Verdacht der fahrlässigen Tötung

Großrazzia nach Einsturz des Kölner Stadtarchivs

Mit einer bundesweiten Großrazzia will die Staatsanwaltschaft Köln herausfinden, wer die Verantwortung für den Einsturz des Stadtarchivs trägt. Nachdem OB Fritz Schramma bei der Kommunalwahl im August nicht mehr antreten will, muss die Kölner CDU sich eilig um einen Nachfolger bemühen. Viele Anwärter gibt es nicht.

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Einen Monat nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs hat die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungsarbeit verstärkt und Razzien durchgeführt. Mit Hilfe von mehr als 200 Polizeibeamten wurden am Montag bundesweit 40 Büros durchsucht und zahlreiche Unterlagen beschlagnahmt. Davon war vor allem auch die Zentrale der Kölner Verkehrs-Betriebe AG, kurz KVB genannt, betroffen.

Der Verdacht der fahrlässigen Tötung und der Baugefährdung richtet sich weiterhin gegen Unbekannt. Deshalb betonte die Staatsanwaltschaft, dass es sich bei den aufgesuchten Unternehmen nicht um Verdächtige handele. Vielmehr sei die Razzia als „Routinearbeit“ einzustufen. Die Beteiligten seien überaus kooperativ – „aber bei einem Unglück solchen Ausmaßes können wir uns auf keinen blind verlassen“, sagte ein Sprecher auf Anfrage von Morgenpost Online.

Beim Einsturz am 3. März waren zwei Menschen ums Leben gekommen und Tausende wertvoller Archivalien verschüttet worden. Als Ursache wird ein Erdrutsch in einer nahen Baugrube der Nord-Süd-Stadtbahn angenommen. Bauherrin ist die KVB. Die Staatsanwaltschaft hat drei Gutachter engagiert, die das beschlagnahmte Material sichtet und Planungen des U-Bahn-Projekts sowie Bauausführung und -leitung auf Versäumnisse und Fehler hin untersucht. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Aufklärungsarbeit Monate dauern wird.

Inzwischen wurde durch interne Aufzeichnungen deutlich, dass es in der Baugrube Waidmarkt nahe des Stadtarchivs monatelang Probleme mit eindringendem Grundwasser geben hat. Die Baufirmen selbst sprachen von einem „hydraulischen Grundbruch“ und warnten die KVB vor Verzögerungen bei Sicherungsmaßnahmen. Zeitgleich zu den Razzien wurde in einer wichtigen Sitzung des KVB-Aufsichtsrats ein denkwürdiger Beschluss gefasst: Ein Antrag von SPD, Grüne und Linke den technischen Vorstand Walter Reinarz (CDU) abzuberufen, wurde mit großer Mehrheit der Betriebsräte und CDU abgelehnt.

Unterdessen hat Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) scharfe Kritik wegen fehlender politischer Unterstützung in der Krise geübt. Das 61-jährige Stadtoberhaupt hatte am Sonntag überraschend den Rückzug angekündigt und auf eine erneute Spitzenkandidatur bei der Kommunalwahl verzichtet. Als Ursache hatte Schramma in seiner Erklärung angegeben, er wolle nicht, dass das Unglück im Kommunalwahlkampf instrumentalisiert werde.

In Interviews mit drei Regionalzeitungen beklagte der 61-jährige auch fehlende politische Unterstützung. „Von der Landes-CDU hätte ich mir mehr Unterstützung und Offenheit erwartet“, sagte Schramma der „Kölnischen Rundschau“. Er habe vergeblich versucht, den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten und CDU-Landeschef Jürgen Rüttgers zu erreichen. „Er ist nicht ans Telefon gegangen. Ich habe es von Samstagmittag bis nachts um ein Uhr versucht und am Sonntagmorgen noch einmal. Das war eine herbe Enttäuschung“, sagte Schramma.

Zwar hatte der Generalsekretär der NRW-CDU, Hendrik Wüst, am Samstagabend noch betont, Berichte über eine angebliche Distanzierung des Landesverbandes von Schramma entbehrten jeglicher Grundlage. Doch dem Betroffenen signalisierte dies offensichtlich zu wenig Unterstützung. Immerhin hatten Medien kolportiert, dass in Rüttgers’ Umgebung Unzufriedenheit herrsche.

Zudem wurde Konrad Adenauer, der älteste Enkel des gleichnamigen ersten deutschen Bundeskanzlers, erwähnt, der seine mögliche Bereitschaft für eine Kandidatur bekannt gab, falls Schramma nicht antreten würde. Adenauer wies das Ansinnen zwar am Sonntag auf Morgenpost Online zurück, doch da war Schrammas Entschluss zum Rückzug längst gefällt. „Mit einem solchen Amt so umzugehen, dass ich mich einerseits anbiedere auf dem Markt und dann aber bei der ersten konkreten Nachfrage Nein sage, da würde sich sein Großvater im Grabe umdrehen“, so drastisch ließ sich der OB weiter zitieren.

Die Kölner CDU sucht nun fieberhaft nach einem Ersatzkandidaten. Prominente einheimische Bundespolitiker wie Wolfgang Bosbach oder Ursula Heinen haben abgesagt. Den neuen Kandidaten erwartet ein große Herausforderung: Er muss sich nicht nur gegen SPD-Konkurrenten profilieren, sondern auch gegen den Oberbürgermeister.