10 Jahre nach dem Krieg

Das schier unendliche Drama im Kosovo

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Michael Stürmer

Foto: picture-alliance/ dpa / Maxppp/MAXPPP

Vor zehn Jahren begann der Kosovo-Krieg. Er veränderte Deutschland genauso wie die Nato. Heute strebt das Kosovo nach Unabhängigkeit. Deutschland und die meisten EU-Staaten wollen den Staat anerkennen – auch wenn sich viel Protest in der Region regt. Die Zukunft des Balkans bleibt weiter ungewiss.

Kieg wäre kein Mittel der Politik? Das würden die Deutschen, machtvergessen und bequem, gern glauben. Aber im Rest der Welt sieht es anders aus. Man braucht nur nach Pristina zu reisen, Hauptstadt der jüngsten Balkan-Republik namens Kosovo. Das Kosovo wäre bis heute eine jugoslawische Provinz, hätte es nicht den Krieg gegeben, den die Nato vor genau zehn Jahren gegen den Belgrader Diktator Slobodan Milosevic führte. Es sollte nach dem Willen der Militärs und ihrer politischen Meister eine chirurgische Operation sein, aber bis heute schwären die Wunden.

Nach wenigen Wochen einer Luftoffensive, bei der deutsche ECR-Tornados (Electronic Combat and Reconnaissance) die ersten Missionen flogen, kapitulierte der starke Mann von Belgrad, hauptsächlich unter dem Druck seiner Gefolgsleute, die ihre Gewinne nicht zerbombt sehen wollten. Es folgte in Serbien eine reformwillige Regierung, die sogar den Kriegsherrn von gestern an das Internationale Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag auslieferte, wo er vor Prozessende starb.

In Kosovo wurde ein EU-Protektorat eingerichtet, und dem folgte, seit dem Frühjahr 2008, halbe Selbstständigkeit. Der serbische Siedlungsstreifen im Norden wird weiterhin von Belgrad indirekt, aber wirkungsvoll kontrolliert. Im Rest des Landes sind die Erben der UCK, der albanischen Partisanen, die neuen Herren, misstrauisch beäugt von allen, die den Balkan kennen, die Wege der organisierten Kriminalität, des Rauschgifts und der Waffen. Einige Staaten haben mittlerweile das Kosovo anerkannt. Russland indes hält daran fest, dass der Krieg von 1999 dem Völkerrecht widersprach - es fehlte in der Tat ausdrückliche Ermächtigung durch den UN-Sicherheitsrat. Dass Kosovo in seiner gegenwärtigen Form lebensfähig ist, die verbleibenden Serben (jeder Zehnte von zwei Millionen Einwohnern) dort Zukunft haben, die amtliche Politik Serbiens sich dem sanften EU-Druck beugen wird und ihre Gefolgsleute zur Räson bringt? Alles das sind offene Fragen, eine Wette der Nato und der EU gegen die lange und blutige Geschichte des Balkans.

Man hätte gewarnt sein können. Nicht nur, weil noch lange nach dem Abzug der Wehrmacht am Ende des Zweiten Weltkriegs Albaner und Tito-Partisanen einander erbarmungslos niedergemetzelt hatten. Es gab auch zur Zeit Titos Analysen westlicher Geheimdienste, die besagten, es sei allein die Diktatur und die Angst vor einer Sowjetintervention, die Jugoslawien, Notgeburt vom Ende des Ersten Weltkriegs, noch zusammenhalte. Dem Tode Titos aber folgte, weltweit, das Siechtum des Kommunismus. Ein Jahrzehnt lang hielt Jugoslawien noch halbwegs zusammen. Milosevic, ein blasser Parteifunktionär, spürte indes, dass die kommunistische Diktatur im Wanken war und dass seine Macht neuer Begründung bedurfte. Er fand sie im großserbischen Nationalismus - eben jener Ideologie, die schon den Ersten Weltkrieg mit der Mordtat von Sarajewo ausgelöst hatte. Auf dem Amselfeld, Kosovo Polje, beschwor er die Bilder von den heldenhaften christlichen Serben, die 600 Jahre zuvor im Kampf für das Abendland verbluteten unter den Schwerthieben der osmanischen Truppen und ihrer muslimischen Hilfsvölker - gemeint waren Albaner und Bosnier. Das war der Anfang vom Ende des kommunistischen Jugoslawien.

Eigentlich hatten sich die Europäer die neue Weltordnung anders vorgestellt. Aber die jugoslawischen Erbfolgekriege sandten Ströme von Flüchtlingen nach Norden, in die Schweiz, nach Österreich und am meisten nach Deutschland. Was in Bosnien begonnen hatte und 1995 mit dem Dayton-Abkommen gestoppt wurde, setzte sich im Kosovo fort. Dort betrieb die UCK den Aufstand gegen Serbiens Armee und Polizei, setzte aber vor allem auf den Schrecken, den das Fernsehen überallhin übertrug, und auf die Flüchtlingsmassen, die nach Norden strebten. Mit den Waffen waren die albanischen Waldkämpfer hoffnungslos unterlegen. Den Krieg der Bilder aber gewannen sie. Vor allem gelang es ihnen, das westliche Bündnis in ihre Stammeskriege hineinzuziehen.

Die Nato-Häupter hatten Milosevic gewarnt und gewarnt. In Deutschland drängten die Oberbürgermeister, ob Rot oder Schwarz, die Regierung, etwas gegen den Flüchtlingsstrom zu tun. Die wahren Zahlen wurden unter Verschluss gehalten. Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping, in Koalition mit den pazifistischen Grünen, gebrauchte den unzulässigen Vergleich von einem neuen Auschwitz. Der Westen drohte so lange, bis er in eine "Glaubwürdigkeitsfalle" geriet - so sagten es damals interne Dokumente der Nato- Führungsstäbe.

Als Mitte März 1999 die Gespräche der Balkan-Potentaten in Schloss Rambouillet bei Paris zusammenbrachen, musste die Allianz handeln. Kosovo sei klein und unbedeutend, es gehe vor allem um Menschenrechte, und es entstehe ein böser Präzedenzfall - so warnten hohe Offiziere. Dazu kam die Frage, ob Kosovo es wert sei, die Beziehungen zu Russland zu ruinieren. "Kosovo kann zur Mausefalle werden statt zum Kraftbeweis der künftigen Nato." Die Nato dürfe sich nicht zur Geisel eines Balkandramas machen. Der Erfolg sei ungewiss, das Terrain für eine Bodenoffensive denkbar ungünstig, Partisanenland. "Ist Kosovo einen Krieg wert?" Die Gespenster von 1914 machten sich geltend.

Die OSZE-Beobachter wurden zurückgezogen, und die "ethnischen Säuberungen" begannen erst richtig. Da musste sich die Nato wohl oder übel auf einen Schießkrieg einlassen, aber vorerst nur aus der Luft. Die "Apache"-Hubschrauber, die die Bodenoffensive einleiten sollten, blieben in der Hinterhand.

Aber die Drohung wirkte. Milosevic gab auf, und mit ihm die Armee, die außerordentlich gut getarnt gewesen war, kaum Verluste erlitten hatte und sich dennoch zurückzog, bevor der Krieg wirklich begann. Damit aber ging auch das Problem Kosovo, und dahinter die Zukunft der gesamten Region, in die Hände der Nato und der EU über. Seitdem ist Kosovo ein unwillkommenes Protektorat. Doch sein Schicksal entscheidet über Stabilität und Frieden der gesamten Region - und indirekt auch über die künftige Fähigkeit der Nato und der EU, Macht und Einfluss zu projizieren.

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