ sie den früheren Problembezirk Lohwald abreißen. Heute sieht die Stadt besser aus als noch vor ein paar Jahren. Und trotzdem klaffen zwischen Offenbach und Bad Homburg Welten. Die reiche Stadt wirbt mit dem Slogan „Champagnerluft und Tradition“ für sich. In Offenbach freuen sich viele, wenn es für das zweite Bier langt.

Der Haushalt ist ein Spiegelbild dieser Lage. Allein in diesem Jahr wird das Saldo zwischen Einnahmen und Ausgaben bei minus 65 Millionen Euro liegen. Inzwischen addieren sich die Schulden Offenbachs auf 468,4 Millionen Euro. Weil das wenige Geld, das da ist, für jene Sozialmaßnahmen ausgegeben werden muss, die der Bund beschlossen hat, bleibt nichts übrig. Dabei müsste Offenbach mehr investieren, um aufzuschließen. Nur reichen dafür die Mittel nicht. Deshalb wird die Stadt für die Wirtschaft auch nicht attraktiver. Und das wiederum sorgt für geringere Steuereinnahmen sowie höhere Sozialausgaben. Ein Teufelskreis.

Im Vergleich dazu hat Bad Homburgs Oberbürgermeister Luxusprobleme. Auch Korwisi muss in diesem Jahr sparen, weil die Gewerbesteuereinnahmen wegen der Krise eingebrochen sind. Schulden aber hat die Stadt nur, weil die Kreditzinsen so niedrig sind, dass es sich lohnt, die Überschüsse anzulegen. Die Stadt scheint eine Art Perpetuum Mobile zu sein. Weil alles so schön aufgeräumt ist, siedeln sich Firmen an. Die wiederum bringen das nötige Geld mit, das Korwisi braucht, um Bad Homburg weiter aufzupeppen. Eigentlich kann da gar nichts schiefgehen – zumindest so lange nicht, wie sich die Einflugschneise des Frankfurter Flughafens mit ihrem Lärm eben nicht über Bad Homburg, sondern über Offenbach zieht.