Wiedervereinigung

Warum der Aufbau Ost eine Erfolgsgeschichte ist

Auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung klagen viele Ostdeutsche über den Abstand zu den Lebensverhältnissen im Westen. Doch wie sehr sich die Lage im Vergleich zum Jahr 1989 verbessert hat, wird gerne übersehen. Das größte Problem bleibt die Arbeitslosigkeit. Doch die hat es auch in der DDR gegeben.

War der Aufbau Ost ein Erfolg? Ehemalige DDR-Bürger beantworten diese Frage, indem sie ihre Lebensumstände mit denen von westdeutschen Mitbürgern vergleichen. Angesichts der nach wie vor bestehenden Ungleichgewichte zwischen Ost und West fällt das Urteil dann meist wenig positiv aus. Anders würde das Ergebnis aussehen, wenn die aktuelle Lage in den einstigen sozialistischen Bruderstaaten zum Bewertungsmaßstab gemacht würde. Doch Ostdeutsche stellen nur höchst selten Vergleiche mit Polen, Tschechen oder Ungarn an.

Es gibt allerdings noch eine dritte Möglichkeit: Frühere DDR-Bürger könnten ihre heutige Situation auch mit der vor dem Mauerfall vergleichen. „Besonders beim Blick zurück zeigt sich, dass der Aufbau Ost ein voller Erfolg ist“, sagt Klaus Schroeder, Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin. Ob Wohlstand, Lebensqualität, Infrastruktur oder Bildung – gemessen an 1989 seien die Fortschritte in fast allen Bereichen gewaltig. In geradezu „atemberaubender Geschwindigkeit“ hätten sich seitdem die Anpassungsprozesse zwischen Ost und West vollzogen. Das aber wird zum Bedauern von Schroeder kaum zur Kenntnis genommen: „Offenbar, weil viele die Ausgangslage zum Ende der DDR in einem völlig verklärten Licht sehen.“

Der Ökonom Joachim Ragnitz vom Ifo-Institut Dresden hat ähnliche Erfahrungen gemacht: „Zwanzig Jahre nach der Vereinigung verblasst die Erinnerung an die Zustände in der DDR.“ Längst in Vergessenheit geraten sei etwa, dass man 1988 in für ein Kilo Kaffee zwölf Stunden und für ein Liegesofa sogar fast 250 Stunden arbeiten musste. Und nur 17 Prozent der privaten Haushalte in der DDR hätten über einen Telefonanschluss verfügt. Der Ostdeutschlandforscher: „Insbesondere junge Menschen können sich nicht vorstellen, unter welchen Bedingungen ihre Eltern und Großeltern damals gelebt haben.“

Um diesem Missstand abzuhelfen und aufzuklären, haben sowohl Ragnitz als auch Schroeder monatelang Daten und Fakten zusammengetragen und bewertet. Daraus sind zwei Gutachten entstanden, die die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft finanziert hat und die heute in Berlin vorgestellt werden. Die Untersuchungen zeigen, wie desolat die Lebensverhältnisse im Honecker-Staat waren – und was sich seitdem alles zum Positiven verändert hat.

Beispiel Rente: In der DDR standen Rentner am unteren Ende der Einkommenspyramide. Wer nicht in den Produktionsprozess eingebunden war, zählte im SED-Staat wenig. 1988 lag die Altersrente im Durchschnitt nur etwas über 30 Prozent des Bruttoeinkommens. Heute beziehen Ost-Rentner mehr als 80 Prozent des durchschnittlichen Arbeitseinkommens. Zwar liegt das Rentenniveau erst bei 88,7 Prozent West, trotzdem wird Rentner im Osten im Durchschnitt mehr überwiesen – weil sie meist länger im Beruf tätig waren, aber auch weil ihr früheres Einkommen bei der Berechnung des Rentenwertes fiktiv erhöht wird.

Beispiel Umwelt: Nirgendwo auf der Welt wurden mehr Kohlendioxid und Staub ausgestoßen als in der DDR – bezogen auf die Einwohnerzahl. Rund 1,24 Millionen Menschen mussten mit Trinkwasser Vorlieb nehmen, das nicht den üblichen Gütenormen entsprach. Gut die Hälfte der Waldfläche war geschädigt. Diese Zustände wurden den Bürgern verheimlicht, denn Umweltdaten waren „Geheime Verschlusssache“. Seit 1990 hat allein der Staat weit über 68 Milliarden Euro in die Sanierung verwüsteter Landschaften gesteckt. Das Ergebnis: Heute wird der Zustand der Umwelt in Ost und West gleichermaßen positiv eingeschätzt.

Beispiel Lebenserwartung: DDR-Bürger sind im Vergleich zu Bundesbürgern deutlich früher gestorben. Männer wurden im Durchschnitt lediglich 70 (West: 72,6) und Frauen 76,2 (West: 79,0) Jahre alt. Inzwischen sind die Unterschiede kaum noch wahrnehmbar – laut den Studien auch eine Folge der Übertragung des westdeutschen Gesundheitssystems auf das Beitrittsgebiet. Interessant in diesem Zusammenhang: Die Zahl der Selbstmorde im Osten hat sich im Vergleich zu 1988 annähernd halbiert, womit auch in diesem Bereich kaum noch Ost-West-Unterschiede bestehen.

Trotz der Betonung der Erfolge beim Aufbau Ost verstehen verstehen sich weder Ragnitz noch Schroeder als Gesundbeter. Ihre beiden Gutachten zeigen auch, was welche Herausforderungen noch gemeistert werden müssen. Den bedrückenden Bevölkerungsumbruch in Ostdeutschland stellt Ifo-Mann Ragnitz an den Beginn seiner Studie. In den neuen Ländern ist die Einwohnerzahl im Vergleich zu 1989 um gut 13 Prozent geschrumpft – in alten Ländern steht dem ein Plus von acht Prozent gegenüber. Noch nie gab es in mitteleuropäischen Regionen in so kurzer Zeit vergleichbare Bevölkerungsrückgänge, auch nicht in Kriegszeiten. In Gebieten mit hoher Abwanderung, schreibt Ragnitz, seien die weiteren wirtschaftlichen Perspektiven „nicht günstig.“

Schroeder wiederum nennt die hohe Arbeitslosigkeit „das Hauptproblem der Vereinigung“. Allerdings habe es auch schon in der DDR eine verdeckte Arbeitslosigkeit von mindestens zehn Prozent gegeben.

Der Arbeitslosigkeit stellt Schroeder eine Entwicklung gegenüber, die ihn besonders beeindruckt: In Ostdeutschland habe eine regelrechte Wohlstandsexplosion stattgefunden. Heute würden etwa vier Fünftel der deutschen Bevölkerung in Ost und West unter gleichen materiellen Bedingungen leben – ermöglicht nicht zuletzt durch massive Transfers. Nur im oberen Segment der Gesellschaft klaffe zwischen den einst politisch getrennten Landesteilen ein tiefer Wohlstandsgraben, der nur langfristig geschlossen werden könne. Schröder: „Das Wohlstandsgefälle zwischen starken und schwachen West-Regionen ist größer als der Unterschied zwischen Ost und West.“

Das hatte allerdings seinen Preis: Die Vereinigungskosten betragen laut Schroeder 1,6 Billionen Euro.

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