Mord an Hamas-Mitglied

Die Spur der Killer von Dubai führt zum Mossad

Im Mordfall Mahmud al-Mahbouch erhärtet sich der Verdacht gegen den Mossad. Das Killerkommando, von dem das Hamas-Mitglied getötet wurde, ging nach Methoden des israelischen Geheimdienstes vor, besonders bei der Beschaffung falscher Identitäten. In Israel sorgt man sich nun um diplomatische Konsequenzen.

Es begann mit einigen wunderlichen E-Mails am Dienstagmorgen. Dann, noch vor dem Frühstück, kamen die ersten Telefonanrufe von überraschten Freunden und besorgten Familienangehörigen. Am Nachmittag konnte Melvyn Adam Mildiner aus der Kleinstadt Bet Schemesch unweit Jerusalems sich vor Telefonanrufen kaum mehr retten. Auf die Frage, wie er sich fühle, antwortete er da nur noch, er sei verwirrt. „Ich bin abends mit einer Lungenentzündung ins Bett gegangen und am nächsten Tag als Mörder wieder aufgewacht.“

Denn ein Melvyn Adam Mildiner wird von der Polizei in Dubai wegen des Mordes an dem Hamas-Mitglied Mahmud al-Mahbouch am 20. Januar gesucht. Und jener mordende Melvyn Adam Mildiner hat dieselbe Reisepassnummer wie der junge Mann aus Bet Schemesch. Es beruhigt den echten Melvyn Mildiner nur wenig, dass die Pässe sich immerhin durch die Unterschrift, ein anderes Geburtsdatum und das Passfoto unterscheiden. Wer ihm seine Identität gestohlen hat, weiß Mildiner nicht, er habe nicht einmal eine Vermutung.

Daten mehrerer Briten wurden missbraucht

Mildiner ist nicht der einzige in Israel lebende Brite, der sich überraschend auf der Fahndungsliste wieder fand. Während irgendjemand mit seiner Passnummer und auf seinen Namen nach Dubai einreiste, lebte Paul John Keeley nichts ahnend im Kibbutz Nachscholim. Auch Steven Daniel Hodes und Michael Lawrence Barney waren schockiert und etwas ängstlich, als sie von dem Missbrauch ihrer Daten erfuhren.

Wie viele der Täter mit gestohlenen oder leicht modifizierten Identitäten in das Emirat eingereist sind, ist noch nicht klar. Die irische Regierung ist sich sicher, dass die Passnummern der drei angeblich irischen Täter niemals ausgegeben wurden. Auch die deutschen Behörden versichern, die Passnummer eines Michael Bodenheimer sei entweder nicht korrekt oder unvollständig. Dennoch erhärtet sich nun die Vermutung, der israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad könnte hinter dem Mord stecken.

Professionelles Vorgehen der Mörder

Der Verdacht war schon aufgekommen, als der Polizeichef von Dubai am Montag auf einer Presskonferenz anhand von Videoaufnahmen der Überwachungskameras den Tathergang rekonstruierte. Die Täter gingen äußerst professionell vor: Sie kamen auf verschiedenen Flügen ins Land, sie stiegen nicht im selben Hotel ab, bezahlten alles bar und nutzten für ihre Telefongespräche kein lokales, sondern ein europäisches Netz.

Sie wussten um die Überwachungskameras und versuchten, mit Baseballmützen, Brillen, angeklebten Schnurrbärten und möglicherweise sogar Perücken ihr wahres Aussehen zu verschleiern. Als die Leiche al-Mahbouchs gefunden wurde, hatten sie das Land schon wieder verlassen. Zwischen ihrer Ein- und Ausreise lagen nicht einmal 19 Stunden. Dass nun die Spuren einiger der von ihnen genutzten Pässe nach Israel führen, erhärtet die Vermutung.

Gefälschte Ausweise sind beim Mossad Standard

Es wäre nicht das erste Mal, dass der Geheimdienst gefälschte Pässe lebender israelischer Doppelstaatsbürger einsetzt. Einer der Mossad-Agenten, die 1997 in Amman den Hamas-Führer Chaled Meschal töten wollten, war mit einem kanadischen Pass auf den Namen Shawn Kendell nach Jordanien eingereist. Wäre die Operation nicht schief gelaufen, hätte niemand etwas davon erfahren.

Doch nach der Festnahme der israelischen Agenten wurde der wahre Shawn Kendell mehrfach vom kanadischen Geheimdienst befragt. Kendell war in Toronto geboren und lebte in Israel. Die Kanadier kamen zu dem Schluss, dass der vom Mossad benutzte Pass eine Fälschung war, die aber auf dem Originaldokument des wahren Shawn Kendell basierte.

Gefälschte Ausweisdokumente waren schon immer Teil auch der israelischen Geheimdienstarbeit: 1979 wurden in einer Telefonzelle in Bonn einige gefälschte britische Pässe gefunden, die der Mossad seinen Agenten für Verhandlungen über geheime Waffengeschäfte mit China besorgt hatte. Die Agentin Sylvia Rafael wurde bei ihrem Rachfeldzug gegen die Terroristen des Olympiaattentats von München 1973 in Norwegen mit einen falschen kanadischen Pass festgenommen.

Sorge um diplomatische Konsequenzen

Doch die Zeiten habe sich geändert: Aufgrund der internationalen Vernetzung wird es immer riskanter, vollständig gefälschte Papiere einzusetzen. Mit dem zunehmenden Einsatz biometrischer Daten werden die Geheimdienste noch mehr auf den Einsatz legitimer Ausweise angewiesen sein. So scheute der Mossad 2004 keine Mühen um in den Besitz eines oder mehrer authentischer Reispässe aus Neuseeland zu kommen. Der Versuch flog auf, die Agenten verbrachten ein halbes Jahr im Gefängnis, Neuseeland brach die diplomatischen Beziehungen ab und Israel musste sich schließlich entschuldigen.

In Israel fürchten nun einige, Israel könnte eine ähnliche diplomatische Krise mit Großbritannien und den anderen betroffenen europäischen Nationen drohen. Eine scheinbar erfolgreiche Mission könne dadurch noch zum politischen Fiasko werden, warnte die Zeitung Haaretz am Mittwoch auf der Titelseite und forderte gleich den Rücktritt von Mossad-Chefs Meir Dagan.

Diskussion um Nutzen und Schaden der Operation

Angeregt wird in den israelischen Medien nun diskutiert, ob der Gewinn solch riskanter Einsätze wirklich den möglichen politischen Schaden aufwiegt. Denn Al-Mabhouch war für die Israelis zweifellos ein Ziel: Er soll eine wichtige Vermittlerrolle zwischen Syrien, dem Iran und der Hamas eingenommen haben und für den Waffenschmuggel nach Gaza mitverantwortlich gewesen sein. Schließlich stellt sich die Frage, ob ein Staat die Ausweispapiere seiner eigenen Bürger missbrauchen darf, um in anderen Staaten Gesetze zu brechen?

Letztlich werden diese Fragen aber in einem Informationsvakuum diskutiert, da Israel sich zu dem Vorfall kaum offiziell äußern wird. Denn eben um internationale Verwicklungen zu vermeiden, bekennt Israel sich nie zu solchen Taten. Es streitet aber auch nie eine Beteiligung ab, weil selbst der möglicherweise falsche Eindruck der Täterschaft zur Abschreckung beiträgt. Auch bei dem jüngst im Iran ermordeten Atomphysiker oder den 2008 getöteten Hisbollah-Führer Mughnijah blieb es deshalb bei Vermutungen, dass die die Israelis dahinter stecken könnten.