Renate Krawielicki

IM "Jenny" – ARD-Moderatorin unter Stasi-Verdacht

2009 ist für Renate Krawielicki mit besonderen Erinnerungen verbunden. Vor 20 Jahren war die heutige WDR-Redakteurin Sprecherin der "Aktuellen Kamera" und damit eine "Bildschirmpersönlichkeit" des SED-Staates. Ein Aktenfund in der Birthler-Behörde belastet jetzt die ehemalige Nachrichtensprecherin.

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Im Auftrag des SED-Staates teilte Renate Krawielicki den DDR-Bürgern am 21.September 1989 mit, die Oppositionsbewegung „Neues Forum“ sei eine „staatsfeindliche Plattform“. Am 18.Oktober verkündete sie eine Nachricht von Weltrang: „Egon Krenz ist neuer Generalsekretär des Zentralkomitees der SED.“

Über ihre Erlebnisse beim DDR-Fernsehen könnte Krawielicki einiges erzählen. Doch anders als ihre prominentere Kollegin Angelika Unterlauf („Die Aktuelle Kamera stabilisierte die DDR. Daran mitgewirkt zu haben ist die Schuld, an der ich trage“) ist die Journalistin eher wortkarg, wenn es um ihre einstige Rolle als Sprecherin geht. Ein Grund dafür könnte in einer Akte liegen, die jetzt in der Birthler-Behörde gefunden worden ist.

Die Dokumente begründen einen schweren Verdacht: Im September 1978 hat sich Krawielicki, die damals Dabrowski hieß, handschriftlich verpflichtet, auf „freiwilliger Basis“ für die Stasi zu spitzeln und „strengstes Stillschweigen“ zu bewahren. „Für die Zusammenarbeit wähle ich mir den Decknamen ‚Jenny'“, heißt es in einer handschriftlichen Erklärung. Im April 1985 wurde die Inoffizielle Mitarbeiterin laut Akte mangels Verwendungsmöglichkeit ausgemustert. Die Stasi notierte: „Der IM ist jedoch nach wie vor bereit, mit unserem Organ zusammenzuarbeiten. Es kann eingeschätzt werden, dass der IM ,Jenny' dem MfS gegenüber stets ehrlich und aufgeschlossen auftrat.“


Für die ARD sind die in der Birthler-Behörde entdeckten Dokumente ein Menetekel. Krawielicki hat nach dem Untergang der DDR gleich für mehrere öffentlich-rechtliche Anstalten gearbeitet, unter anderem als Moderatorin. Doch die IM-Akte wurde nicht publik.


Daran änderte sich nichts, als der Forschungsverbund SED-Staat der FU Berlin im ARD-Auftrag den Einfluss von Mielkes Ministerium auf den Rundfunk in beiden deutschen Staaten erforschte. Nicht zuletzt dank dieser Studie hofften die Intendanten, sie hätten endlich Ruhe vor Stasi-Enthüllungen in den eigenen Reihen. Das war wohl ein Irrtum, wie der Fall von IM „Jenny“ nahelegt. Dabei währte deren mutmaßliche Spitzelkarriere, die kurz vor dem Beginn als Nachrichtensprecherin der „Aktuellen Kamera“ endete, mehr als sechs Jahre.


Krawielicki wurde 1959 in Polen geboren, besuchte später die Arbeiter-und-Bauern-Fakultät „Walter Ulbricht“ in Halle an der Saale und studierte ab 1978 an der Universität Poznán. Das machte sie für die Stasi interessant, IM „Jenny“ kümmerte sich um die „Absicherung der DDR-Studentendelegation“. Ihr wurde laut Akte der Name und die Telefonnummer eines MfS-Manns in Polen mitgeteilt sowie ein Losungswort übermittelt: „Guten Tag, ich habe Ihnen was von Manfred mitgebracht, wann könnten Sie es abholen?“

IM „Jenny“ lieferte handschriftliche Berichte. Sie geben Auskunft über eine Kommilitonin, die angeblich Geld gestohlen hatte. IM „Jenny“ beschwerte sich über polnische Studenten, die „negative (manchmal sogar reaktionäre) Äußerungen“ zur UdSSR und DDR von sich gegeben hatten.

Als die unabhängige Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc in der Nachbarrepublik immer mehr an Einfluss gewann, holte die DDR ihre Studenten zurück. Das neue Wirkungsfeld von IM „Jenny“ war laut Akte die Ostberliner Humboldt-Universität, wo sie nach ihrem Abschluss eine bis 1986 befristete Stelle als Assistentin erhalten haben soll. Neben der Arbeit an ihrer Dissertation über polnische Literatur im 18.Jahrhundert berichtete sie ausweislich des Birthler-Materials an die Stasi über polnische Schriftsteller.

Im WDR betreut Krawielicki im Programmbereich Kultur und Wissenschaft die „Servicezeit Familie“ und plant dort seit einigen Wochen auch Sendungen. Kollegen sind über die erst spät entdeckte IM-Akte „Jenny“ entsetzt: „Warum hat bei der Anstellung keiner nachgefragt? Viele Mitarbeiter, die sie lange und intensiv kennen, fühlen sich jetzt bestimmt betrogen“, sagt einer. Krawielicki stand für eine Stellungnahme nicht zur Verfügung. Der WDR teilte mit, für eine Reaktion auf die Berichte brauche man „mehr Zeit zur Prüfung“.