Versöhnung

„Wir kämpfen hier nicht mehr gegeneinander"

Bosnier und Serben suchen in Srebrenica gemeinsam nach Wegen zur Normalität. Das „Haus des Vertrauens" soll eine Stätte der Versöhnung und gegenseitigen Hilfe sein.

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Wenn Melika Malesevic spricht, hören alle zu. Denn sie sagt, was in Srebrenica auch zwölf Jahre nach den Massakern des Bürgerkriegs nur selten laut ausgesprochen wird: „Die Tür von Srebrenica ist für alle Heimkehrer weit geöffnet, egal ob Bosnier oder Serbe. Wir kämpfen hier nicht mehr gegeneinander, wir kämpfen gemeinsam für ein besseres Leben.“

Melika ist Bosnierin und Muslimin. Viel wichtiger ist ihr aber: Sie ist Leiterin und Ideenstifterin des „Hauses des Vertrauens“ – „Kuca povjerenja“. Das Haus, eröffnet im Juni 2005 mit Mitteln der deutschen Bundesregierung und des Europäischen Flüchtlingsfonds, steht allen Menschen offen, soll eine Stätte der Versöhnung und gegenseitigen Hilfe sein. Melika glaubt nicht an ethnische Unterschiede. Was für sie zählt, ist der wirtschaftliche Aufschwung, auf den die Stadt so lange wartet. „Es fehlte hier an allem: kein Telefon, kein Schneider, keine Schule.“ Ihr Stellvertreter, Mladin Stepanovic, nickt zustimmend. Sie arbeiten zusammen, leben das Versöhnungsmodell vor: Mladin ist Serbe – und zugleich der Projektleiter Wirtschaft, ein harter Job. „Viele Rückkehrer haben nicht einmal einen Ofen, wissen auch nicht, wie sie die Kleider für ihre Kinder bezahlen sollen“, sagt er.

Hilfe kommt dann aus dem Haus der Versöhnung. Es gibt Zimmer für Rückkehrer, die bleiben können, bis ihre Angelegenheiten geordnet sind. Auch werden Existenzgründungsseminare angeboten, ein Mittagstisch für ältere und einsame Menschen, medizinische Versorgung und ein Hausmeisterservice, der alleinstehenden Frauen bei Reparaturen hilft.

Alleinstehende Frauen mit Kindern gibt es viele in Srebrenica. Manche haben ihren Ehemann im Krieg oder bei Massakern verloren. Manche sind aber auch in die Stadt gekommen, weil sie vergewaltigt, schwanger und dann von ihren Familien verstoßen wurden. „Wir haben viele Menschen hier, die nirgendwo anders mehr leben können“, sagt Melika. „Einige Frauen kommen ohne Beruhigungsmittel gar nicht durch den Tag.“ Melika selbst kam vor knapp drei Jahren nach Srebrenica. Über ihre persönlichen Kriegserlebnisse will sie nicht sprechen: „Ich weiß gar nicht mehr, woher ich komme.“ Im nächsten Augenblick drückt sie wieder den Rücken durch: „Wir helfen hier diesen gebrochenen Frauen, auch sie bekommen im Haus des Vertrauens Unterstützung.“ Genauso ihre Kinder.

Zum Jahrestag des Vetrauenshauses organisieren Melika und Mladin die Srebrenica-Tage. In diesem Jahr führten Kinder der Stadt dabei ein Theaterstück auf, Thema: Menschenrechte für Kinder. 2006 gab es eine Modenschau. Solche Veranstaltungen sollen Menschen miteinander ins Gespräch bringen, die seit dem Krieg verlernt haben, miteinander zu reden. „Die Leute kamen zur Modenschau, hatten sich ihre Sachen zum Teil selbst geschneidert, lachten“, strahlt Melika. „Da spielt es keine Rolle mehr, wer Bosnier und wer Serbe ist.“ Die Leute könnten an solchen Abenden ihre wirtschaftlichen Sorgen vergessen, die Traumata des Krieges überwinden.

Jeder, der den Krieg und die Massaker miterlebt hat, ist traumatisiert“, gibt Melika zu, aber sie will nach vorn schauen. „Die jungen Menschen sind entschlossen, in Srebrenica zu bleiben. Der Wille zum Neuanfang ist da. Und wenn es wirtschaftlich läuft, können die Menschen stolz auf ein gemeinsames Werk blicken“, glauben sie und Mladin. Damit das Vertrauen nach Srebrenica zurückkehrt, sei aber noch etwas anderes erforderlich: dass die Kriegsverbrecher von damals, Ratko Mladic und Radovan Karadzic, gefasst, vor Gericht gestellt und verurteilt werden. Nur dann könne wirklicher Frieden in Srebrenica einkehren.