Kosovo-Premier

Ex-UCK-Chef Thaci setzt auf eine neue Taktik

| Lesedauer: 3 Minuten
Thomas Roser

Foto: AFP

Hashim Thaci ist stolz, mit der UCK einen "einen gerechtfertigten Krieg" geführt zu haben. Als Kosovo-Premier sucht er die Partnerschaft.

Morgenpost Online: Der Internationale Gerichtshof in Den Haag hat die Unabhängigkeit des Kosovo als rechtmäßig bezeichnet. Welche praktischen Folgen erwarten Sie?

Hashim Thaci: Für das Kosovo und die gesamte Region hat nun ein neues Kapitel begonnen – das der regionalen Zusammenarbeit und der Integration in die Strukturen von EU und Nato. Dies wird unser Land konsolidieren. Noch mehr Staaten werden das Kosovo anerkennen – auch die fünf EU-Staaten, die das bisher nicht taten. Bisher hatten Länder wie Spanien oder Griechenland gesagt, wir warten das Gutachten des Internationalen Gerichtshofs ab. Mit dessen eindeutiger Antwort ist alles klar – und der Zeitpunkt für Entscheidungen gekommen.

Morgenpost Online: Was sind die größten Errungenschaften der Eigenstaatlichkeit, wo sehen Sie noch Nachholbedarf?

Thaci: Wir haben die Institutionen stabilisiert und umfassende Reformen zur Erfüllung der EU-Standards in Angriff genommen. 69 Staaten haben uns anerkannt. Wir sind Mitglied der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds und bald der Europäischen Entwicklungsbank. Wir haben den Ahtisaari-Plan zu 90 Prozent umgesetzt und ein demokratisches und multiethnisches Land geschaffen: Die Rekordwahlbeteiligung der Serben bei den letzten Kommunalwahlen wäre vor Kurzem noch undenkbar gewesen.

Morgenpost Online: Und die Defizite?

Thaci: Eine Herausforderung für uns bleibt (das noch weitgehend serbisch kontrollierte, d. Red.) Nord-Mitrovica. Aber wir haben nun zum ersten Mal seit zehn Jahren dort ein Kontaktbüro der Republik Kosovo eröffnet. Sehr bald wird auch das Gericht dort seine Arbeit aufnehmen. Ein weiteres Problem ist die hohe Arbeitslosigkeit. Den Krieg haben wir gewonnen, nun müssen wir uns im Frieden behaupten, neue Arbeitsplätze schaffen und uns auf die Wirtschaftsentwicklung und soziale Fragen konzentrieren.

Morgenpost Online: Die Justiz hat mit Unterstützung der EU-Rechtsstaatsmission Eulex Ermittlungen gegen mehrere hochrangige Politiker eröffnet. Beunruhigt Sie das?

Thaci: Die Staatsanwaltschaft steht an der Front im Kampf gegen die Korruption. Zehn Jahre blieben im Namen der vermeintlichen Stabilität Augen und Ohren geschlossen. Ich bin stolz, dass unter meiner Regierung die Korruption mithilfe von Eulex endlich angegangen wird. Wir werden diesen Weg bis zu Ende gehen – egal, gegen wen sich die Ermittlungen richten.

Morgenpost Online: Das UN-Kriegsverbrecher-Tribunal hat den Freispruch des Ex-Premiers und Ex-Führers der Befreiungsarmee Kosovo (UCK), Ramush Haradinaj, aufgehoben und das Verfahren gegen den mutmaßlichen Kriegsverbrecher neu eröffnet. Was erwarten Sie von dem Prozess?

Thaci: Die Befreiungsarmee UCK führte einen gerechtfertigten Krieg, und ich bin stolz, dass ich daran teilnahm. Ich glaube an die internationale Justiz – und die Unschuld von Haradinaj.

Morgenpost Online: Kritiker werfen Ihrer Regierung vor, sich eher gegenüber den internationalen Institutionen als gegenüber den eigenen Wählern verantwortlich zu fühlen. Wann wird Ihr Land auf eigenen Füßen stehen?

Thaci: Der Prozess der international überwachten Unabhängigkeit ist erfolgreich abgeschlossen. Nun beginnt ein neues Kapitel. Wir werden souveräner und mit weniger Überwachung zu agieren haben. Dabei werden uns die internationalen Institutionen wie Eulex unterstützen – aber eine mehr beratende Rolle spielen. Das Kosovo sucht nicht die Konfrontation, sondern die enge Zusammenarbeit mit ihnen. Denn wir sind Partner.

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