Kommentar

Die Grünen – heimliche Reserve des Liberalismus

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Foto: AP/AP

Schaut man auf ihre öffentlichen Äußerungen, scheinen sich Grüne und Liberale spinnefeind. Die Grünen schielen auf das linke Lager, die FDP beschwört die Konzentration auf Bürgerliche. Dabei haben die Parteien viel mehr Schnittmengen, als sie selbst wahrhaben wollen.

Demoskopen meinen es gut mit der FDP. Spätestens seit den Hessenwahlen gibt es einen Bullenmarkt, wenn es um die Einschätzung der Liberalen bei den nächsten Bundestagswahlen geht. Der Partei gelang es, zu einer Art Auffanglager jener bürgerlichen Wähler zu werden, die sich vom sozialdemokratischen Schmusekurs der Union in der großen Koalition provoziert fühlten. Knapp zwei Drittel der augenblicklichen FDP-Unterstützer sollen aus dem Reservoir der Union stammen. Dagegen wäre nichts einzuwenden, hätte Parteichef Guido Westerwelle nicht letzte Woche in dieser Zeitung den Start eines Lagerwahlkampfs angekündigt.

Denn egal, wie verlässlich, prinzipientreu und staatsmännisch die Liberalen ihrer ordnungspolitischen Vernunft folgen, so unzweifelhaft bleibt doch, dass dieses sogenannte bürgerliche Lager nicht größer wird. Dabei ist es längst größer. Die „Partei der Besserverdiener“ heißen seit 2004 die Grünen. Bei den Europawahlen waren sie bei den Selbstständigen die zweitstärkste Partei.

In den bürgerlichen Vierteln der Großstädte verhilft die Vorliebe der Bewohner für Biomärkte und schwedische Diesel-SUVs den Grünen zu 20-plus-x-Ergebnissen. Seit letzter Woche gibt es im erzbürgerlichen Bad Homburg einen grünen Bürgermeister.

Vor diesem Hintergrund muss, wer „bürgerlich“ als Prädikat versteht, die Grünen stets mitdenken, auch wenn deren Funktionärsschicht immer noch revolutionären Phantomschmerz verspürt und – hyperbürgerlich – an ihren alten Träumen festhalten will, die sich in ihrem behaglichen Leben längst absurd ausmachen. Deshalb ist das regressiv linke Wahlprogramm der Grünen Ausdruck einer politischen Midlife-Crisis. Es sollte der letzte Fluchtversuch vor den eigenen Interessen sein, bevor die Grünen bei sich ankommen: als Partei eines moralisch fundierten Hedonismus.

Politisch bietet das Programm der vermeintlich Alternativen eine große Chance – für die FDP. Die Steuerforderungen der Grünen treffen ihre eigenen Wähler am härtesten – hier liegen Angriffspunkte für die FDP, die sie im Augenblick aber weder nutzt noch zu sehen scheint.

Sowohl programmatisch als auch personell machen die Liberalen nur verhaltene Angebote an jene grünen Wähler, die vor allem aus kulturellen und nostalgischen Gründen einer einst rebellischen Partei die Stimme leihen, die seit dem Abgang von Joschka Fischer jede rhetorische und intellektuelle Sogwirkung einbüßte.

Figuren wie der niedersächsische Umweltminister Hans-Heinrich Sander, der auf alternative Energien als Wachstumsmotor setzt, sind dabei ebenso vorzeigbar wie der Chef der Julis, Johannes Vogel, der bei den Grünen seine ersten politischen Erfahrungen sammelte.

Jener moderne, innovative Teil grüner Umweltpolitik verträgt sich gut mit einer Vision von Deutschland, wie sie die Liberalen entwerfen: wissensgetrieben, entbürokratisiert, mittelständisch. Lebensweltlich sind die Milieus nicht nur in den Städten bis zur Ununterscheidbarkeit zusammengerückt.

Würde es am Ende für eine Reform-Mehrheit von Union und FDP reichen, könnten die Liberalen als Herolde einer wegweisenden Umweltpolitik ihr grünes Profil schärfen und mit der überraschenden Besetzung eines gelben Umweltministers den Realo-Flügel der Grünwähler zurück zu ihren bürgerlichen Wurzeln führen. Im Falle einer Ampel bedeuten die grünen Stimmen für die Gelben die Stärkung jener ökonomischen Vernunft, welche die beiden gesinnungsethischen Fraktionen dann an die Liberalen delegieren könnten.

Selbst im Falle einer Fortsetzung der lahmen großen Koalition wäre das Aufeinanderzugehen von FDP und Grünen die Chance, in Deutschland einen liberalen Block zu formieren, den dieses Land nötiger bräuchte als alles andere. Die Anfänge der Grünen umgaben eine muntere Staatsskepsis und ein kreativer Nonkonformismus. Die Partei war mutig. Daran sollte sie sich erinnern, anstatt einem drögen Sozialreaktionär wie Oskar Lafontaine nachzueifern.

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