Kommentar

Erika Steinbach hat Respekt und Dank verdient

| Lesedauer: 2 Minuten
Michael Wolffsohn

Erika Steinbach und dem Bund der Vertriebenen gebührt Respekt. Denn sie haben die Sache vor ihre Person gestellt. Nur wenige wissen um die Größe und Noblesse der deutschen Vertriebenen. Wenn alle Vertriebenen dieser Welt so dächten und handelten wie die deutschen nach 1945, sähe die Welt besser und friedlicher aus.

Erika Steinbach und dem Bund der Vertriebenen gilt mein Respekt. Nobel verzichten Person und Institution auf einen Posten. Ihnen ist die Sache – das Mahnen gegen jedwede Vertreibung – wichtiger als ihr Ich. Damit geben sie der ganzen Gesellschaft ein Beispiel.

Dessen Botschaft lautet: Ja, es gibt Höheres und Wichtigeres als das Eigeninteresse. Hier wird deutlich, was der Unterschied zwischen Staat und Gesellschaft ist. Jede Gesellschaft besteht aus vielen Teilgesellschaften und Partikularinteressen.


Partikularinteressen sind in Parteien oder „gesellschaftlichen Organisationen“ gebündelt. Keine Gesellschaft funktioniert ohne Gemeinschaft. Der Staat verkörpert als Institution die Gemeinschaft. Frau Steinbach und die Vertriebenen, also die Vertreter von Partikularinteressen, verzichten zugunsten des Funktionierens von Gemeinschaft auf ihre Partikularinteressen. Hut ab und Dank. Ihre Gegner im In- und Ausland haben weniger nobel gedacht und gehandelt.


Wissen „die Deutschen“, weiß „die Welt“ eigentlich um die Größe und Noblesse der deutschen Vertriebenen? Nein oder besser: nur wenige. Aufgrund meiner deutsch-jüdisch-israelischen Herkunft weiß ich die Haltung der deutschen Vertriebenen zu würdigen.


Nicht, dass ich bei allen ihren Äußerungen in Jubelstürme ausbräche, gewiss nicht, aber dieses geschichtliche Grundfaktum bleibt: Wenn alle Vertriebenen dieser Welt so dächten und handelten wie die deutschen nach 1945, sähe die Welt besser und friedlicher aus. Ich denke vor allem an den israelisch-palästinensischen Konflikt.

Die deutschen Vertriebenen haben bereits 1950, trotz und unmittelbar nach ihrer Vertreibung, klipp und klar auf die Anwendung von Gewalt bei der Durchsetzung ihrer Ziele verzichtet. Hätten die Palästinenser gestern, seit 1947/48, ebenso gehandelt, hätte es die vielen Nahostkriege nicht gegeben. Es flögen heute keine Raketen auf Israel und keine Bomben auf Gaza, und der Iran hätte kein Alibi, um Atombomben zu bauen.

Apropos Palästinenser: Als Frau Steinbach und die Vertriebenen damals noch ohne Bundesmittel Geldgeber zur Finanzierung des „Sichtbaren Zeichens“ gegen Vertreibungen suchten, wurden sie in Versuchung geführt. Nahöstliche, sagen wir, „Interessenten“ versprachen Geld, wenn das „Zentrum gegen Vertreibungen“ das Los der Palästinenser mit den deutschen Vertriebenen vergliche und dementsprechend darstellte. Frau Steinbach zeigte zur Tür.

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