Bundespräsident

Joachim Gauck ist der richtige Kandidat

CDU und FDP haben nach dem Rücktritt Horst Köhlers alte Fehler wiederholt. SPD und Grüne haben den besseren Kandidaten für das Bundespräsidentenamt gefunden, meint Thomas Schmid.

Nun ist es heraus: Es wird keinen Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten geben, den die beiden großen politischen Lager gemeinsam unterstützen. Das Regierungslager geht mit Christian Wulff und die rot-grüne Opposition mit Joachim Gauck ins Rennen. Zwei respektable Kandidaten, und doch ein Elend.

Christian Wulff, der lange erfolglos gegen Gerhard Schröder um das Amt des Ministerpräsidenten gekämpft hatte, schaffte es am Ende doch und hat Niedersachsen ordentlich regiert. Er ist ein Mann des Maßes und bei den Bürgern seines Landes beliebt – die Mitte in Person. Joachim Gauck hat die DDR mit Anstand durchlebt, hat die Auseinandersetzung mit der Stasi zu einem öffentlichen Thema gemacht und ist einer, der gerade wegen seiner Erfahrung der Unfreiheit die Freiheit als etwas Einzigartiges zu schätzen weiß. Mit beiden Kandidaten ist Staat zu machen.

Doch das Verfahren, das zu diesen beiden Nominierungen geführt hat, ist blamabel. Vor nur vier Tagen geschah etwas in dieser Republik noch nie Dagewesenes: Der Bundespräsident trat abrupt zurück. Das war etwas Ungeheuerliches. Danach darf man – auch aus Achtung vor diesem höchsten Amt im Staate – nicht routiniert zur Tagesordnung übergehen.

Doch das ist geschehen. Das Regierungslager hat nicht den geringsten Versuch gemacht, die Nachfolgefrage einvernehmlich mit der demokratischen Opposition zu erörtern. Als sei das Amt des Bundespräsidenten ein Anhängsel der gerade aktuellen schwarz-gelben Gemengelage. Kein Gedanke wurde darauf verschwendet, dass es dem Vertrauen der Bürger zuträglich sein könnte, in einer für Deutschland nicht einfachen Lage einen Kandidaten zu finden, der nicht aus dem Küchenkabinett kommt.

Angela Merkel und Guido Westerwelle haben den Fehler wiederholt, den sie 2004 mit der Nominierung Horst Köhlers schon einmal begangen haben: den Bundespräsidenten nach Maßgabe ihrer aktuellen Interessen auszuwählen. Sie haben nicht bedacht, dass die Bürger nicht einfach nur das nun entstandene Präsidentenloch gefüllt sehen wollen. Sie wollen erleben, dass die Politik auf das Drama dieser Woche mit Ernst reagiert.

Da dies nicht geschehen ist, würde dem Bundespräsidenten Wulff der Makel anhaften, ein Notbehelf zu sein. Joachim Gauck dagegen ist ein guter Vorschlag der rot-grünen Opposition. Gut ist, dass Gauck nicht aus der rot-rot-grünen Küche kommt. Gut ist, dass sich mit ihm nicht nur Sozialdemokraten und Grüne, sondern auch christliche Demokraten und Konservative anfreunden können. Und gut ist auch, dass er wie kaum ein anderer im zwanzigsten Jahr der Einheit ein wirklich gesamtdeutscher Kandidat ist. Er weiß, was es heißt, alle zu repräsentieren: den Linken und den Rechten, den Reichen und den Armen, den Zuversichtlichen und den Besorgten. Er verkörpert – mit Charme und Würde – die Erfahrung der Freiheit. Es ist der Republik zu wünschen, dass er der zehnte Bundespräsident Deutschlands wird.