Israel-Reise

Der Papst hat keine Chance und nutzt sie bestens

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Paul Badde

Es war ein Besuch in einer Stadt voller Heiligkeit. Felsendom, Klagemauer, Tempelberg – Jerusalem ist voll von Symbolik. Der Papst, dem wegen seiner Israel-Reise so viel Skepsis begegnete, lief hier zur Höchstform auf. Einer seiner Gastgeber aber leistete sich einen rhetorischen Ausfall.

As-salámu aláikum! Der arabische Gruß, auf den im Morgenland viele schon lange gewartet hatten, hatte sich der Papst für den Besuch beim Großmufti im Felsendom aufbewahrt. Benedikt XVI. erfüllt keine Erwartungen (und sei der Druck auch noch so stark im Feuerofen dieser Pilgerreise), er übertrifft sie aber immer wieder.

Die Sonne spiegelte sich im Gold der Kuppel. Der Papst zog die Schuhe aus. Selbst in den Straßen Jerusalems bewegen Pilger sich oft wie in einer Kirche. Doch wenn es in der Stadt wirklich heiligen Boden gibt – wie in der Wüste vor dem brennenden Dornbusch, wo Gott selbst Moses gebot, die Sandalen abzustreifen - dann ist es hier.

Der Grund des Felsendoms ist dreimal heilig, für Juden, Muslime und Christen und deshalb potenziert konfliktanfällig. Scheich Faisier Al-Tamimi, der die Schlüsselgewalt für das Heiligtum hat, hatte am Abend zuvor ein päpstliches Treffen für den interreligiösen Dialog für einen rhetorischen Handstreich benutzt, in dem er dem Staat Israel „Morde an den Kindern Gazas“, „Angriffe auf Moscheen“ und die „Zerstörung palästinensischer Häuser“ vorwarf.

Minuten nach dem Besuch im Felsendom stand der Papst an der Klagemauer, am Fuß des Tempelbergs, den der Felsendom krönt. Er stand dort zusammen mit den religiösen Autoritäten des Staates Israel.

Es war heiß geworden. Die Stunde ein heller Gegensatz zum Abend zuvor mit seiner dunklen Liturgie der Erinnerung an das Massaker, dem der Staat Israel seine Gründung verdankt. Eine Taube hatte sich in einem Kapernbusch der riesigen Wand über dem kleinen Mann in Weiß niedergelassen. Zwei Schwalben stürzten in der Stille zirpend auf ihn herab.

Wind hob ihm die weiße Mozetta, als würde er vielleicht doch noch einmal selbst das Fliegen lernen können. Das goldene Kreuz auf seiner Brust funkelte in der Sonne. Jesus hat diese Mauer schon gesehen, weiß der Papst. Maria, seine Mutter, hatte das Klopfen der Steinmetze in ihrer Kindheit vor der Haustüre ihrer Eltern gehört.

Die Wand ist ein steinerner Spiegel der Zeiten. Gott schaut durch die Ritzen der Mauer auf sein zurück gekehrtes Volk, glauben viele. Und dies ist gewiss: die Klagemauer ist eine Staumauer der Geschichte Israels auf dem Weg durch die Zeit.

Benedikt blickte reglos auf die Steine. Nach einem hebräischen Psalm trug er mit fester Stimme den 122 Psalm auf lateinisch vor: Ich freute mich, als man mir sagte: ‚Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern.’ / Schon stehen wir in deinen Toren, Jerusalem. (...) / Wer dich liebt, sei in dir geborgen. / Wegen meiner Brüder und Freunde will ich sagen: In dir sei Friede. / Wegen des Hauses des Herrn, unseres Gottes, / will ich dir Glück erflehen.“

Es ist der Psalm aller Jerusalem-Pilger. Schon Johannes Paul II. hatte ihn hier gebetet - den Benedikt XVI. gleichwohl nie imitiert, auch nicht mit seiner Botschaft, die er auf einem Zettel in eine Ritze der Mauer schiebt wie ungezählte Pilger vor ihm.

Schweigend bleibt der Papst danach vor der Mauer stehen, aufrecht. Eine Minute, zwei? Eine Ewigkeit. Natürlich betet er. Verbeugt sich leise. Dreht sich um – und macht sich danach auf zum Ursprung der Christenheit, dem Abendmahlssaal auf dem Zionsberg, während sein Pressesprecher Lombardi in Jerusalems Rathaus Journalisten auf deren beharrliches Nachfragen noch einmal mehr versichern muss, dass Joseph Ratzinger „niemals, niemals, niemals“ zur Hitlerjugend gehört habe.

Da ist der Papst aber schon auf Weg zum ersten wahren Höhepunkt dieser Pilgerreise im Josafat-Tal, wo Jesus schon über Jerusalem weinte, am Ort des Jüngsten Gerichts der Judenheit zwischen Ölberg und Tempelberg, um die Christen der Stadt in ihrem „Kampf der Hoffnung gegen Verzweiflung, Frustration und Zynismus“ zu stärken.

Ergriffener, ergreifender war er nie und nirgends. Eigentlich hat Benedikt XVI. hier keine Chance, doch er nutzt sie bestens.

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