Massaker

Srebrenica-Überlebende kämpfen für ihr Recht

Vor zwölf Jahren erstürmten die Serben unter dem Kommando von General Mladic die UN-Schutzzone Srebrenica und verübten unvorstellbare Grausamkeiten. Bis zu 10.000 Teenager, Männer und Greise wurden ermordet.

Seit kurzem hat Srebrenica wieder ein Reisebüro. Amir Mehmedovic, der Betreiber, sitzt an seinem Schreibtisch. „Theoretisch kann ich alles organisieren. Eine Reise in die Türkei, nach Bulgarien oder sogar in den Iran“. Doch seine Kunden fragen eher nach einem günstigen Transport in die bosnisch-kroatische Föderation. Mit einem Minibus ausgestattet fährt Amir sie nach Tuzla, Sarajevo und Bihac. Die meisten Muslime in Srebrenica vertrauen noch immer nicht den serbischen Verkehrsmitteln. „Einen der Busfahrer kenne ich“, sagt Fahida Ahmetovic. „Vor dem Krieg war er ein Kollege meines Mannes in der Batteriefabrik. Später, als Soldat, erstach er vor meinen Augen das Baby meiner Nachbarin“.

Am 11. Juli 1995 erstürmten die Serben unter dem Kommando von General Ratko Mladic die UN-Schutzzone Srebrenica, eine muslimische Enklave im östlichen Teil der bosnischen Serbenrepublik. Fahida flüchtete mit rund 25.000 Muslimen ins sechs Kilometer entfernte Potocari, wo die holländischen Blauhelme ihr Hauptquartier hatten. Rund 5.000 Flüchtlinge liessen die Blauhelme herein, die restlichen 20.000 verbrachten zwei Tage und zwei Nächte vor den UN-Zäunen. Die Serben trennten derweil wehrfähige Männer, und als solche galten auch 13-jährige Jungen und Greise, von ihren Familien. Mädchen und Frauen wurden vergewaltigt, weinende Babies erschlagen, immer wieder fielen Schüsse. Die holländischen Blauhelme, zum Teil von den Serben entwaffnet und ihrer Uniformen beraubt, wurden zu stummen Zeugen von Kriegsverbrechen. Am 13. Juli 95 verfrachteten die Serben die Frauen und Kinder in Busse und fuhren sie ins Niemandsland zwischen den Fronten. Die Männer wurden in Gruppen abgeführt und erschossen. Und auch die Muslime, die sich in den Tagen zuvor durch die Wälder schlugen und den bosnisch-serbischen Soldaten in die Hände fielen, wurden systematisch exekutiert. Die Hinterbliebenen der Opfer von Srebrenica sprechen von 8.000 bis 10.000 ermordeten muslimischen Männern.

Viele Opfer wurden in Massengräbern verscharrt

Amir fuhr Fahida in den letzten Wochen öfters ins 75 Kilometer entfernte Tuzla. Zum forensischen Untersuchungsteam, das mit Hilfe von DNA-Analysen bislang 3.195 Opfer aus Srebrenica identifizieren konnte. Der Schädel von Fahidas Ehemann Ahmed wurde in einem der 5.000 Säcken mit sterblichen Überresten gefunden. Das machen rund weitere 1.000 Opfer, die es gilt in Tuzla zu identifizieren. Ihre Söhne Nedzad und Abdurahman konnte Fahida vor zwei Jahren auf dem Gedenkfriedhof von Potocari begraben. Beide waren noch keine 20 Jahre alt, als sie von Serben durch Kopfschüsse getötet wurden.

Man

fand sie in einem Massengrab, 10 Kilometer von dem UN-Hauptquartier der holländischen Blauhelme entfernt. „Ich finde erst Ruhe, wenn auch mein Mann begraben ist“, sagt Fahida unter Tränen. Doch für eine Beisetzung müssen neben dem Schädel noch weitere sterbliche Überreste von Ahmed gefunden werden. Um Spuren zu verwischen und die Identifizierung zu erschweren, hatten die Serben mit Bulldozern die Gräber mehrfach umgewälzt und umgebettet.

