Ausgebremste Kandidatin

Warum Ursula von der Leyen schweigt

Bundesministerin von der Leyen war in den Schlagzeilen schon fast Bundespräsidentin. Doch dann wurde ein anderer für das höchste Amt im Staate nominiert. Wie geht es jetzt der Politikerin, die ausgebremst wurde?

Foto: REUTERS

Ursula von der Leyen berührt gern. Das ist nicht symbolisch gemeint, sondern ganz wörtlich: Sie fasst gern an, im Gespräch. Sanft, aber fest, am Arm, wenn sie denkt, dass Worte nicht ausreichen, ganz leicht am Rücken, wenn sie sagen will: hier entlang bitte. Das macht sie drei-, viermal und dann merkt sie, dass ihr Gegenüber es nicht mag, von Fremden angefasst zu werden. Sie fühlt: Das kommt nicht an. Und sie hört auf.

Es ist schnell klar, sie möchte an diesem Tag in Hannover die Kontrolle behalten. Die Ministerin hat einen Interviewmorgen hinter sich, gerade gehen zwei Herren vom "Focus" aus dem Raum im Gästehaus der Niedersächsischen Landesregierung und Ursula von der Leyen in einen anderen, da wartet noch jemand am Telefon. Die Regel, so erfährt man später: zwei Fragen zur Bundespräsidentenwahl, mehr nicht. Als sie fertig ist, will sie ein paar Schritte gehen, im Schatten vielleicht. Aber um 14 Uhr muss sie fertig sein, denn dann müssen die Kinder von der Schule abgeholt werden.

Ursula von der Leyen weiß genau, warum Journalisten sie in diesen Tagen treffen wollen. Jede Geste, jedes Wort könnte beweisen: Sie ist enttäuscht. Am 31. Mai trat Horst Köhler vom Amt des Bundespräsidenten zurück. Am 3. Juni schlug Angela Merkel Christian Wulff vor. Dazwischen gab es ein paar Tage, in denen alles unklar war. Ursula von der Leyen wurde als Nachfolgerin gehandelt, was eine kleine Sensation wäre - die erste Frau im höchsten Amt des Staates.

Sie dementierte nicht, sie lächelte

Dass das ein Amt sein könnte, das sie mal anprobieren möchte, das ihr möglicherweise sogar passt und gut steht, darüber wurde schon lange spekuliert. Ursula von der Leyen, Bundesministerin für Arbeit und Soziales, gab am 1. Juni eine Pressekonferenz zu den guten Arbeitsmarktzahlen im Mai. Journalisten fragten sie nach den Gerüchten. Sie dementierte nicht. Sie lächelte. Am Mittwoch ernannten sie viele Zeitungen zur Favoritin, obwohl sie vielleicht zu links ist für die CDU, obwohl ihr Weggang im Kabinett schwierig für die Koalition wäre.

Am Nachmittag rief der Regierungssprecher einige Journalisten an und warnte sie davor, sich in der Sache Ursula von der Leyen zu sicher zu sein. Angeblich wurde von der Leyen über den Kurswechsel nicht informiert. Auch Merkel rief nicht an. Am Ende war Christian Wulff der Kandidat Merkels. Auch ein Niedersachse, auch Hannover. Ursula von der Leyen hat nicht bekommen, was sie wollte.

Sie will heute nicht fotografiert werden. Aber sie weiß, dass das Bild, das Journalisten zeichnen, genauso erbarmungslos sein kann wie ein Foto. Und so hat sie sich zurückhaltend, aber korrekt geschminkt und jedes Haar an seinen Platz gelegt. Sie trägt einen hellgrauen Hosenanzug, ein hellblaues T-Shirt, schwarze Stiefeletten, der Absatz nicht zu hoch, nicht zu flach. Sie ist klein, das weiß man ja aus dem Fernsehen, irgendwas um die 1,60, und sehr schmal.

Beim Laufen unter den hohen Bäumen im benachbarten Wäldchen sieht sie eigentlich gar nicht mehr so klein aus, vielleicht auch, weil weit und breit keine großen Männer in dunklen Anzügen zu sehen sind. Sie hat einen geraden Rücken und den Kopf senkt sie nie, als gäbe es nichts, über das man stolpern könnte. Neben ihr läuft eine Frau aus dem Pressestab, die verbales Stolpern zusätzlich verhindern soll, was die Sache doch etwas holprig macht, denn drei sind immer einer zu viel. Auf Fragen nach der vergangenen Woche reagiert sie zunächst ausweichend, daher: "Sollen wir das Thema lieber lassen?", und ihre Antwort: "Ja, das wäre mir am liebsten. Sie hören von mir sowieso nur die Dinge, von denen Sie sagen werden: Das habe ich schon gelesen."

