Begeisterter Empfang

Barack Obama triumphiert in Prag

| Lesedauer: 8 Minuten
Hans-Jörg Schmidt

Barack Obamas Tournee endet nach Stationen in Straßburg und Prag mit einem Triumph. Auf dem geschichtsträchtigen Platz vor der Prager Burg trifft er auf begeisterte Prager und auf eine Reihe von Landsleuten. Mit seinem Traum von einer Welt ohne Atomwaffen kann der US-Präsident beide Seiten begeistern.

Die tschechische Hauptstadt liegt noch im Dunkeln der Nacht, als sich die Ersten schon auf den Weg machen. Junge Amerikaner sind es, die in einer der vielen Kneipen auf der barocken Kleinseite unterhalb der Burg die Stunden gezählt hatten. Sie seien „so glücklich, dass unser Präsident nach Prag kommt“, sprudelt es aus John und Kelly heraus, die zur Feier des anbrechenden Tages Obama-Shirts angezogen haben.

Sie gehören zu den 40.000 Amerikanern, die teilweise seit vielen Jahren in Prag leben „Wir haben eigentlich gehofft, dass der Präsident und Michelle abends durch die Altstadt bummeln. Aber wir haben sie nicht getroffen“, lächelt Kelly etwas traurig.

Konnten sie auch nicht. Das Präsidentenpaar war gleich nach der Ankunft in Prag am Samstagabend ins Hotel gefahren und hat es nicht mehr verlassen. Das Abendessen nahmen die Obamas in ihrer Suite ein, und dann beugte sich der Präsident noch einmal über seine angekündigte Rede an die Europäer, in der er die Vision einer atomwaffenfreien Welt entwarf. Kein tschechisches Bier, kein mährischer Wein. So verlockend die auch sein mögen, Obama kam nun einmal als Präsident und nicht als Tourist.


John und Kelly sind auf dem Weg zur Burg gegen vier Uhr morgens nicht mehr allein. Auch die ersten Tschechen haben sich aufgemacht, um den Präsidenten hautnah erleben zu können. „Ich bin wahnsinnig neugierig, den ersten Schwarzen im Weißen Haus ganz dicht sehen zu können“, plaudert Jana Novakova los, eine etwa 40-jährige Hausfrau. Am Revers ihrer Bundjacke hat sie ein kleines amerikanisches Fähnchen befestigt. „Leider werde ich Obama nicht verstehen können, dafür reichen meine Englischkenntnisse nicht aus“, fügt sie hinzu.


Die Amerikaner haben lange überlegt, wo Obama reden soll. Ein Platz in der Altstadt bot sich an, der den Namen Jan Palachs trägt, jenes Studenten, der sich 1969 aus Verzweiflung über das gewaltsame Ende des Prager Frühlings selbst verbrannt hatte.


Von diesem Platz hat man einen wunderschönen Blick auf die Burg und den alles beherrschenden Veitsdom, dessen Grundstein von Kaiser Karl IV. gelegt wurde. Ein Auftritt Obamas auf dem Palach-Platz hätte aber dazu geführt, dass im Prager Verkehr gar nichts mehr gegangen wäre. Also entschied man sich für die Burg – mit dem Blick hinunter auf die Stadt.

Die liegt gegen acht Uhr noch unter einer Dunstglocke. Man kann die Türme der barocken Nikolai-Kirche, die weltberühmte Karlsbrücke und das Rot der Dächer der Häuser, die sich an den Hang lehnen, nur erahnen. Auf dem Platz stehen die Leute dicht an dicht. Jeder musste durch eine Sicherheitsschleuse.

Anfangs hieß es, man dürfe nicht einmal Fotoapparat oder Handy mitführen. Das war dann aber doch zu übertriebene Vorsicht nicht der Amerikaner, sondern der tschechischen Gastgeber. Wie sollte man, bitte, so Fotos vom mächtigsten Mann der Welt und seiner bezaubernden Gattin machen?

Auf einer Großbildleinwand können die Menschen die Bilder des tschechischen Fernsehens live sehen. Die Obamas kommen eine halbe Stunde später als geplant aus dem Hotel. Der Grund: Nordkorea hat in der Nacht eine Langstreckenrakete gestartet. Obama ließ eine Erklärung verbreiten, in der von einem „provokatorischen Akt“ die Rede ist, mit dem Nordkorea „sich weiter von der Völkergemeinschaft isoliert“.

