Talentsuche

Bundeswehr kämpft gegen BMW und BASF

Bundeswehrverbandschef Kirsch will die besten Bewerber gewinnen. Als Konkurrenten sieht er Unternehmen wie BMW oder BASF.

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Die Sparvorgaben für das Verteidigungsministerium werden sich auf fast alle Bereiche der Bundeswehr auswirken. Damit die anstehenden Reformen nicht die Motivation der Soldatinnen und Soldaten zerstören, hat der Deutsche Bundeswehrverband eine „Attraktivitätsagenda 2011“ verabschiedet. Verbandschef Oberst Ulrich Kirsch überreicht die Schrift am Montag Minister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU).

Morgenpost Online: Der Verteidigungsminister plant eine große Streitkräftereform. Haben Sie Bedenken, dass danach niemand mehr für die Bundeswehr arbeiten will?

Ulrich Kirsch: Mit unserer Attraktivitätsagenda 2011 zeigen wir auf, dass die sozialen Rahmenbedingungen für die Streitkräfte mit Blick auf die Einsatzbereitschaft und Durchhaltefähigkeit von überlebenswichtiger Bedeutung sind. Im Moment sind sie aber nicht so optimal gestaltet, wie es unsere Soldatinnen und Soldaten verdient haben. Sie haben schließlich ein Alleinstellungsmerkmal: Nur Soldaten gehen auf Grundlage von Befehl und Gehorsam in Einsätze – und sind von Tod und Verwundung betroffen.

Morgenpost Online: Und Sie befürchten, dass dieses Thema bei der geplanten Truppenreform untergehen könnte?

Kirsch: Ja, davor habe ich Angst. Außerdem stehen wir vor dem Hintergrund des demografischen Wandels in einem harten Wettbewerb mit Firmen wie BASF, Siemens oder BMW und auch vielen mittelständischen Unternehmen, was die Frage angeht: Wer bekommt die besten Köpfe und die geschicktesten Hände? Wenn wir als Streitkräfte nicht wesentlich attraktiver werden, als wir es heute sind, werden wir nicht mehr die Menschen zu uns holen, die wir brauchen – nämlich Soldaten, die interkulturell kompetent, klug und gut ausgebildet sind.

Morgenpost Online: Warum so pessimistisch?

Kirsch: Wir haben in einer Mitgliederbefragung festgestellt, dass die Männer und Frauen in den Streitkräften zu 87 Prozent ihren Beruf wieder ergreifen würden. Fast die gleiche Anzahl hat aber gesagt, dass sie aus heutiger Sicht diesen Beruf niemandem empfehlen könnten. Das ist eine Schieflage. Dafür muss es ja Gründe geben. Auch die sind in unsere Agenda eingeflossen.

Morgenpost Online: Was empfehlen Sie darin konkret?

Kirsch: Zum Beispiel fordern wir, dass Auslandseinsätze nicht länger dauern dürfen als vier Monate. Dazwischen muss es eine Ruhephase von 20 Monaten geben. Dementsprechend müssen die Streitkräfte künftig organisiert sein. Natürlich gehen wir auch auf die Mängel in Ausrüstung und Ausstattung ein, die sind einfach nicht hinnehmbar. Weitere Forderungen beziehen sich auf eine höhere Besoldung oder bessere Voraussetzungen für die Vereinbarkeit von Familie und Dienst. Mit all diesen Punkten könnte man die Streitkräfte so attraktiv gestalten, dass Menschen sagen: Jawohl, hier fühl ich mich wohl.

Morgenpost Online: Wie teuer wird das?

Kirsch : Das kostet richtig Geld. Aber wenn man auf der einen Seite 8,3 Milliarden Euro bei der Bundeswehr einsparen will, dann darf es auch keinen überraschen, wenn wir sagen, dass man mindestens eine Milliarde Euro, vielleicht auch zwei, investieren muss, um die Attraktivität zu steigern. Das wird mit Sicherheit sehr schwierig. Wichtig ist, dass der Wandel bereits finanziert wird, sonst gelingt es nicht.

Morgenpost Online: Sind in der einen Milliarde Euro auch schon die Abfindungen enthalten, die die Bundeswehr zahlen muss, wenn sie – wie angekündigt – bis zu 40.000 Berufs- und Zeitsoldaten entlassen will?

Kirsch: Ja, auch das haben wir einkalkuliert. Wenn Sie jemandem sagen: Wir brauchen dich nicht mehr, und wir bieten dir an, dass du die Streitkräfte verlassen kannst, dann muss man dem auch ein Angebot machen. Wir haben uns aber nicht die Mühe gemacht und jede einzelne Maßnahme mit Preisschildern versehen. Das ist nicht unsere Aufgabe. Wir sind kein Nebenministerium, sondern ein Berufsverband.

Morgenpost Online: Zur Attraktivität des Soldatenberufs gehört sicher auch die gesellschaftliche Anerkennung. Doch die wird nicht unbedingt wachsen, sollte tatsächlich die Wehrpflicht ausgesetzt werden, die bisher eine Brücke in die Gesellschaft baut...

Kirsch: Meine größte Sorge bei einer Aussetzung der Wehrpflicht – und alle Signale gehen in diese Richtung – ist, dass dann ein Eckpfeiler wegbricht, was die Verzahnung in die breite Gesellschaft betrifft. Da geht dann mit Sicherheit ein Stück Bindungswirkung verloren. Der andere Punkt ist aber der: Unser Auftraggeber, der Deutsche Bundestag, muss sich auch mehr Mühe geben, diese Dinge in die Fläche zu transportieren.

Morgenpost Online: Braucht die Bundeswehr künftig Werbekampagnen für die Nachwuchsgewinnung?

Kirsch: Ich denke nicht. Die beste Werbung ist doch, wenn die Menschen in den Streitkräften zufrieden sind und das ausstrahlen. Da braucht man keinen Spot im Kino.