Sieben Kinder, Medizinerin, Familienministerin, Arbeitsministerin

Dass sie nichts sagen will, was man nicht schon lesen konnte, leuchtet ein. Erstens will man die anderen nicht verärgern, denn man braucht sie ja. Zweitens hat sie ein ganz spezielles und hart erarbeitetes Image zu verlieren: Sie ist ja die, der alles so leichtfällt. Sieben Kinder, Medizinerin, Familienministerin im Kabinett Merkel I, dann Arbeitsministerin im Kabinett Merkel II, pendelt zwischen Berlin und Hannover, hat aber durchaus Zeit, mit den Kindern Hausmusik zu machen. Pflegt den demenzkranken Vater im eigenen Haus. Und sagt in keinem Interview, dass ihr das manchmal zu viel ist.

Dafür sagen Journalisten über sie, dass sie anderen gerne mal die Show stehle, dass sie hoch hinauswolle. Nach Durchsicht all der Home-Storys, der Interviews, der Berichte, bleibt sie einem doch immer ein wenig fremd. Die anderen haben wenigstens einen Makel - Helmut Kohl fuhr manchmal zur Fastenkur, Angela Merkel kleidet sich mitunter nicht ganz stilsicher, Wulff ist geschieden, Stoiber verlor sich regelmäßig in endlosen Sätzen und so weiter. Aber wer mag schon das Perfekte?

Es ist ein sehr heißer Tag, doch Ursula von der Leyen schwitzt nicht. Wir plaudern zunächst scheinbar ziellos über ihr Leben, warum auch nicht, wenn das andere Thema erst mal tabu ist. Politisch ist trotzdem alles, auch weil Ursula von der Leyen es schafft, Persönliches politisch werden zu lassen. Sie war auf einer Ganztagsschule - und befürwortet sie heute. Sie wuchs in einer Großfamilie auf - und predigt Familienzusammenhalt. Ihre Mutter hatte, nachdem die Kinder das Haus verlassen hatten, keine rechte Aufgabe mehr - sie setzt sich für die berufstätige Frau ein.

Allein im brennenden Haus

Zwischendurch einige verstörende Sätze. Früher als Kind hatte sie oft den gleichen Traum: Das Haus der Familie brennt. Sie rettet einen nach dem anderen, die Geschwister, die Eltern. Und am Schluss sitzt sie allein in dem brennenden Haus.

Aus der Ferne hört man Kinderstimmen, gedämpft durch die Blätter. Es ist einer dieser Tage, an denen die ganze Welt klingt, als sei sie ein Freibad. Ursula von der Leyen wuchs in Brüssel auf und sie sagt, das sei eine unbeschwerte, eine schöne Kindheit gewesen, eine Kindheit am Waldrand. Die Politik kam früh in ihr Leben. Sie war 17 Jahre alt, als sie nicht mehr einfach nur die Ursula, das Kind war, sondern eine Tochter-von-du-weißt-schon-wem. Ihr Vater Ernst Albrecht wurde 1976 Ministerpräsident Niedersachsens. Albrecht war bekanntlich kein leiser Ministerpräsident, eher einer der hoch hinauswollte: 1980 verlor er das unionsinterne Rennen um die Kanzlerkandidatur gegen Franz Josef Strauß.

Von der Leyen sagt, dass sie immer ein wenig gezuckt habe, wenn die Frage kam: "Sag mal, irgendwie kommst du mir bekannt vor." Im Hinterkopf habe sie genau gewusst, was sich da abspielt, denn sie sehe ihrem Vater nun mal sehr ähnlich. "Wenn ich damals dann den Nachnamen sagte, dann kam das Starren: 'Sag mal, hast du was zu tun mit ...?'" Sie muss sich damals sehr beobachtet gefühlt haben.

Und unsicher. Sie begann, Volkswirtschaft zu studieren, wie der Vater einst, und sie sagt, das sei eine einsame Zeit gewesen, denn sie sei es nicht gewohnt gewesen, allein zu sein. Sie sagt: "Man muss dann eben zum Studentensport gehen und es aushalten, dass man da vier Mal alleine steht. Und beim fünften Mal kommt erst jemand, der sagt: Ich hab' dich hier schon mal gesehen. Wollen wir mal einen Tee trinken?"


