Lage im Kaukasus

"Die Herrschenden sind an Morden beteiligt"

| Lesedauer: 6 Minuten

Foto: dpa

Wer steckt hinter den Morden an Journalisten und Menschenrechtlern in Tschetschenien? Die Bürgerrechtlerin Ljudmila Alexejewa ist von einer Beteiligung der Mächtigen überzeugt. Auf Morgenpost Online erklärt sie, warum die Lage in der Region so verfahren ist und wie eine ganze Generation der Gewalt verfallen konnte.

Die jüngsten Morde an den beiden tschetschenischen Frauen Natascha Estemirowa und Sarema Sadulajewa haben eine neue Welle der Gewalt in den russischen Nordkaukasus-Republiken ausgelöst. Seit diesen Verbrechen häufen sich Morde und Entführungen in Tschetschenien, Inguschetien und in Dagestan. Die Bürgerrechtlerin Ljudmila Alexejewa, Leiterin der Moskauer Helsinki-Gruppe und Kennerin des Nordkaukasus, glaubt nicht, dass die Rebellen im Untergrund dafür verantwortlich sind.

Morgenpost Online: Wo sehen Sie die Drahtzieher für Morde und Gewalt?

Ljudmila Alexejewa: Man kann nur vermuten, wer dahinter steht, denn ernsthafte Ermittlungen gab es nicht, weil die Machthaber versuchen, von den tatsächlichen Tätern abzulenken. Das lässt allerdings den Schluss zu, dass die Herrschenden in irgendeiner Form daran beteiligt sind. Die Kämpfer und Banditen im Untergrund sind es eindeutig nicht.

Morgenpost Online: In Moskau wird behauptet, dass westliche Geheimdienste ihre Hand im Spiel haben, um die russische Staatsmacht im Nordkaukasus anzuschwärzen und Russland zu zerstören.

Alexejewa: Das ist eine dermaßen idiotische Vorstellung, dass ich sie gar nicht erörtern möchte. Daran glauben ja nicht einmal diejenigen, die so etwas in die Welt gesetzt haben. Leider sind in unserem Land mittlere und hohe Etagen der Macht – ich sage nicht alle – mit dem Verbrechen verbunden.

Morgenpost Online: Wie ist es Ihrer Meinung nach zu der anscheinend ausweglosen Lage in den russischen Kaukasusrepubliken gekommen?

Alexejewa: Das ist die Folge der Entscheidung, in Tschetschenien Krieg zu führen. In den 15 Jahre Krieg in der kleinen Republik ist eine ganze Generation herangewachsen, die nicht schreiben und lesen kann, dafür aber ausgezeichnet zu schießen und Minen zu legen versteht. Das hat sich von Tschetschenien aus auf Inguschetien, Dagestan und Kabardino-Balkarien ausgedehnt und es wird noch weiter gehen.

Morgenpost Online: Aber warum bekommen die Behörden die Situation nicht in den Griff?

Alexejewa: Die Führungen, die in allen Republiken des Nordkaukasus eingesetzt wurden, reagieren mit Unterdrückung und Einschüchterung. Die Angehörigen des Inlandsgeheimdienstes FSB, der Miliz, der Staatsanwaltschaft sind durch die Jahre des Krieges, den die meisten von ihnen mitgemacht haben, psychisch gestört. Sie müssten eigentlich psychologisch betreut werden. Sie kennen nur das Mittel der Gewalt, dazu brauchen sie nicht einmal einen Befehl.

Morgenpost Online: Örtliche „Eigeninitiativen“ also?

Alexejewa: Nein, denn es ist offenkundig - die Führung hat die Aufgabe gestellt zu unterdrücken. In Tschetschenien trauen sich die Menschen wie zu Stalins Zeiten nicht, ihre Meinung offen zu auszusprechen. Auch wenn dort jetzt weniger getötet wird – das Regime von Ramsan Kadyrow ist kein friedliches, sondern ein Regime der Unterdrückung. Kadyrows Verhalten erinnert an die „starke Hand“ Stalins.

Morgenpost Online: An eine baldige „Befriedung“ der Region glauben Sie also nicht?

Alexejewa: Im Nordkaukasus werden heute Methoden angewendet, wie sie im 19. und 20. Jahrhundert benutzt wurden. Und das wird übel enden. Die Unzufriedenheit ist groß, sie bildet den Nährboden für jene, die zum Widerstand bereit sind. Praktisch findet in dieser oder jener Form in allen Republiken des Nordkaukasus ein Bürgerkrieg zwischen den Machthabern und der Bevölkerung statt.

Morgenpost Online: Wie kann die Spirale der Gewalt gestoppt werden?

Alexejewa: Diesen Mechanismus der Gewalt zu starten, ist einfacher, als ihn zu stoppen. Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, was man unternehmen muss, um ihn unverzüglich anzuhalten. Das ginge auch nur, wenn die da oben den politischen Willen hätten, was ich bisher nicht sehe. Sie verstehen nicht, dass Verhandlungen mit den Menschen, ein menschliches Verhalten gegenüber den Leuten, die Einhaltung der Gesetze seitens der Machthaber die einzige Politik ist, die ein tragbares Resultat hervorbringt, auch wenn das mühsam und langwierig ist.

Morgenpost Online: Besteht eine Gefahr für die Einheit Russlands?

Alexejewa: Natürlich. Und die da oben begreifen das auch. Aber sie kennen keine andere Mittel als zu unterdrücken und einzuschüchtern.

Morgenpost Online: Gibt es im Nordkaukasus „Todesschwadronen“? Bürgerrechtler in Grosny sprechen zumindest von einer nicht näher benannten „dritten Kraft“.

Alexejewa: Ich benutze diesen Ausdruck „Todesschwadron“ nicht. Er suggeriert die Existenz von speziell gebildeten militärischen Einheiten. Ich glaube nicht, dass das so ist. Ich halte den Begriff eher für eine Allegorie.

Morgenpost Online: Aber wer mordet dann?

Alexejewa: Banditen töten, um sich zu bereichern. Aber bei den Morden an Estemirowa, dem Anwalt Markelow oder der Journalistin Politkowskaja ist die Sachlage komplizierter. Klar ist – es gab nichts zu Rauben. Die unmittelbar Ausführenden waren Leute, die in den beiden Kriegen jedes menschliche Gefühl verloren haben, denen das menschliche Leben nichts zählt.

Morgenpost Online: Aber sie führten Aufträge aus?

Alexejewa: Sie handelten im Auftrag. Sie persönlich hatten nichts gegen ihre Opfer, während ihre Auftraggeber sich die Hände nicht mit den Morden beschmutzten. Das sind die Hauptschuldigen.

Morgenpost Online: Wo muss man sie suchen?

Alexejewa: Die Mordopfer haben Leute kritisiert, die sehr hohe Positionen innehaben. Deshalb ist die Annahme völlig natürlich, dass sie die Initiatoren der Morde sind. In welcher Form das geschah, weiß ich nicht. Ich verkehre nicht in diesen Kreisen, wir sind durch eine undurchdringliche Mauer getrennt.

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