Wahl in Indien

Mittelstand trotzt dem Terror linker Rebellen

Zum Auftakt der Parlamentswahl in Indien sind mehrere Menschen Anschlägen zum Opfer gefallen. Linke Rebellen schlugen im Osten des Landes zu, um die Wahl zu stören. Der Terror führt dazu, dass der Mittelstand seine Politikverdrossenheit ablegt – für das Schicksal der weltgrößten Demokratie eine gute Entwicklung.

Foto: AFP

Maoistische Rebellen haben zum Auftakt der indischen Parlamentswahl im Osten des Landes mindestens 17 Menschen getötet. Die Nachrichtenagentur PTI meldete, bei einem Bombenanschlag auf einen Bus der paramilitärischen Grenztruppen im Bundesstaat Jharkhand seien sieben Sicherheitskräfte und zwei Zivilisten ums Leben gekommen. Im benachbarten Chhattisgarh starben nach PTI-Angaben fünf Mitarbeiter der Wahlkommission bei der Explosion einer Landmine. Zudem sei ein Polizist bei einem Maoistenangriff auf ein Wahllokal getötet worden. Auch im Bundesstaat Bihar seien zwei Polizisten erschossen worden.

Die Maoisten haben ebenso wie muslimische Extremisten im indischen Teil Kaschmirs zum Boykott der Wahl aufgerufen. Nach Angaben der staatlichen Wahlkommission sind landesweit Hunderttausende Sicherheitskräfte im Einsatz, um die Wahl zu sichern. Trotz der schlechten Nachrichten gibt es Grund zur Hoffnung, dass Indien einen Wandel in Politik und Gesellschaft erlebt.


Für diesen Wandel will Captain G.R. Gopinath stehen. Er hat den Papierdrachen zu seinem Symbol auserkoren. Bei den Wahlen zum neuen indischen Unterhaus, die sich über insgesamt vier Wochen erstrecken, soll dieses fliegende Kinderspielzeug ihn auf den Wahlzetteln symbolisieren. Die Entscheidung für ein solches Symbol ist ungeheuer wichtig in Indien, denn viele der 714 Millionen Wähler sind Analphabeten und entscheiden einzig und allein anhand des Symbols, welche Partei oder welcher unabhängige Kandidat ihre Stimme bekommt.

"Der Drache ist ein Symbol der Freiheit. Der Freiheit des Ausdrucks, der Ideen und der Religion." Der ehemalige Armeeoffizier und Gründer der indischen Billigfluglinie Air Dekkan, von seinen Freunden kurz Gopi genannt, tritt als unabhängiger Kandidat in der südindischen Hightech-Metropole Bangalore an. Der 57-Jährige will gesellschaftliche Veränderung. Auslöser für seine politischen Ambitionen waren die fundamentalistischen Übergriffe in seinem Heimatstaat Karnataka. Seit ein paar Monaten haben diese Attacken eines wütenden ultrahinduistischen Mobs zugenommen: Frauen werden angegriffen, wenn sie westliche Kleidung tragen, in Bars trinken oder einfach abends allein auf der Straße unterwegs sind. Die Behörden stehen dem Hindu-Terror weitgehend tatenlos gegenüber. Das muss sich ändern, meint Gopi.


"Ich kämpfe, um zu gewinnen und Veränderung in der Gesellschaft zu bewirken", erklärt er. "Ich stehe nicht für eine Partei. Sonst hätte ich mich auch einer der bekannten politischen Fraktionen anschließen können. Ich steige in die Politik ein, um verantwortungsbewusste Regierungsführung und soziale Harmonie zu bringen."


Gopi ist nicht der einzige indische Unternehmer, der sich aus Enttäuschung über die amtierende Regierung und deren Personal nun selbst in die Politik gestürzt hat und zur Wahl des Unterhauses, der Lok Sabha, antritt. Auch die Bankerin Meera Hiranandani Sanyal bemüht sich um einen der 543 Sitze im neuen Parlament. Für sie waren die Terroranschläge in ihrer Heimatstadt Bombay (Mumbai) im vergangenen November eine Art Weckruf. Einer ihrer Kollegen war dabei umgekommen. Meera ist noch immer schockiert über das absolute Versagen der Behörden und der politischen Führung Indiens, die der dreitägigen Belagerung durch die Terroristen wenig entgegenzusetzen hatte und weitgehend paralysiert erschien.

