Bob Geldof

"Hilfe für Afrika schon aus Egoismus sinnvoll"

Seit einem Vierteljahrhundert kämpft der Popstar Bob Geldof unermüdlich für den afrikanischen Kontinent. Ein mühseliger Job, der ihm nicht nur Sympathien einbringt. Im Interview mit der "Welt am Sonntag" spricht er über Anfeindungen, Silvio Berlusconi und seine persönliche Anti-Krisen-Strategie.

Welt am Sonntag: Sind Sie bei Facebook angemeldet?

Bob Geldof: Nein.

Welt am Sonntag: In dem Netzwerk gibt es Fan-Gruppen wie „Bob Geldof ist eine Legende“, „Nobelpreis für Bono und Bob Geldof“, aber auch Anti-Foren wie „Fuck off and live in Africa“ oder „Kill and eat Bob Geldof“...

Geldof: (lacht) Ehrlich gesagt finde ich das ganz lustig. Die Sache mit Bono und mir ist, dass wir wahlweise als Blitzableiter oder Prügelknabe dienen. Es ist bequem, uns für Kritik an Entwicklungshilfe herhalten zu lassen. Und ich kann kaum so tun, als wäre ich ein studierter Wirtschaftswissenschaftler… Kennen Sie den Wahrsager-Witz?

Welt am Sonntag: Nein

Geldof: Wahrsager wurden nur aus einem Grund erfunden: damit Ökonomen mit ihren Prognosen besser dastehen.

Welt am Sonntag: Eine Ökonomin aus Sambia, Dambisa Moyo, hat gerade ein Buch veröffentlicht: „Dead Aid“. Sie bezeichnet Entwicklungshilfe darin als „tödlich“ – weil sie nur Inflation, Korruption und Bürokratie hervorbringe.

Geldof: Das Buch passt zum Zeitgeist, in einer Finanzkrise fallen solche Aussagen auf fruchtbaren Boden. Und Dambisa Moyo ist eine hübsche Frau, telegen, clever, Oxford-Absolventin. Sie hat nur eine Achillesferse.

Welt am Sonntag: Und die wäre?

Geldof: Ihr Arbeitgeber. Goldman Sachs. Nur zur Erinnerung: Das ist die ehemalige US-Investment-Bank, die Kredite bekam, um wenigstens als Geschäftsbank zu überleben. So viel zu „Dead Aid“...

Welt am Sonntag: Sie kämpfen seit 1984 für Afrika. Ärgert Sie so ein Buch?

Geldof: Im Gegenteil, es ist fantastisch. Diese Sprüche – Entwicklungshilfe versickert eh, sie macht abhängig und unproduktiv –, das denken so viele. Das Buch bringt sie an die Öffentlichkeit, und so lassen sich die Argumente auch öffentlich widerlegen. Hilfe wirkt. Der Schuldenerlass 1999 hat 34 Millionen afrikanischen Kindern Schulbildung ermöglicht, drei Millionen Menschen pro Jahr erhalten dort Aidsmedikation. Kostenlos.

Welt am Sonntag: Inhaltlich fährt Moyo schwere Geschütze auf: nervige Popstars, die sich anmaßen, für ganz Afrika zu sprechen...

Geldof: Ich will nicht verbal Pingpong spielen. Die Liste ihrer Kritiker ist lang genug und hochkarätig: der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz, Mo Ibrahim, der Bill Gates von Afrika, und, und, und… Südafrikas Finanzminister Trevor Manuel sagte letzte Woche zu mir: „Dead Aid – dead wrong“.

Welt am Sonntag: Anfang Juli beginnt der G-8-Gipfel, Afrika steht wieder auf der Tagesordnung. Ist Italien der richtige Gastgeber?

Geldof: Italien hat erst drei Prozent der finanziellen Zusagen für Afrika erfüllt. Drei Prozent, grotesk. Welchen Eindruck will Berlusconi denn bitte vermitteln? Dass man sich auf Italien zu drei Prozent verlassen kann? Lächerlich. Dabei ist er der einzige der G-8-Regierungschefs, der persönlich das Dokument in Gleneagles unterzeichnet hat. Seine Unterschrift wirkt sich unmittelbar auf das Leben von Millionen Menschen aus. Damit bekommt sie doch eine gewisse moralische Qualität. Oder klingt das frömmelnd?

Welt am Sonntag: Nein, aber hat Berlusconi im Augenblick nicht andere Sorgen? Sein Privatleben…

Geldof: ....beflügelt die italienischen Medien. Das ist seine Sache.

Morgenpost Online: Befürchten Sie, dass die Finanzkrise das Interesse an Afrika in den Hintergrund rückt?

Geldof: Ganz ehrlich – wenn jemand zu mir käme und sagte: Bob, wir haben echte wirtschaftliche Probleme bei uns im Land, die gehen vor – ich würde einhundertprozentig zustimmen. Jede Regierung, die sich nicht zuerst um die eigene Bevölkerung kümmert, handelt pflichtvergessen. Umso mehr weiß ich die deutschen Anstrengungen für Afrika zu schätzen.

Welt am Sonntag: Aber in Zeiten der Krise sollte Eigennutz Vorrang haben?

Geldof: Ja, denn auch davon würden die Afrikaner profitieren.

Welt am Sonntag: Noch mal für Doofe, bitte.