Als Barack und Michelle Obama auf der Prager Burg vorfahren, bricht ein erlösender Jubel bei den etwa 30.000 Wartenden aus. Es ist eine Atmosphäre wie vor einem Rockkonzert. Während sich Obama, der tschechische Präsident Václav Klaus und der amtierende Premier und EU-Ratsvorsitzende Mirek Topolánek zu einem Gespräch zurückziehen, bricht die Sonne endlich richtig durch.


Jetzt kann Obama zu den Leuten kommen – die Kulisse stimmt. Es gibt auch ein paar Pfiffe, aber sie gelten nicht dem Staatsgast, sondern Klaus und Topolánek. In der aktuellen innenpolitischen Krise Tschechiens veranstalten sie ein für viele Landsleute peinliches Fingerhakeln.


Unter Klängen aus Smetanas sinfonischer Dichtung „Mein Vaterland“ erklimmen Barack und Michelle Obama die Bühne, winken in das begeisterte Publikum. Fähnchen werden geschwenkt. Antiamerikanismus müssen die beiden hier nicht befürchten. Die Tschechen sind den USA dankbar, verraten sahen sie sich dagegen in der NS-Zeit von ihren vermeintlichen europäischen Verbündeten. Schon der Grundstein für den tschechoslowakischen Staat 1918 wurde in Philadelphia gelegt. Obama erinnert an diese Zeit, im Angesicht eines überlebensgroßen Denkmals des Staatsgründers Tomas G. Masaryk.

Er findet den richtigen Ton auch, als er die jüngere Vergangenheit in Erinnerung ruft: den Prager Frühling und die „samtene Revolution“. Prag sei Beleg dafür, dass man die Welt verändern könne. Moralische Führung sei machtvoller als militärische Macht. Ein Satz, bei dem Obama an Václav Havel gedacht haben mag, den er zum Ende des Besuchs in Tschechien unbedingt sehen wollte. Am Samstag war schon Hillary Clinton bei Havel.

Dann kommt der amerikanische Präsident zum zentralen Thema. Er spricht über die Atomwaffenarsenale, das „gefährliche Erbe des Kalten Krieges“. Und er entwirft seinen Plan, damit die Menschen „frei von Furcht vor diesen Waffen leben können“. Es sei fundamental für die Sicherheit der ganzen Welt, die Weiterverbreitung nuklearer Waffen und nuklearer Technologien zu verhindern.

Obama erinnert daran, dass die USA bislang als einziges Land jemals Atomwaffen eingesetzt haben. Daraus leitet er die moralische Verpflichtung der USA ab, zu handeln – auch wenn er, Obama, nicht sicher sei, ob eine atomwaffenfreie Welt noch erleben werde.

Besonders hellhörig werden die Tschechen beim Thema Raketenschutzschild. Das ist heikel und alles andere als unumstritten in Prag. Für den Schutzschirm sollen in Polen Abfangraketen stationiert und in Westböhmen eine große Radarstation errichtet werden. Die Mehrheit der Tschechen lehnt das ab, die meisten ihrer Politiker sind dafür. Über Obamas Haltung zu dieser Grundfrage wurde bislang gerätselt.


Nun spricht er Klartext: „Solange die Bedrohung durch den Iran anhält, wollen wir mit dem Verteidigungssystem weitermachen.“ Auch da Jubel bei den meisten Zuhörern. Ein paar Hundert Gegner des Projekts demonstrieren unterhalb der Burg. Völlig friedlich.

John und Kelly werden noch einmal besonders berührt, als der Präsident auf den Klimaschutz eingeht und einen spürbaren Wechsel in der amerikanischen Klimapolitik ankündigt. Washington sei jetzt zur Führung auch auf diesem Feld bereit. Am Ende stehen die beiden Amerikaner leider doch zu ungünstig, um Obama nach dem Abschluss seiner bejubelten Rede die Hand zu schütteln. An die zehn Minuten nehmen Barack und Michelle ein Bad in der Menge, das den Sicherheitsleuten den Schweiß auf die Stirn treibt.

Ein Foto haben John und Kelly immerhin schießen können. Sie zeigen es stolz herum. Auch Jana Novakova ist zufrieden. „Das war ein super Erlebnis, auch wenn ich ziemlich fußlahm bin“, schwärmt die Tschechin und kehrt mit den Massen langsam zurück in die Stadt.

Die Obamas werden da bereits in das Kongresszentrum gefahren, wo die Staats- und Regierungschefs der EU auf sie warten. Immerhin kann Michelle auch noch einen Abstecher in das alte jüdische Viertel Prags unternehmen. Für mehr reicht es diesmal nicht in der Goldenen Stadt. Die macht sonnenüberflutet indessen ihrem Kosenamen alle Ehre.

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