Kaukasus

Doppelmord entsetzt russische Menschenrechtler

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Manfred Quiring

Wieder sind in Grosny russische Menschenrechtler Opfer brutaler Mörder geworden. Ein Kommando tötete Sarema Sadulajewa und ihren Mann. Die tschetschenische Menschenrechtsszene ist über die zunehmende Willkür entsetzt. Diesmal gingen die Täter besonders skrupellos vor.

Am Dienstag, nur knapp vier Wochen nach der Ermordung der Bürgerrechtlerin Natalja Estemirowa, mussten russische Menschenrechtsaktivisten erneut Kollegen in Tschetscheniens Hauptstadt Grosny zu Grabe tragen: Sarema Sadulajewa und ihren Ehemann Alik (Umar) Dschabrailow. Beide waren am Dienstagmorgen ermordet aufgefunden worden, nachdem sie am Tag zuvor von Unbekannten entführt worden waren. Es sei eine „Hinrichtung ohne Gerichtsurteil“ gewesen, hieß es in einer am Dienstag veröffentlichten Erklärung Moskauer Menschenrechtler.

Sadulajewa war Mitglied des „Tschetschenischen Zivilforums“, gegründet von der Schweizer Sektion der Gesellschaft für bedrohte Völker 2005 in Bern. Gleichzeitig leitete sie die Organisation „Retten wir die nächste Generation“. Die humanitäre Einrichtung hilft Kindern und Jugendlichen, die Opfer der gewalttätigen Auseinandersetzungen in Tschetschenien geworden sind, die praktisch seit 1994 anhalten. Sadulajewas Organisation kümmerte sich insbesondere um die tschetschenischen Kinder, die eine medizinische Behandlung oder Prothesen benötigen. Ihre Zahl geht in die Zehntausende.

Kaum mit Kriegsverbrechen befasst

Sadulajewa hatte sich nicht wie die Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa mit der Aufdeckung von Kriegsverbrechen befasst. Dass sie trotzdem entführt und ermordet wurde, beunruhigt die tschetschenische Menschenrechtsszene sehr, die sich einer zunehmenden Willkür ausgesetzt fühlt. Heda Saratowa, eine der ganz wenigen verbliebenen unabhängigen Journalisten in Grosny, bekannte im Gespräch mit der Morgenpost Online: „Ich habe beide Kriege überlebt, aber als ich am Montagabend von der Entführung hörte, habe ich das erste Mal richtig Angst bekommen. Ich habe auf jedes Geräusch draußen gelauscht.“

Der Ablauf der Tat erinnert an die Ermordung von Natalja Estemirowa, Mitarbeiterin der Menschenrechtsorganisation Memorial, vor vier Wochen. Natascha, wie ihre Freunde sie nannten, war am 14. Juli auf offener Straße gekidnappt worden. Ihre Leiche, die mehrere Schusswunden aufwies, wurde tags darauf am Straßenrand im benachbarten Inguschetien entdeckt.

Dieses Mal gingen die Täter sogar noch dreister vor. Fünf Männer betraten am Montag gegen 14 Uhr ganz offen das Büro von Sadulajewas regierungsunabhängiger Organisation. Wie Augenzeugen anschließend berichteten, hatten drei von ihnen eine schwarze Uniform an, wie sie die Männer des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow tragen. Sie nahmen Sarema und Alik mit, drängten beide in einen bereitstehenden grauen Pkw vom Typ Lada und fuhren davon. Später hatten sie dann noch die Stirn, ins Büro zurückzukehren und das Mobiltelefon und den Wagen von Alik Dschabrailow zu holen.

Im Kofferraum dieses Fahrzeugs wurden am Dienstagmorgen gegen vier Uhr im Dorf Tschernoretsche bei Grosny die Leichen des Ehepaares gefunden; sie wiesen zahlreiche Schusswunden und Spuren von Misshandlungen auf. Die beiden hatten erst vor einem halben Jahr geheiratet, nachdem Alik nach einer vierjährigen Haftstrafe, verhängt wegen der Mitgliedschaft in einer Rebellengruppierung, freigekommen war.

Reaktion von Kadyrow

Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrow gab sich am Dienstag empört über die neuerliche Untat. „Das ist ein zynischer, unmenschlicher und demonstrativer Mord“, sagte er, der kürzlich in Grosny nur knapp einem Selbstmordattentat entgangen war. Er beschuldigte die Anführer des illegalen Untergrundes, mit derlei Taten die Situation in Tschetschenien destabilisieren zu wollen. Eine schnelle Aufklärung sei für ihn persönlich „eine Sache der Ehre“.

Ähnliche Worte hatte er allerdings auch schon nach der Ermordung von Natalja Estemirowa gefunden, was ihn nicht daran hinderte, am Montag, dem Tage der jüngsten Entführung, gegenüber der toten Estemirowa ausfällig zu werden. Der Website Ingushetia.org zufolge wies Tschetscheniens Präsident von Moskaus Gnaden die Verdächtigungen, er sei in ihren Mord verstrickt, mit den Worten zurück: „Wozu sollte Kadyrow eine Frau umbringen, die niemand braucht? Sie hatte keine Ehre, keine Würde, kein Gewissen.“ Dennoch habe er, Kadyrow, sie zur Vorsitzenden des Rates für Menschenrechte in Grosny gemacht. Das habe sie ihm mit der Verbreitung von „allerlei Quatsch und Unsinn“ gedankt, beschwerte er sich. Dass die Ermittlungen im Mordfall Estemirowa nicht vom Fleck kommen, wundert nach diesen präsidialen Auslassungen nicht.

Ob das nun anders wird, erscheint zweifelhaft. Moskauer Bürgerrechtler haben die Staatsmacht aufgerufen, den Terror zu beenden und die Verbrecher zu bestrafen. Das, so meinte Alexander Tscherkassow von der Menschenrechtsorganisation Memorial, sollte in diesem neuen Fall eigentlich so schwer nicht sein. „Der Wagen der Entführer und die Autonummer sind bekannt. Man hat die Leute gesehen, sie haben sich nicht versteckt“, sagte Tscherkassow. „Jeder professionelle Milizionär kann das ermitteln, wenn er die Vollmachten dazu hat und nicht behindert wird.“