"Bei keinem Menschen dieser Welt läuft es perfekt"

Sie brach das Studium ab. Studierte Medizin wie der Großvater. Bekam sieben Kinder, wie die Eltern. Wurde Politikerin wie der Vater. Sie erzählt das alles im gleichen Ton, wie man ihn aus dem Fernsehen kennt. Vertraulich. Nichts Schrilles, nichts Gekünsteltes. Es ist unmöglich, sie nicht nett zu finden. Doch ein bisschen ist es, als würde man mit ihr über ein fremdes Leben sprechen. Sie deutet an: Sie sei auch so stark, weil sie nie zurückblicke. Nur nach vorn.

Wir sind schon wieder halb auf dem Rückweg, die Zeit ist knapp. Entgegenkommende starren uns nicht an, die Hitze stumpft ab. Ich sage ihr, auch aus Verzweiflung, dass in unserem Themenplan stand "Porträt einer Gescheiterten", denn es sei ja wohl klar, dass sie gern Bundespräsidentin geworden wäre, dass viele das auch gern gesehen hätten und sie selbst sicher auch. Die Pressesprecherin sieht mich an, als sei ich verrückt.

Ich sage, dass bei jemandem, der so wenige Schwächen zugibt, nun mal jede Kleinigkeit als Scheitern interpretiert wird. Sie sagt: "Ich bespreche die Dinge, die mich bewegen, mit den Menschen, die mir nahestehen. Die wissen, wo mich jemand verletzt oder verlassen hat, aber das ist ein persönlicher Bereich. Im politischen Leben muss es weitergehen. Es geht nicht nur um mich. Man kann sich einmal schütteln, und dann geht es weiter. Am nächsten Tag wusste ich: In 24 Stunden hast du Haushaltsklausur. Da geht es richtig zur Sache. Und da musst du kämpfen. Du musst beim Thema Behinderte kämpfen. Du musst bei der Arbeitsmarktpolitik kämpfen. Du musst bei der Rente standhalten." Sie bleibt stehen: "Bei keinem Menschen dieser Welt läuft es perfekt, das weiß doch jeder. Aber ist es meine Aufgabe im Beruf, das in der Öffentlichkeit auszubreiten?"

"Aber vielleicht würden die Menschen es begrüßen, wenn Sie sagen würden: Ab und zu denke ich: Vielleicht schmeiße ich alles hin."

"Das sagen Sie als Politiker nur einmal. Es gibt in bestimmten Berufen Mechanismen, die sich verbieten. Ich kenne das aus Krankenhäusern. Wer sagt: Gut, in Ordnung, diese OP muss ich nicht machen, der ist schnell ganz weg vom OP-Plan."

Vielleicht hat sie recht. Man kann sich nur ungefähr vorstellen, was es wirklich bedeutet, einen Beruf wie ihren zu haben, sieben Kinder, zwischen zwei Städten zu pendeln. Sie sagt, dass sie an manchen Tagen gar nicht mehr erst die Zeitung liest, denn wenn man da den eigenen Namen lese, mit entsprechenden Adjektiven, dann gehe ihr das viel näher, als es nötig sei. Den Eigenschutz brauche man, damit man innerlich weitergehen kann. Ursula von der Leyen will um keinen Preis schwach sein, zumindest aber nicht schwach wirken.

Sie sagt, dass sie seit Jahren nachts nicht mehr träume und dass das vor allem mit Erschöpfung zu tun habe.

Vor dem Gästehaus wartet der Fahrer vor der großen Dienstlimousine. Es folgen ein paar Fragen, die sie ganz schnell beantworten soll. Wonach riecht Heimat (nach verschlafenen Kinderköpfen), auf einer Skala von 1 bis 10 - wie ehrgeizig sind Sie (7 oder 8), nach dem Tod enden alle Sorgen (richtig). Sie antwortet schnell, als sei ihr das alles ganz klar, ganz klar, wie sie ist, was sie denkt, als habe sie sich selbst sehr gut vermessen. Nur einmal zögert sie und sagt es dann doch, vielleicht weil der Tag auch schon so lang war.

"Wann haben Sie zuletzt geweint?"

Das, sagt die Ministerin, sei erst ein paar Tage her.

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