Minuten-Interview

Was Politiker von normalen Patienten unterscheidet

Barbara Vonneguth-Günther ist Parlamentsärztin im Deutschen Bundestag. Im Minuten-Interview mit Morgenpost Online erzählt sie von den Beschwerden der Abgeordneten, erklärt wie sich ihr eigener Blick auf die Politik verändert hat und was Politiker von normalen Patienten unterscheidet.

Foto: Krauthoefer

Morgenpost Online : Was sorgt für mehr Patienten: Ein heißer Sommertag oder eine hitzige Debatte?

Barbara Vonneguth-Günther : Bei hitzigen Debatten an heißen Tagen gibt es besonders viel zu tun. Lange Plenarsitzungen sind schon eine starke Belastung für die Abgeordneten. Wenn dann noch das schwül-warme Wetter hinzukommt, kann es schon einmal gesundheitliche Probleme geben.

Morgenpost Online: Mit welchen Beschwerden kommen die Abgeordneten zu Ihnen?

Vonneguth-Günther : Das Übliche, wie in jeder anderen Allgemeinpraxis auch. Schnupfen, Rückenschmerzen, Bluthochdruck oder Diabetes. Ich behandele akute Beschwerden, übernehme für chronisch Kranke aber auf Wunsch auch die hausärztliche Betreuung.

Morgenpost Online : Worin unterscheiden sich Abgeordneten von anderen Patienten?

Vonneguth-Günther :Ich spüre, dass die Abgeordneten oft sehr unter Druck stehen, gerade jetzt im Wahlkampf. Sie haben oft einen sehr unregelmäßigen Tagesablauf, ernähren sich ungesund. Das ist sehr belastend für den Organismus, kann zu Erschöpfung und Schlafstörungen führen. Wichtig für die Abgeordneten ist natürlich ihre Stimme. Leiden sie vor einer entscheidenden Rede unter Heiserkeit, kommen sie zu mir. Ich kümmere mich auch darum, dass die Abgeordneten vor Auslandsreisen die notwendigen Impfungen erhalten.

Morgenpost Online : Sind jüngere Abgeordnete belastbarer als die älteren?

Vonneguth-Günther : Das ist nicht so sehr eine Frage des Alters, sondern der Erfahrung. Die Älteren können eher entscheiden, welcher Termin wirklich wichtig ist und wann es besser ist, zu Hause zu bleiben. So können sie sich ihre Kräfte besser einteilen als Jüngere.

Morgenpost Online : Haben Sie auch schon einmal einem Abgeordneten geraten, aus der Politik auszusteigen?

Vonneguth-Günther :Ich weise die Abgeordneten immer wieder darauf hin, dass sie mehr auf ihre Gesundheit achten sollen. Viele stehen unter dem Diktat des Funktionierens. Krankheitssymptome wollen sie gar nicht wahrnehmen. Ich kann mich an einen Fall erinnern, wo ich davon abgeraten habe, einen anstrengenden Termin wahrzunehmen. Ein klares Nein von mir als Ärztin kann in einer solchen Situation sehr hilfreich sein.

Morgenpost Online : Sprechen Sie mit Abgeordneten in Ihrer Praxis auch über Politik?

Vonneguth-Günther : Eigentlich eher selten. Die Abgeordneten sollen wissen, dass sie mit mir auf einer anderen, ganz unpolitischen Ebene reden können.

Morgenpost Online : Hat sich als Parlamentsärztin Ihr Blick auf die Politik verändert?

Vonneguth-Günther :Vor allem schaue ich anders Nachrichten. Wenn ich einen Abgeordneten, der vor kurzem noch mit Beschwerden in meiner Praxis war, am Abend im Fernsehen sehe, achte ich darauf, ob es ihm schon besser geht oder ob er müde aussieht. Da kann ich als Ärztin gar nicht anders.

Morgenpost Online: Steht Ihre Praxis auch den Besuchern des Reichstags offen?

Vonneguth-Günther :Oh ja, ich habe viele übernächtigte Schüler in meiner Praxis, die sich auf ihrer Klassenfahrt etwas zu sehr verausgabt haben und dann im Reichstag schlapp machen. Und es kommen zu mir auch vor allem ältere Besucher, die ihre Hochdrucktabletten vergessen haben oder unter akuter Kreislaufschwäche leiden. Auch wenn keine Parlamentarier im Haus sind, habe ich viel zu tun.

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