Birthler-Behörde

Kurras entpuppt sich als Stasi-Spitzel im Akkord

Neue Akten im Fall Karl-Heinz Kurras zeichnen ein ganz anderes Bild des West-Berliner Polizisten. Bisher wurde er als tumber Waffennarr dargestellt. Doch bis zu 40 Mal pro Jahr traf sich der Spion mit der Stasi und verriet dabei eifrig intimste Geheimnisse.

Die Birthler-Behörde hat am Donnserstag einen weiteren Teil der IM-Akte von Karl-Heinz Kurras freigeben. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) hatte zu dem West-Berliner Polizisten, der seit 1955 unter dem Decknamen „Otto Bohl“ für die DDR spioniert und am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschossen hatte, insgesamt 17 Bände angelegt. Das jetzt neu verfügbare Material, 743 Blatt, stammt aus den ersten fünf Bänden.

Obwohl die Papiere vornehmlich die frühe Phase der Agententätigkeit betreffen, bergen sie Überraschungen. So war bisher nicht bekannt, dass Kurras als Häftling im Speziallager Sachsenhausen ein Helfershelfer der Sowjets war. In einem handgeschriebenen Lebenslauf für die Stasi stellte er fest, warum es ihm dort vergleichsweise gut gegangen war: „Ich wurde beim Lagerkommandanten als Helfer für persönliche Dienste bis zu meiner Entlassung verwendet.“

Während in Sachsenhausen nach dem Zweiten Weltkrieg jeder fünfte der insgesamt 60.000 Insassen an den elenden Haftbedingungen zugrunde ging, konnte sich Kurras laut eigenen Angaben gegenüber der Stasi „nicht beschweren“. Im Prozess wegen der Erschießung Ohnesorgs hatte er sich dagegen zum Opfer kommunistischer Willkür stilisiert: „Ich war im KZ.“ Laut seiner damaligen Mitleid heischenden Darstellung saß er wegen antisowjetischer Propaganda – in Wirklichkeit wegen unerlaubten Waffenbesitzes.

Erstmals wird auch sein Motiv klar, sich der Stasi anzudienen: Im Frühjahr 1955 hatte ein Polizistenkollege gemeldet, dass Kurras mit der KPD sympathisiere. Daraufhin fuhr dieser nach Ost-Berlin zum ZK-Gebäude und verlangte an der Pforte, mit einem Vertreter der Staatssicherheit zu sprechen. Er wolle in den Osten übersiedeln.

Der Stasi-Mann überzeugte Kurras, lieber im Westen als „Geheimer Mitarbeiter“ (GM) an der „heimlichen Front“ gegen den „Imperialismus“ zu „kämpfen“. Am 26. April 1955 verpflichtete er sich eigenhändig als Spion.

Nur drei Tage später lieferte Kurras seinen ersten schriftlichen Bericht ab – und verriet dabei schon Namen von Kollegen und andere Interna. Die Stasi-Offiziere glaubten noch nicht an ihr Glück und überprüften, ob Kurras ein von West-Berlin aus gelenkter Doppelagent sein könnte. Das bestätigte sich nicht – der Spion galt fortan als „vertrauenswürdig“.

Erstaunlich an dem jetzt verfügbaren Material ist, mit welcher Intensität und Akribie Kurras seinen Auftrag ausführte. Obwohl er als einfacher Schutzpolizist keine herausgehobene Position hatte, gab er im Akkord Dienstgeheimnisse preis.

Im Jahr 1956 fand beinahe jede Woche ein konspiratives Treffen in Ost-Berlin statt – insgesamt 40 Treffen. Fast immer lag der Treffpunkt in kleinen Parkanlagen direkt östlich der damals noch offenen Sektorengrenze durch Berlin. Kurras wurde dann per Auto in eine „konspirative Wohnung“ (KW) gebracht, wo er Berichte verfasste.

Mitunter brachte Kurras auch Verschlusssachen mit, die sofort kopiert werden mussten – eigens dafür wurde etwa beim konspirativen Treffen am 7. Juni 1956 ein zusätzliches Auto bereitgehalten: „Der GM erschien pünktlich wie vereinbart mit den zum Fotokopieren vorgesehenen Unterlagen. Er blieb bis zur Erledigung die dieser Aufgabe in der KW und schrieb den Bericht. Sämtliche fotokopierten Unterlagen wurden dem GM zwecks Rückgabe wieder ausgehändigt.“

Selbst in politisch hochbrisante Vorgänge war Kurras verwickelt – etwa im Zusammenhang mit der Verschleppung von Robert Bialek. Nur sechs Tage, nachdem der Ulbricht-Gegner und abtrünnige Kommunist von einem Stasi-Kommando betäubt und von West- nach Ost-Berlin verschleppt worden war, unterrichtete Kurras seinen Führungsoffizier über die laufenden Ermittlungen der Kripo.

Von solchen Einblicken profitierte die DDR operativ und publizistisch. Das Schicksal des Entführten ist bis heute nicht völlig geklärt. Wahrscheinlich ist, dass er noch am selben Abend im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen starb.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass Kurras, der regelmäßig konspirativ für die Stasi im West-Berliner Melderegister und der Autohalter-Kartei recherchierte, Verbrechen wie die Bialek-Entführung mit ermöglichte. Sogar während eines Aufenthaltes in Rheinland-Pfalz konnte er das Spitzeln nicht sein lassen und berichtete über die Resonanz auf eine KPD-Veranstaltung.

Nicht einmal intime Angelegenheiten verschwieg der Spion seinen Auftraggebern. Als sich seine Freundin von ihm getrennt hatte, legte er dem Führungsoffizier ihren Abschiedsbrief vor. Dieser notierte, Kurras werde sich „eine andere Wohnstelle suchen und unser Verhältnis bleibt unberührt.“ Der Verlassene „scheint die Enttäuschung schon überwunden zu haben.“

In den Tagen seit seiner Entlarvung wurde Karl-Heinz Kurras oft einseitig als tumber Waffennarr dargestellt. Diese Charakterisierung, auch das zeigt das jetzt vorlegten Material hervor, wird der Spitzenquelle der Stasi kaum gerecht. Weitere Stasi-Papiere sollen in den kommenden Wochen freigegeben werden.

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