An diesem Mittwoch finden weitere 465 Beisetzungen auf dem Gedenkfriedhof von Potocari statt. Das jüngste Opfer, das begraben wird, Sadik Huseinovi¿, hatte nicht einmal seinen 13. Geburtstag erlebt. Das älteste Opfer, Meho Ahmetovic, war 77 Jahre alt, als Serben ihn exekutierten. Und auch eine Frau wird heute begraben: Kada Muratovic, die 75-jährig von Serben erschlagen wurde. Carla del Ponte, die Chefanklägerin des Haager Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien, die zum Ende des Jahres ihr Amt abgeben wird, kommt zur 12-jährigen Srebrenica Gedenkfeier. Zur 10-jährigen sagte sie ab, weil die Hauptverantwortlichen, der ehemalige Präsident der bosnischen Serben Radovan Karadzic und dessen Militärchef Ratko Mladic, noch immer nicht verhaftet waren. Zwei Jahre später sind sie weiterhin auf freiem Fuss. Karadzic soll sich in der bosnischen Serbenrepublik und Mladic in Serbien verstecken. Ihre Ehefrauen, Bosiljka Mladic in Belgrad und Ljiljana Zelen-Karadzic in Pale, meinen, sie seit Jahren nicht mehr gesehen zu haben. Eine intensive Bewachung der Familienmitglieder findet weder in der bosnischen Serbenrepublik noch in Serbien statt. Gerüchten zufolge, sollen die Söhne die Väter weiter finanziell unterstützen. Und von den Ehefrauen gäbe es immer noch die Lieblingstorte zum Geburtstag.

Schuld haben auch die Blauhelme und die UN

Fahida fordert nicht nur die verantwortlichen Serben vor Gericht, „auch die holländischen Blauhelme und die Vereinten Nationen sind Schuld am Massaker von Srebrenica“, sagt sie, und zeigt die 116 Seiten lange Anklageschrift gegen die Niederlande und die Uno. Eine Zivilklage, eingereicht Anfang Juni in Den Haag von zehn hinterbliebenen Frauen aus Srebrenica und der Stiftung „Mütter von Srebrenica“, die rund 6.000 Familienmitglieder der Opfer vertreten. Einer ihrer Anwälte, Axel Hagedorn, sagte in einem Deutsche Welle Radio-Interview: „Sowohl die UN als auch der niederländische Staat

sind ihren Verpflichtungen nicht nachgekommen. Sie hatten das Mandat, die Bevölkerung von Srebrenica zu beschützen. Sie haben aber weder die Beobachtungsposten verteidigt noch dafür gesorgt, dass die Hilfskonvois durchkamen. Ferner halfen sie den Serben bei der Deportation und versäumten die Gräueltaten von Potocari zu melden. Sie hätten Gewalt einsetzen können, mit dem ultimativen Mittel der Luftunterstützung“.


Die Klägerinnen wollen Anerkennung, dass etwas „falsch“ gelaufen ist, und dass die Niederlande und die Uno dafür haftbar sind. In zweiter Instanz geht es den Hinterbliebenen um Genugtuung, um eine finanzielle Kompensation. „Aber wie soll man mit Geld den Verlust von ein, zwei, zehn oder zwanzig Familienangehörigen bemessen?“, fragt Fahida. Die Klägerin Gurdic hat beispielsweise neben ihrem Mann und Sohn insgesamt 38 Verwandte verloren. Sie lebt derzeit von 126 Euro Sozialhilfe. Klägerin Subasic' Sohn Nermin wurde auf persönlichen Befehl von Ratko Mladic vom Blauhelm-Hauptquartier abgeführt. Bis heute ist er nicht gefunden worden. Ihr Ehemann Hilmo wurde am 13. Juli von niederländischen Soldaten an die Serben übergeben. 2004 fand man seine Überreste in einem Massengrab. Subasic verlor insgesamt 22 Familienangehörige. Sie bezieht 115 Euro Sozialhilfe. Die jüngste Klägerin war beim Fall der Enklave 13 Jahre alt. Ihr Vater flüchtete in die Wälder, man fand ihn später in einem Massengrab. Ihre Mutter wurde im UN-Hauptquartier der Blauhelme von Serben vergewaltigt, und ist ein Jahr später an den Folgen gestorben. Die heute 25-Jährige lebt von 115 Euro Sozialhilfe.

Amir Mehmedovic, der Reisebüroleiter, meint: „Die Frauen sollten in die Zukunft blicken. Ein wenig reisen, und das Leben wieder geniessen“. Doch den meissten fehlt das Geld dazu. In der Gemeinde Srebrenica liegt die Arbeitslosenquote inoffiziell bei 80 Prozent. Es fehlen Investitionsprogramme, die Privatisierung geht schleppend voran. Das erste iranische Kultur- und Erziehungszentrum findet bei den jungen Muslimen in Srebrenica Zuspruch. Sie surfen im Internet, die Mädchen stricken und nähen und der Imam lehrt ihnen den Koran. Die iranische Hilfsorganisation „Birds“ finanziert das Projekt.