Österreich

Tschetscheniens Präsident wohl an Mord beteiligt

| Lesedauer: 4 Minuten

Foto: REUTERS

Umar Israilow, ein Flüchtling aus Tschetschenien, wurde im Januar 2009 auf offener Straße in Wien erschossen. Österreichs Staatsanwaltschaft und Verfassungsschutz sind überzeugt, dass der tschetschenische Präsident Kadyrow in den Mord verwickelt ist. Jetzt könnte ein internationaler Haftbefehl folgen.

Der Mord geschah am helllichten Tag, in einem Wiener Vorstadtbezirk. Der tschetschenische Flüchtling Umar Israilow hatte in einem Supermarkt Joghurt, Eier und Gummibärchen für seine drei kleinen Kinder gekauft, bevor er entdeckte, dass ihm zwei Landsleute auflauerten. Als er flüchtete, zog einer der beiden Verfolger seine Pistole und schoss drei Mal auf den 27-Jährigen. Israilow brach blutend auf der Straße zusammen, die Täter entkamen in einem Volvo, den ein dritter Mann fuhr.

So hat die „New York Times“ die Geschehnisse vom 13. Januar 2009 rekonstruiert. Österreichische Verfassungsschützer haben nun jenen Mann als Drahtzieher für das Verbrechen identifiziert, den Menschenrechtler und tschetschenische Flüchtlinge von Anfang beschuldigt haben: den tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow.

Sein ehemaliger Leibwächter Israilow hatte Kadyrow nach seiner Flucht aus der russischen Teilrepublik in einer Beschwerde an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte beschuldigt, Morde und Entführungen in Auftrag gegeben und Regimegegner persönlich gefoltert zu haben. Kadyrow habe deshalb im Juni 2008 einem Agenten „einen definitiven Tötungsauftrag erteilt“, schreibt die Wiener Stadtzeitung „Falter“, der der vertrauliche Abschlussbericht des Wiener Landesamts für Verfassungsschutz vorliegt.

Die Wiener Staatsanwaltschaft, die auf Basis des Berichts an den Anklagen im Fall Israilow arbeitet, bestätigte Kadyrows Verwicklung in den Fall. Die Verfassungsschützer gingen allerdings davon aus, dass er die Entführung Israilows in Auftrag gegeben habe, sagte Gerhard Jarosch, Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Kadyrows Mann für die "Drecksarbeit"

Zum Mord sei es erst nach deren Scheitern gekommen. Der Tatbestand des Mordes mit bedingtem Vorsatz sei aber verwirklicht, heiße es in dem vertraulichen 214 Seiten langen Dokument. Die Staatsanwaltschaft prüft derzeit noch, ob sie auch gegen den tschetschenischen Präsidenten Anklage erhebt. Das könnte zu einem internationalen Haftbefehl führen, Kadyrow genießt keine Immunität.

Der Staatsanwaltschaft zufolge führen mehrere Spuren im Fall Israilow zu Kadyrow. Der Tschetschene Artur K. habe ausgesagt, er habe aus dem nahen Umfeld des Präsidenten den Auftrag erhalten, Israilow zurückzubringen. Weiter gebe es ein Foto, auf dem Kadyrow den mutmaßlichen Organisator des Mordes, einen derzeit in U-Haft sitzenden Mann mit dem eingedeutschten Namen Otto K., umarme, sowie mehrere Belege dafür, dass sowohl Otto K. als auch der flüchtige mutmaßliche Todesschütze Kontakt zu dem Kadyrow-Vertrauten Schaa Turlajew gehabt hätten. Laut „New York Times“ gilt der einbeinige Ex-Rebell Turlajew als Kadyrows Mann für die „Drecksarbeit“.

Israilow bat vergeblich um Personenschutz

In Moskau begann am Mittwoch ein Prozess gegen Turlajew und einen weiteren Tschetschenen namens Chawasch Jussupow. Turlajew soll bei Jussupow für drei Millionen Dollar den Mord an dem Ex-Kommandeur Issa Jamadajew in Auftrag gegeben haben. Zwischen dem Präsidenten und der Jamadajew-Familie herrscht seit Jahren eine Fehde, der bereits zwei Brüder Issas zum Opfer gefallen sind. Issa, der das Attentat überlebte, beschuldigt Präsident Kadyrow, hinter der Aktion zu stecken. In einem Verhörprotokoll soll Jussupow gesagt haben, der Präsident habe ihn zu dem Anschlag gezwungen.

Laut Wiener Staatsanwaltschaft beschränken sich die Vorwürfe der österreichischen Verfassungsschützer gegen Kadyrow nicht auf die Tötung eines Kritikers. Der tschetschenische Präsident habe in Europa einen „militärischen Nachrichtendienst“ errichtet, zitiert der „Falter“ aus dem Bericht. Ziel der „Kommandotruppe Österreich“ sei es gewesen, „Informationen über in Österreich ansässige Asylwerber zu erlangen“, um diese notfalls zu entführen oder „zu liquidieren“. Es klingt ähnlich wie das, was Umar Israilow der Polizei Ende 2008 erzählte, als er um Personenschutz bat. Vergeblich.

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos

Beschreibung anzeigen