Gefälschte Accounts

Bundespräsidenten-Kür als Comedyshow bei Twitter

Bei der letzten Bundespräsidentenwahl hatten Wahlleute bereits eine Viertelstunde vor Bekanntgabe das Ergebnis getwittert. Diesmal wurde über Twitter jede Menge Unsinn verbreitet - auch unter falschem Namen.

Anders als bei der letzten Bundespräsidentenwahl war der Kurznachrichtendienst Twitter diesmal keine besonders brauchbare Informationsquelle. Es gab kein wirkliches Leck bei der Auszählung, dafür zwitscherten Twitter-Nutzer jede Menge Unsinn, auf den so mancher hereinfiel. Etliche Twitterer behaupten frühzeitig steif und fest unter Berufung auf informierte Kreise, Christian Wulff habe den ersten Wahlgang gewonnen. Allerdings sollten sich später einige Quellen als Parodien entpuppen.

Eine der Quellen für falsche Informationen war ein unter dem Namen der Schauspielerin Martina Gedeck laufender gefälschter Twitter-Account. Unter www.twitter.com/martinagedeck hieß es eine Viertelstunde vor Bekanntgabe des Ergebnisses vom ersten Wahlgang: „Ok busemann (cdu) hat ne sms bekommen leute :) also kein zweiter wahlgang“. Und diese Nachricht wurde nicht nur innerhalb Twitters verbreitet, sondern auch Medienprofis sprangen darauf an.

Trotz aller Ermahnungen und Appelle twitterten zwar Mitglieder der 14. Bundesversammlung während des ersten Wahlgangs der Wahl fleißig, nur Gedeck war nicht dabei. In der ARD sagte die den Grünen in die Bundesversammlung entsandte Schauspielerin, sie habe noch nie in ihrem Leben getwittert.

Hinter dem falschen Benutzerkonto unter Gedecks Namen steckte die Satirezeitschrift „Titanic“, die sich später auf ihrer Website ( www.titanic-magazin.de ) als Urheber der Informationen zu erkennen gab. „Wir dachten, wir tun ihr einen Gefallen damit“, sagte Chefredakteur Leo Fischer. Immerhin sei ihr dadurch die Aufmerksamkeit der Medien sicher. Gedeck fand die Fälschung allerdings alles andere als lustig. Über die Grünen ließ sie erklären: „Ich verwahre mich in aller Form gegen diesen Missbrauch meines Namens. Ich habe meinen Anwalt gebeten, rechtliche Schritte zu prüfen.“

Gedeck sollte nicht die einzige sein, in deren Namen falsche Informationen verbreitet worden. Auch unter dem Namen der Kandidatin der Linken, Lukrezia Jochimsen, wurde ein Twitter-Account aufgesetzt, der offenbar nicht von der früheren Jopurnalistin betrieben wird. In der Twitter-„Biografie“ auf www.twitter.com/lucjochimsen heißt es: „In letzter Zeit habe ich sehr viel Hohn und Spott über die Opfer der DDR-Diktatur ausgeschüttet und jetzt will ich Bundespräsidentin werden.“ Dahinter steckt Tobias Huch aus Mainz, der bei Facebook eine Gruppe mit dem Namen „Die DDR war ein Unrechtsstaat“ gegründet hat.

Wer hinter dem angeblichen Twitter-Zugang von Joachim Gauck steckt, blieb zunächst unklar. Doch die Fälschung war offensichtlich. So hieß es unter ww.twitter.com/joachimgauck : „Gerade in die Facebook-Gruppe Knödel for President eingetreten. Ein Knödel schafft es besser als jeder andere Deutschland zu repräsentieren.“ Und auch der Kommentar zur Wahl von Christian Wulff war einfach zu plump, um darauf hereinzufallen: „Herr Wulff ist damit zum sechsten Vorsitzenden des Staatsrats gewählt worden“, hieß es.

Eine parodistische Twitter-Seite für den Präidentschaftskandidaten der rechtsextremen NPD wurde während der laufenden Wahl angelegt: Das Bild zeigt Charlie Chaplin in einer Szene aus der Hitler-Parodie „Der große Diktator“. Einer von nur zwei Tweets, die bis zur Bekanntgabe des Ergebnisses des dritten Wahlgangs auf www.twitter.com/frankrennicke einliefen, lautet: „Verdammt heiß hier im Reichstag. Reichstag. Reichstag. Wie schön, daß man das wieder sagen kann.“

Nur im Namen des gewählten Kandidaten Christian Wulff blieb es still. Unter www.twitter.com/christianwulff war am Wahltag kein einziger Eintrag zu finden.