Treffen in Indien

Tibets junge Mönche wollen Kampf gegen China

Das Treffen der Exil-Tibeter in Indien legt einen Generationenkonflikt offen. Die Geister scheiden sich am Umgang mit Peking. Noch hat der Dalai Lama die Kontrolle. Er duldet nur friedlichen Widerstand. Doch jüngere Mönche sind das Warten auf ein Einlenken Chinas leid. Sie wollen die Autonomität ihres Landes erkämpfen.

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Der alte Mönch in der dunkelroten Kutte hält die Hitzköpfe zurück. Noch. Ohne den Dalai Lama und seinen unerschütterlichen Glauben an eine gewaltfreie Lösung wären die Tibeter womöglich längst zu einer zweiten Palästinenserbewegung oder IRA geworden. Sie hätten ihre verlorene Heimat vielleicht mit Bomben und Terror von den chinesischen Besatzern zurückgefordert. Doch ihr geistiges Oberhaupt hält sie an der Leine und beharrt seit fast 50 Jahren auf dem „mittleren Weg“: Kompromisse, friedlicher Dialog und stoisch sanftes Lächeln. Jetzt aber scheint der Friedensnobelpreisträger mit seinem Latein am Ende. „Mein Vertrauen in die chinesische Regierung schwindet“, hatte er kürzlich resigniert erklärt und offen wie nie zuvor ein mögliches Scheitern seiner Bemühungen zugegeben.

Jetzt sollen Jüngere entscheiden, wie es weitergehen kann. Der Dalai Lama rief im nordindischen Dharamsala zu einer Krisensitzung über den künftigen Kurs der Tibeter gegenüber China – die erste ihrer Art, seit die tibetische Regierung vor fast fünf Jahrzehnten über den Himalaja in die Freiheit floh.

Seine Heiligkeit selbst hält sich heraus, wartet auf die Ergebnisse, die ihm am Sonntag vorgelegt werden. Sechs Tage lang haben rund 600 Delegierte hinter verschlossenen Türen diskutiert.

Am Samstag enden die Gespräche, und eine Entscheidung wird fallen: weiter wie bisher oder Radikalisierung? Soll man die Chinesen mit „schlagkräftigeren“ Mitteln an den Verhandlungstisch nötigen? Soll man die Aufmerksamkeit und das Engagement der Welt mit Paukenschlägen erzwingen, statt wie bisher mit Sanftmut, einem charismatischen geistigen Führer und frommer Folklore um Sympathie zu buhlen?

Schon lange brodelt es unter den jungen Tibetern. „Wir müssen auf uns aufmerksam machen“, erklärte Karma Yeshi vom tibetischen Exilparlament schon vor Jahren. Doch solange seine Heiligkeit lebt, ist und bleibt er die höchste Instanz, dem sich alle beugen, auch unter Murren. Allerdings wächst die Kritik an seiner Strategie. Vor allem innerhalb der Jugendorganisation der Tibeter, dem Tibetischen Jugendkongress, wird dem 73-Jährigen vorgeworfen, seine Politik habe zu nichts geführt. Seit die tibetische Hauptstadt Lhasa vor acht Monaten von blutigen antichinesischen Unruhen erschüttert wurde, wachsen Wut und Entschlossenheit.

Radikalere unter den Exiltibetern fordern lautstark die komplette staatliche Unabhängigkeit. Der Dalai Lama hingegen hatte stets nur nach religiöser und kultureller Autonomie innerhalb der Grenzen Chinas gestrebt – weil er dies für realistischer hält. Peking hat jedoch auch hier nie einen Millimeter nachgegeben. China wird Tibet nie aus der Hand geben. Das riesige Hochplateau, größer als Gesamteuropa zusammen, ist viel zu wichtig für die Volksrepublik: Strategisch bildet es einen Puffer zwischen Indien und der ehemaligen Sowjetunion. Außerdem gibt es hier viele Ressourcen, die Peking sich nicht durch die Lappen gehen lassen möchte.

Beim Krisentreffen in Dharamsala tut sich offenbar eine tiefe Kluft auf zwischen den Generationen. Teilnehmer berichten, dass die jüngeren Führer aus der Exilgemeinschaft darauf drängen, einfach die Unabhängigkeit zu erklären, während ältere Delegierte sich für einen gemäßigteren Ansatz und für den Weg der Versöhnung mit Peking einsetzen.

Karma Yeshi ist einer der radikaleren Exiltibeter. Er war sich schon vor Jahren sicher, dass die Chinesen den tibetischen Wünschen von alleine keinen Deut entgegenkommen würden: „Wir wollen unser Tibet zurück!“, erklärte er im Gespräch mit Morgenpost Online entschieden, als er noch Vizepräsident des Tibetischen Jugendkongresses war, „die Freiheit kommt nicht wie der Regen auf uns herab“. Schon damals hatte Karma Yeshi zugegeben, er schrecke vor Gewalt nicht zurück, und er sei bereit, sein Leben für seine Heimat hinzugeben. Tsewang Rigzig, Präsident des Tibetischen Jugendkongresses, hatte im Vorfeld des Treffens ähnlich dramatische Worte gewählt: „Die Tibeter sind bereit, den Preis für die Konfrontation mit den Chinesen mit ihrem eigenen Blut zu bezahlen.“ In dieser Woche allerdings schränkte er seine Äußerung wieder ein wenig ein: „Man muss vernünftig bleiben.“

Der Großteil der Delegierten in Dharamsala, meinen Experten, wird sich wohl für eine Weiterführung der Dalai-Lama-Strategie aussprechen. Denn noch immer sind die Worte seiner Heiligkeit für die Tibeter Gesetz und Leitlinie. Allen, auch den militantesten unter den tibetischen Führern, ist klar, dass heute, am Ende des historischen Treffens, vor allem eines wichtig sein wird: Einigkeit. „Peking legt es darauf an, uns zu spalten“, erklärte Studentenführer Tenzin Choeying, „das dürfen wir nicht zulassen.“