Geldof: Wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Afrika ist schon aus reinem Egoismus sinnvoll. 100 Euro an deutscher Wirtschaftshilfe – ob als Darlehen, technisch, personell – bringen 140 Euro nach Deutschland zurück, durch Handel, Steuern und so weiter. Bis zu dreihunderttausend deutsche Jobs hängen schon jetzt davon ab. Die Hilfe amortisiert sich. Das sind übrigens keine „Bob Geldof hat sie sich ausgedacht“-Zahlen, die Daten stammen von der CDU. Es geht einfach um knallharte Wirtschaftsinteressen. Man muss gar nicht auf gutmenschelndes, herzerwärmendes Zeug zurückgreifen oder die Millionen, die verhungern. Obwohl sie natürlich nicht verhungern würden, wenn die Wirtschaft funktionierte. Obama wird auf dem G-8-Gipfel starke Initiativen vorstellen. Auch mit Blick auf das laufende Haushaltsverfahren sollte Deutschland nicht mit leeren Händen kommen.

Welt am Sonntag: So spricht „Saint Bob“.

Geldof: Noch mal, wenn Afrika sich nicht entwickelt, können die Afrikaner unser Zeug nicht kaufen. So einfach ist das. Wenn wir die Hälfte der globalen Bevölkerung – die Ärmsten – außen vor lassen, bleibt das Weltwirtschaftssystem asymmetrisch und scheitert. Wir reden über 0,51 Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung, die die europäischen G-8-Staaten ab 2010 für Afrika bereitstellen sollen. Mit Betonung auf null Komma. Die Summe liegt bei rund 40 Milliarden Euro – für 48 afrikanische Staaten. Zum Vergleich: Großbritannien hat faule Kredite der Lloyds Bank in Höhe von 290 Milliarden Euro abgesichert. Und wir reden hier nur von einer einzigen Bank.

Welt am Sonntag: Geschenkt – etliche Banken haben miserabel gewirtschaftet. Aber in Afrika gibt es noch ein gewisses Problem namens Korruption.

Geldof: Korruption ist ein Armutssymptom. Wohlhabende Leute sind viel schwerer korrumpierbar. Werden wir die Armut los, verschwindet ein Großteil der Korruption.

Welt am Sonntag: Nehmen Sie an.

Geldof: Ja. Ich will nichts beschönigen, Korruption ist verwerflich und hemmt wirtschaftlichen Erfolg. Aber sie blockiert ihn nicht! China steht in Sachen Korruption schlechter da als eine Reihe afrikanischer Staaten. Haben Sie den Eindruck, dass die Wirtschaft dort deshalb nicht wächst? Wohl kaum. China wiederum investiert in ganz Afrika.

Welt am Sonntag: China als Vorbild? Interessant.

Geldof: Die Chinesen haben es wenigstens begriffen. Und nicht nur sie. Wirtschaftsexperten sahen Afrika lange als „hoffnungslosen Kontinent“. Das ist Geschichte, Afrika ist der zehntgrößte Wirtschaftsraum der Welt. Bill Gates, Warren Buffett, Rupert Murdoch – sie alle haben ihre Meinung revidiert. Sie sehen dort Werte, Märkte, Möglichkeiten. Wenn die Wirtschaftsriesen des 21. Jahrhunderts das tun, dann doch nicht, weil sie Popsänger oder Herz-Schmerz-Gutmenschen sind.

Welt am Sonntag: Sondern?

Geldof: Weil sie nachdenken. Warum sollten sich Politiker daran kein Beispiel nehmen? Afrika hat in den letzten Jahren einen riesigen technologischen Sprung gemacht.

Welt am Sonntag: Mit Waffentechnologie?

Geldof: Mit Mobiltelefonen. Früher musste eine Dorfbewohnerin drei Stunden zum Schlachter laufen, um dort festzustellen, dass kein Fleisch mehr da ist. Also sechs Stunden Hin- und Rückweg umsonst. Heute schickt ihr Sohn aus der Stadt eine Art Guthaben per SMS, das wird als Zahlungsmittel anerkannt. Sie leitet es per Handy weiter zum Schlachter und bestellt das Fleisch, das dann auch vorhanden ist, wenn sie kommt.

Welt am Sonntag: Praktisch.

Geldof: Nicht? Ich vergleiche das gern mit Irland. Die Briten haben die Industrialisierung dort blockiert. Irland sollte als Brotkorb für London dienen. Als wir unabhängig wurden, ließ sich mit Landwirtschaft kaum Gewinn machen. Die EG war eine Hilfe, klar, aber vor allem hat die Politik auf Bildung gesetzt. Wohin also gingen die Unternehmen? Zu den jungen, gut ausgebildeten Iren, wo sie wenig Steuern zahlen mussten. Die Republik Irland ist heute der größte Softwareexporteur der Welt, außerdem wird Viagra dort hergestellt. In Cork herrscht gewissermaßen Dauererektion, weil der Pharmakonzern Pfizer da sitzt... (lacht)

Welt am Sonntag: Investieren Sie selbst in Afrika?

Geldof: In Afrika investiere ich meine Zeit. Viel Zeit. Die hat einen sehr messbaren Wert. Was Aktien oder Fonds betrifft, das mache ich grundsätzlich nicht. Egal wo. Da könnte ich auch auf Pferde wetten.

Welt am Sonntag: Die Finanzkrise hat Sie also überhaupt nicht getroffen?

Geldof: Nein. Da sehen Sie’s: Sie sollten auf mich hören.