Bauern und Handwerker entschieden bislang Wahl

Dass sich der urbane indische Mittelstand so aktiv in die Politik einbringt, ist neu. Bisher war es vor allem die Landbevölkerung, immerhin zwei Drittel aller Inder, die von den Kampagnen der großen Parteien angesprochen werden sollte, und diese Bauern und Handwerker entschieden die Wahlen. Die Wahlbeteiligung bei den reicheren Städtern ist deutlich geringer als unter den armen Farmern, die ihre Stimme oft auch kaufen lassen. Die Konzentration auf diese Wähler führt dazu, dass weniger national relevante Themen und ideologische Richtungen, sondern regionale Probleme im Vordergrund stehen. Außerdem liebt die ungebildete Landbevölkerung nationalistische Töne, die entsprechend von allen Parteien angeschlagen werden.

Der intellektuelle Mittelstand, der doch so entscheidend für Indiens Weg zur Supermacht ist, blieb bisher in der politischen Richtungsgebung weitgehend außen vor. Viele der besser Verdienenden, die sich Autos, Klimaanlagen und Privatschulen für ihre Kinder leisten können, sind noch nie in ihrem Leben zur Wahl gegangen. Captain Gopinath ist sich dieses Mankos sehr bewusst: "Können wir uns das Privileg leisten, indifferent zu bleiben?", fragt er zweifelnd. "Der Kokon, in dem wir uns bewegt haben, ist sehr zerbrechlich." Und nach den Bombay-Anschlägen ist vielen erschreckend klar geworden: Auch die Reichen brauchen eine Regierung, die sie beschützen kann.


Gopinaths Chancen, tatsächlich gewählt zu werden und etwas bewegen zu können, sind allerdings sehr gering. Möglich zwar, dass Kandidaten wie er einige wahlmüde Mittelständler zurück an die Urnen bringen. Doch ohne politische Erfahrung oder den Rückhalt einer der großen Parteien werden diese Einzelkämpfer in Indiens politischer Zukunft wohl kaum eine entscheidende Rolle spielen. Indiens große Parteischiffe mit ihren verkrusteten Ritualen, festgefahren und ohne Visionen, bestimmen das Geschehen rund um die Wahlen.

Wer sich verbündet, ist schwer vorherzusagen

Es läuft also wohl wieder auf die üblichen Alternativen hinaus: Der in Koalition regierende Kongress, die Partei Mahatma Gandhis und Jawarharlal Nehrus, die mit einer kurzen Unterbrechung fast seit der Unabhängigkeit Indiens an der Macht war, die Hindunationalisten der Bharatiya Janata Partei (BJP) und die verschiedenen Linksparteien, die sich erst im März zu einer sogenannten Dritten Front zusammengetan haben.

Die Umfragen weisen allerdings schon jetzt darauf hin, dass keine der beiden großen Parteien die nötigen Stimmen zusammenbringen wird, um künftig allein regieren zu können. Nach dem 16. Mai, wenn die Ergebnisse verkündet werden, wird es also wieder einmal auf eine Koalition hinauslaufen, auf verbissene Kuhhandel mit kleineren und regionalen Parteien. Wer sich am Ende mit wem verbündet, ist unmöglich vorherzusagen. In den vergangenen fünf Jahren musste die Kongresspartei mit den Kommunisten zusammenarbeiten, was viele nötige Maßnahmen durch dauernde, zähe Grundsatzdebatten im Keim erstickt hat. Experten befürchten, dass das neue Parlament sogar noch zersplitterter sein wird als das jetzige, da vermutlich viele Kleinstparteien einziehen werden.

Auch wenn er selbst dabei wahrscheinlich nicht mitmischen wird: Für Captain Gopinath ist seine Kandidatur eine Frage des Prinzips. Und immerhin, er sammelt viele Freiwillige aus Aufsteigerkreisen um sich, die ihre Politikverdrossenheit ablegen und ihn unterstützen. Einer von ihnen ist der Direktor von Infosys Technologies, T.V. Mohandas Pai. Er glaubt an die Fähigkeit des Air-Dekkan-Gründers: "In den letzten zehn Jahren hat Gopinath den Träumen der Mittelklasse Flügel verliehen."