Paraguay

Präsident Fernando Lugo wurde als Bischof Vater

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Mehr als zehn Jahre lang war Paraguays heutiger Präsident katholischer Bischof. Mit dem Zölibat aber nahm er es nicht so genau: Mindestens ein Kind zeugte er in dieser Zeit. Nun melden sich weitere Frauen und klagen die Vaterschaft ein. Das bringt Lugo Spottlieder ein, könnte ihn aber auch das Amt kosten.

Der frühere Armenbischof geht in die Offensive - mit einer Teilbeichte. "Ich übernehme die Verantwortung für meine Fehler, und zwar nicht nur, was die rechtlichen Aspekte betrifft, sondern auch die Pflichten. Ich bitte das Land und die Kirche um Verzeihung. Alles Weitere klärt mein Anwalt mit der Justiz", sprach ein ebenso reumütiger wie kämpferisch wirkender Fernando Lugo. Der Präsident Paraguays suchte auf diese Weise, einen Schlussstrich unter die Baby-Affäre zu ziehen, die seit Wochen das südamerikanische Land in Atem hält und inzwischen Züge einer Politposse annimmt.

"Wie viele Kinder hat der ledige Ex-Bischof wirklich?", fragen sich die Paraguayer, nachdem in kurzem Abstand drei Frauen an die Öffentlichkeit traten, die den 57-Jährigen aufforderten, seine väterlichen Pflichten zu erfüllen. Eine Antwort darauf blieb Lugo bislang schuldig: "Ich beichte nur bei meinem Beichtvater", antwortete er.

Eine vernachlässigte Liebhaberin hat den Skandal in dem Land ausgelöst, in dem sich 80 Prozent der Menschen zum katholischen Glauben bekennen. Die 26-jährige Viviana Carillo reichte kurz vor Ostern eine Vaterschaftsklage ein, nachdem sich Lugo von ihr getrennt und eine neue Affäre mit einem drallen, blonden Model aus dem Nachbarland Argentinien angefangen hatte. Lugo sei Vater ihres zweijährigen Sohnes Guillermo Armindo, erklärte die schlanke Frau mit dem dunklen Kurzhaarschnitt.

Lugo und die "vorübergehende Schwäche"

Die Romanze begann ihr zufolge vor zehn Jahren, als sie bei ihrer Patin auf dem Land wohnte: "In jenem zarten Alter hat mich der Beklagte verführt", sagte Carillo laut den Prozessunterlagen. Das ist pikant in zweierlei Hinsicht: Erstens war die Klägerin damals ganze 16 Jahre alt, also auch nach paraguayischem Recht minderjährig, zweitens war Lugo damals Bischof. Erst vor zwei Jahren entließ ihn der Vatikan aus der kirchlichen Pflicht.

Lugo erkannte die Vaterschaft an. Gegenüber den Medien verteidigte er zwar das Zölibat, rechtfertigte sich aber mit einer "vorübergehenden Schwäche". Seine Berater versuchten, die Angelegenheit herunterzuspielen. Die Mutter erhalte Alimente, der Sohn seinen richtigen Nachnamen, und Jugendministerin Liz Torres lobte, Lugo habe die weitverbreitete Kultur der Lüge zerstört. Sieben von zehn Müttern in Paraguay sind ledig.

Der Skandal begann gerade abzuflauen, da tauchte eine weitere Dame auf, die angab, ein Kind von dem Präsidenten zu haben. Lugo sei der Vater ihres sechsjährigen Sohnes Lucas Fernando, behauptete die 27-jährige Verkäuferin Benigna Leguizamón und reichte ebenfalls Klage ein. Sie sei wegen ihrer schwierigen ökonomischen Situation damals zu dem Bischof der Diözese von San Pedro gekommen, der ihre Lage ausgenutzt habe, sagte Leguizamón, die drei weitere Kinder von unterschiedlichen Männern hat. Lugo erklärte sich in dem Fall zu einem DNA-Test bereit.

