Missbrauchs-Beauftragte

"Besseren Schutz gibt es nicht zum Nulltarif"

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Martin Lutz

Foto: dpa / dpa/DPA

Beratung, Aufklärung, Prävention – das sind für Christine Bergmann ihre Kernaufgaben als Beauftragte der Bundesregierung für sexuellen Missbrauch. Im Gespräch mit Morgenpost Online warnt die ehemalige Familienministerin vor Schweigekartellen und pocht auf mehr Mittel für Prävention und Opfer-Nachsorge.

Morgenpost Online: Frau Bergmann, Sie waren Bundesfamilienministerin unter Gerhard Schröder. Jetzt wurden Sie von der schwarz-gelben Bundesregierung als Beauftragte für sexuellen Missbrauch ernannt. Was prädestiniert Sie für dieses Amt?

Christine Bergmann: Das Thema sexuelle Ausbeutung, Gewalt und Missbrauch bewegt mich schon lange. Als Ministerin hatte ich hier auch einen Schwerpunkt gesetzt. Meine Nach-Nachfolgerin Kristina Schröder fragte mich, ob ich die Beauftragte werden will. Ich habe mich kurz mit meiner Familie beraten und dann sofort zugesagt.

Morgenpost Online: Um welche Missbrauchsfälle wollen Sie sich kümmern, und wie wird Opfern geholfen?

Bergmann: Wir sind Ansprechstelle für Betroffene. Zunächst per Post, Fax und E-Mail. Demnächst wird eine telefonische Hotline freigeschaltet. Hierfür wird ein kompetentes Team aus geschulten Fachkräften der Sozialpädagogik, der Psychologie und aus dem Rechtsbereich zur Verfügung stehen. Wir wollen zum einen zurückliegende Fälle aufarbeiten. Aber Missbrauch an Kindern und Jugendlichen findet auch heute und jetzt statt. Betroffene, Angehörige und Menschen, denen im beruflichen oder privaten Umfeld Missbrauch auffällt, können sich an uns wenden.

Morgenpost Online: Es gibt bereits einige sehr engagierte Beratungseinrichtungen für Opfer sexueller Gewalt. Warum ist zusätzlich eine unabhängige Regierungsbeauftragte erforderlich?

Bergmann: Wir sind eine zentrale unabhängige Anlaufstelle für Opfer sexuellen Missbrauchs. Häufig leiden Betroffene noch Jahrzehnte nach der Tat unter körperlichen und psychischen Symptomen. Einigen fällt es immer noch schwer, das Wort „sexueller Missbrauch“ überhaupt auszusprechen. Andere haben Vorbehalte, sich gegenüber kirchlichen oder öffentlichen Einrichtungen zu offenbaren.

Morgenpost Online: Was läuft bei den innerkirchlichen Aufklärungsversuchen falsch?

Bergmann: Für die Opfer ist es wichtig, dass kirchliche, aber auch andere betroffene Institutionen die Fälle offenlegen und aufarbeiten, auch wenn es wehtut. Das sollte schon aus Eigennutz geschehen, weil die Glaubwürdigkeit dieser Institutionen auf dem Spiel steht. Es müssen Strukturen erschaffen werden, damit Missbrauch in Zukunft erschwert wird. Ohnehin ist er nicht nur ein Phänomen der Kirche. Die Gefahr von Missbrauch besteht auch in anderen geschlossenen Systemen von Abhängigkeit von Kindern, nicht zu vergessen in Familien als kleinster Einheit.

Morgenpost Online: Wie hoch ist der Anteil der Missbrauchsfälle in Familien?

Bergmann: Bis zu 90 Prozent der Missbrauchsfälle passieren in der Familie oder im sozialen Umfeld der Betroffenen. Das Dunkelfeld ist auch hier enorm. Kindern fällt es verständlicherweise schwer, ihre eigenen Eltern anzuzeigen. Niemand will gern Nestbeschmutzer sein. Schuld und Scham sind in der Familie besonders groß.

Morgenpost Online: Wie kann man Kindern helfen, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen?

Bergmann: Es gibt nicht nur in Familien Schweigekartelle, die sich darum kümmern, dass nichts passiert. Auch Institutionen wie Schulen, Kitas und Sportvereine müssen sich mit dem Thema sexueller Missbrauch viel stärker auseinandersetzen als bisher. Wer mit Kindern arbeitet, muss aufmerksamer und sensibler sein. Bei der Fortbildung von Lehrern und Erziehern passiert zwar schon viel, aber das System muss ausgebaut werden.

Morgenpost Online: Laut Strafgesetzbuch besteht bisher keine Anzeigepflicht bei Verdacht auf erfolgten sexuellen Missbrauch. Müssen Institutionen dazu verpflichtet werden?

Bergmann: Das ist eine schwierige Frage, die im Moment von vielen Seiten kontrovers diskutiert wird. Die Frage ist zunächst, wie den Opfern am besten geholfen werden kann und inwieweit die Ausgestaltung einer Anzeigepflicht dazu beitragen kann.

Morgenpost Online: Muss es mehr Geld für Beratungsstellen, Programme und einen Entschädigungsfonds für Opfer geben?

Bergmann: Am Ende unserer Arbeit wird es auch ums Geld gehen. Ich werde Empfehlungen an die Bundesregierung abgeben, aber dazu ist jetzt noch zu früh. Besseren Schutz vor sexuellem Missbrauch gibt es nicht zum Nulltarif. Der Bund fördert bislang Modellprojekte nur kurzfristig. Den Ländern fehlen oft die Mittel, dies fortzuführen. Hier muss etwas getan werden. Darum wird es beim Runden Tisch gehen.

Morgenpost Online: Neue Missbrauchsfälle aus dem Jugendwerkhof Torgau, einer geschlossenen DDR-Jugendstrafanstalt, werden nun bekannt. Was geschah in den staatlichen Heimen?

Bergmann: Ich gehe davon aus, dass sich viele von diesen Jugendlichen auch bei uns melden werden. Hier wird ebenfalls noch einiges auf uns zukommen.