Vor drei Tagen nun kam der dritte Streich. Die 39-jährige Lehrerin Damiana Morán erklärte, sie habe Lugo durch ihre kirchlichen Aktivitäten kennengelernt und daraus sei eine "große Liebe" entstanden sowie ihr mittlerweile 16 Monate alter Sohn Juan Pablo - benannt nach Papst Johannes Paul II. Der Präsident habe nichts von ihrer Schwangerschaft gewusst, da sie ihn während des Wahlkampfes um das Präsidentenamt nicht habe damit belasten wollen, erklärte sie. Deshalb sei sie aus seinem Umkreis verschwunden.

Baby-Affäre schadet Lugos Glaubwürdigkeit

Sie habe nicht vorgehabt, die Affäre öffentlich zu machen, aber Lugos Anwalt habe Kontakt mit ihr aufgenommen, da ihr Name auf einer Liste sechs mutmaßlicher Liebhaberinnen des Präsidenten stehe. Nach einem Telefongespräch mit dem Präsidenten habe sie sich entschlossen, die Wahrheit zu sagen, bevor Lugos Gegner "irgendwelche Geschichten" in die Welt setzten. Eine Vaterschaftsklage plane sie nicht, da sie mit dem Anwalt Lugos einvernehmlich die nötigen Schritte zur Anerkennung eingeleitet habe, erklärte Morán.

Lugos Gegner witterten Morgenluft - und zwar nicht nur die Colorado-Partei, die Lugo mit seiner linksliberalen Plattform voriges Jahr nach sechs Jahrzehnten Korruption und Machtmissbrauch besiegt hatte. Sondern auch seine liberalen Verbündeten, die unzufrieden sind mit der Zuteilung der Kabinettsposten und den unbequemen "linken Bischof" loswerden wollen. Die Glaubwürdigkeit des Staatschefs, der in letzter Zeit mit tiefen Augenringen und Sorgenfalten in der Öffentlichkeit gesichtet wurde, sank seit der Baby-Affäre von 56 auf 48 Prozent.

"Er hat sich lächerlich gemacht und muss zurücktreten", forderte der liberale Senator Alfredo Jaeggli recht durchsichtig - denn dann würde der liberale Vizepräsident Federico Franco an die Macht kommen. "Man sagt, er habe 17 Kinder, aber dass es so viele sind, glaube ich nicht", erklärte Senator Miguel Carrizosa von der katholisch-konservativen Partei Patria Querida. "Wir prüfen, ob ein politisches Amtsenthebungsverfahren gerechtfertigt ist."


Von Rücktritt will Lugo nichts wissen

Lugos Bruder Pompeyo sprach in der argentinischen Zeitung "La Nación" von einem "verdeckten Staatsstreich", hinter dem die Polit-Mafia des Landes stecke, deren Geschäfte von der neuen Regierung durchkreuzt würden. Den Spekulationen entgegnete der Staatschef am Freitag, er werde das Land wie verfassungsgemäß vorgesehen bis 2013 regieren. Privatangelegenheiten werden sein politisches Transformationsprojekt und die Stabilität des Landes nicht beeinflussen. "Wer auf meinen Rücktritt setzt, kann warten, bis er schwarz wird", betonte Lugo. Ähnlich sehen das auch die meisten Analysten: "Wenn er seine politische Arbeit gut macht, werden die Paraguayer ihm verzeihen", meint der Politologe Adolfo Ferreiro.

Seine Landsleute amüsieren sich derweil köstlich. "Habemos Papa" hieß es, nachdem Lugo seinen Sohn anerkannt hatte. Das Wort vom "Deckhengst der Nation" machte die Runde. "Borom-bom-bom, Lugo benutzte kein Kondom", lautet ein neuer Schlachtruf. Eine Humoristengruppe übt ein Stück mit dem Titel "Lugos Sängerknaben" ein. Und in einem schmissigen Song der Gruppe "Los Angeles" heißt es: "Mit Lugo kam zwar kein Wechsel, aber er wechselt nun Windeln."

Keine Überraschung war die Affäre für die Kirche. Bischof Rogelio Livieres Plano erklärte, er und die Nuntiatur hätten schon seit langem von den Abenteuern Lugos Kenntnis gehabt. Das und nicht die Politik sei der Grund gewesen, warum der Vatikan Lugo 2006 suspendiert habe. Seit Juli 2008 ist er in den Laienstand zurückversetzt.

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